Jazz Musik: Album-Rezensionen

Aktuelle Artikel
Der ultimative Modernist: Agil unterwegs im Mysterium von Zeit und Raum
In den vergangenen zwanzig Jahren war Johnathan Blake die treibende Kraft hinter so vielen wichtigen Alben anderer Musiker, dass es höchste Zeit für ihn ist, endlich selbst ins verdiente Rampenlicht zu treten. Zwar hatte der Schlagzeuger und Komponist mit Musikern vom Kaliber eines Robert Glasper, Chris Potter, Tom Harrell, Mark Turner, Ben Street und Linda May Han Oh zuvor schon drei feine Alben für kleinere Labels eingespielt. Aber mit seinem Blue-Note-Debüt “Homeward Bound”, das in der ausländischen Presse bereits glänzende Kritiken erntete, signalisiert er nun, dass er den Vorwärtsgang einzulegen gedenkt. Im britischen Guardian beschrieb John Fordham die Musik von “Homeward Bound” als “fesselnden Post-Bop, Soul-Jazz und Coltraneschen Pop” und hob besonders Blakes Fähigkeit hevor, “schwerelos um einen Groove herumzuschweben und dabei ein emphatisches Fingerschnippen anzudeuten, das eher gefühlt als gehört wird”. Als Sohn des Jazzviolinisten John Blake Jr. war der 1976 in Philadelphia geborene Johnathan Blake von klein auf von Musik umgeben. Bereits als Zweijähriger wurde er von seiner Mutter im Kinderwagen zu Konzerten gekarrt, wenn sein Vater in Philly mit Größen wie Grover Washington Jr. oder McCoy Tyner auftrat. Besonders angetan war er dabei immer von mitreißenden Rhythmen. Deshalb fing er mit zehn Jahren an, Schlagzeug zu spielen. Nach Abschluss eines Jazzstudiums an der renommierten William Paterson University sammelte er in der Oliver Lake Big Band und an der Seite von Roy Hargrove und David Sánchez erste professionelle Spielerfahrung. 1999 wurde er Schlagzeuger der exzellenten Mingus Big Band, mit der er vier Alben aufnahm. Mit seinem starken, aber geschmeidigen Puls und seiner luftigen Präzision machte Blake in den letzten paar Jahren auch auf den Alben einiger Blue-Note-Künstler auf sich aufmerksam: den kürzlich verstorbenen Hammond-Organisten Dr. Lonnie Smith begleitete er auf “Breathe” (2021), “All In My Mind” (2018) und “Evolution” (2016) und den Pianisten Kenny Barron, dessen Trio er schon seit beinahe 15 Jahren angehört, auf “Concentric Circles” (2018). Auf “Homeward Bound” stellt Blake, den NPR einmal den “ultimativen Modernisten” nannte, nun seine neue eigene Band Pentad vor. Es ist ein Quintett mit Musikern, die sich ebenso agil wie er selbst in jenem Mysterium von Zeit und Raum bewegen. Formiert hat er Pentad mit dem Bassisten Dezron Douglas, mit dem er schon seit etlichen Jahren bevorzugt zusammenarbeitet, und drei jungen, gefeierten Virtuosen: dem Altsaxophonisten Immanuel Wilkins, dem Vibraphonisten Joel Ross und dem aus Kuba stammenden Keyboarder David Virelles, der hier Klavier, Fender Rhodes und Minimoog spielt. “Wir sind fünf Individuen, die sich mit einem gemeinsamen Ziel zusammengefunden haben: die ehrlichste Musik zu machen, die möglich ist”, sagt Blake. “Genau dafür steht auch der Name Pentad.” Die Besetzung hat er gewählt, um Musik mit einem volleren, stärker auf Akkorden basierenden Klang zu komponieren, als er ihn bei seinen früheren Projekten verwendet hat. Das Ergebnis ist ein intuitiver, dichter Sound, der Spontaneität zulässt und auf Vertrauen basiert. Das Album beginnt Blake mit einem Schlagzeug-Intro, das weniger seine Virtuosität als vielmehr seine Musikalität unterstreicht. Danach erinnert er in dem anrührenden Titelstück “Homeward Bound (For Ana Grace)” auf besonders einfühlsame Weise an die kleine Tochter des Saxofonisten Jimmy Greene und der Flötistin Nelba Marquez-Greene, die vor fast zehn Jahren bei der Sandy-Hook-Tragödie ums Leben kam. Im beschwingten “Rivers & Parks” zollte er wiederum zwei Kollegen Tribut: dem Saxofonisten Sam Rivers und dem Pianisten Aaron Parks. Zu den weiteren Highlights des Albums gehören eine wunderbare Interpretation von “Abiyoyo”, einem populären Kinderlied aus Südafrika, und vor allem die überraschende Schlussnummer “Steppin’ Out”. “Das ist einer meiner Lieblingssongs. Diese Melodie spielt sich einfach von selbst”, sagt Blake über den Joe-Jackson-Hit von 1982. Um dann lachend hinzuzufügen: "Die einzigen, die den Song kannten, waren Dezron und ich. Aber nachdem sich dann alle in das Stück vertieft hatten, spielte sich Immanuel den Arsch ab und ließ seiner Fantasie freien Lauf."  
vor 2 Tagen
Johnathan Blake
Black Women, Black Vinyl – Melanie Charles auf dem Turntable
Die LP und weitere finden Sie in unserem JazzEcho-Store. “Kampfeslustig” nannte nicht nur eine Albumkritik Melanie Charles' erste Verve-Veröffentlichung “Y’all Don’t Really Care About Black Women”. “Faktisch korrekt”, “im Sinne der Anklage zutreffend” und “den Ernst der Lage realistisch einschätzend” könnte man es allerdings auch formulieren. Es zeugt von Zivilcourage, dass die Sängerin sich diesen Titel von keiner Marketing-Abteilung hat ausreden lassen. Was er darüber hinaus aber auch ist: in einem Teekesselchen-Sinne mehrdeutig. Denn zeitgleich mit der Feststellung, dass es weiblich gelesenen People of Colour sowohl an öffentlicher Aufmerksamkeit und massenmedialem Zuspruch sowie der damit einhergehenden Anteilnahme mangelt, präsentiert die Künstlerin aus Brooklyn berühmte Werke starker Schwarzer Musikerinnen denen es selbstverständlich kaum anders erging. Auch ihre Leistungen und Errungenschaften mussten meist die Extra-Meile gehen, um Dolly-Parton-Status zu erreichen – wenn überhaupt… Mit großer Zielsicherheit hat Melanie Charles für ihr Projekt nicht nur Künstlerinnen wie Billie Holiday, Dinah Washington, Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald, Marlena Shaw und Betty Carter ausgewählt. Weil sie als Produzentin und Interpretin in Personalunion aber auch entschied, dass “Y’all Don’t Really Care About Black Women” Originale nicht nur interpretieren sondern auch inkorporieren sollte, kam es aber neben den richtigen Personen auch auf die richtigen Songs an. Im Englischen existiert für einen solchen Treffer aus Körper und Klang der Begriff “Signature Tune”. Und genau solche hat sich Melanie Charles geschnappt, um den großartigen Künstlerinnen mit ihrer persönliche Hommage zu huldigen und ganz nebenbei auf deren Verdienste aufmerksam zu machen. “Y’all Don’t Really Care About Black Women” ist nicht nur ein couragierter Albumtitel. “Y’all Don’t Really Care About Black Women” ist ein mutiges Album. Als Sängerin und Multiinstrumentalistin hat Charles bei der Umsetzung ihrer Sound-Ideen auf ein kleines, dafür aber umso feineres Team gesetzt. Marcus Gilmore am Schlagzeug, Rogerst Charles an allen Blasinstrumenten, die Melanie nicht selber spielt, sowie Dezron Douglas und Tony Garnier, die für die tiefen Töne verantwortlich zeichnen. Dass “Y’all Don’t Really Care About Black Women” dennoch bisweilen nach großem Orchester oder zumindest nach Big Band klingt, hat mit den Fähigkeiten der “Tausendsissi” Melanie Charles zu tun, die dem Album nicht nur Gesicht und Stimme, sondern als Produzentin auch Klangcharakter verleiht. Sample-Heavy, alles andere als “gemainstreamt”, teilweise verstörend, mit großer Lust am Experiment, aber immer faszinierend, immer im sprichwörtlichen Sinne “unerhört.” Für Vinylfreunde von Wichtigkeit: beim Verve-Debüt hat sich das Label nicht lumpen lassen. Superdicke Gatefold-Pappe, eine stabile und bunt bedruckte Innenhülle, schweres schwarzes Gold. Und die Portraitfotos im Klappcover zeigen: wer sich “Jazz” aufs Handgelenk und einen Violinschlüssel auf den Nacken tätowieren lässt, kann danach so viel gar nicht mehr falsch machen.  
vor 2 Tagen
JazzEcho-Plattenteller
Mehr von JazzEcho