Miguel Atwood-Ferguson: Beflügelt vom Geiste John Coltranes - Various Artists | JazzEcho

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Miguel Atwood-Ferguson: Beflügelt vom Geiste John Coltranes

Auf „Ananta – Spirit of Coltrane” eröffnet der Multiinstrumentalist Miguel Atwood-Ferguson mit einem 21-köpfigen und mit Stars gespickten Kollektiv neue zeitgenössische Perspektiven auf einige der bekanntesten Kompositionen von John Coltrane.
Miguel Atwood-Ferguson: Ananta - Spirit Of Coltrane
Miguel Atwood-Ferguson: Ananta - Spirit Of Coltrane
(c) Impulse! Records / ATIBAPHOTO
30.10.2026

„Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob die Leute verstehen, was ich tue“, lautet eines der berühmtesten Zitate von John Coltrane. „Die emotionale Reaktion ist das Einzige, was zählt. Solange ein Gefühl der Verbundenheit vorhanden ist, muss das, was ich spiele, nicht unbedingt verstanden werden.“  Auch rund 60 Jahre nach seinem Tod begeistert und fasziniert die Musik des Saxofonisten ein Publikum, das bei Weitem nicht nur aus Jazzfans besteht. Jede bisher unbekannte Aufnahme von Coltrane, die aus den Tonarchiven von Plattenlabels, der Sammlung seiner Familie oder anderen privaten Quellen zutage gefördert und veröffentlicht wird, macht Schlagzeilen – so wie jüngst „The Tiberi Tapes“, sagenumwobene Live-Aufnahmen aus den frühen 1960er Jahren, die zuvor nur eine Handvoll privilegierter Leute zu hören bekommen hatte.

Ungebrochen ist auch der Einfluss, den John Coltrane auf Musiker:innen der verschiedensten Generationen und Genres ausübt. Dies lässt sich nicht zuletzt an den vielen Coltrane-Tribute-Alben ablesen, die im Laufe der Jahrzehnte unter anderem von Größen wie Archie Shepp, Carlos Santana, John McLaughlin, Dave Liebman, Joe Lovano, Chris Potter, Nels Cline sowie von Tranes ehemaligen Mitstreitern McCoy Tyner und Elvin Jones erschienen sind. Manche bewegen sich dabei ehrfurchtsvoll nah am Original, während sich andere kühn die Freiheit nehmen, Coltranes Musik auf ganz eigene, mitunter radikale Weise neu zu interpretieren.

 

Die Musikwelt feiert John Coltranes 100. Geburtstag

Am 23. September 2026 hätte John Coltrane seinen 100. Geburtstag gefeiert. Dieses runde Jubiläum nahmen zahlreiche Musiker:innen zum Anlass, das musikalische Erbe Coltranes in Konzerten und auf neuen Tribute-Alben zu würdigen. Unter dem Titel „Dedicated to You“ nahm beispielsweise der Saxofonist Branford Marsalis mit seinem Quartett und der Sängerin Dianne Reeves „eine elegante, zeitgemäße Neuinterpretation des Albums ‘John Coltrane and Johnny Hartman’ aus dem Jahr 1963 auf” (so John Fordham im Guardian). Das subtile Remake des Impulse-Klassikers wurde am 18. September von Blue Note Records veröffentlicht. Für Marsalis war es übrigens nicht das erste Mal, dass er sich mit einem ikonischen Werk Coltranes auseinandersetzte: Auf dem Album „Footsteps of Our Fathers“ (2002) und der DVD „A Love Supreme: Live in Amsterdam“ (2004) widmete er sich bereits zweimal dem spirituellen Opus magnum des Saxofonisten.

Einen vollkommen anderen Ansatz als Marsalis verfolgt der Altsaxofonist Jim Snidero auf seinem Album „House of Coltrane“, das am 30. Oktober bei Savant Records erscheint. Inspiriert von einem Besuch in John Coltranes ehemaligem Haus in Dix Hills auf Long Island in New York schrieb Snidero verblüffend coltranesk klingende Eigenkompositionen. Äußerst spannend ist auch das Album „Ananta – Spirit of Coltrane“ des amerikanischen Multiinstrumentalisten, Arrangeurs und Komponisten Miguel Atwood-Ferguson . Der gefragte Sessionmusiker erregte erstmals 2009 internationale Aufmerksamkeit, als er Songs der Hip-Hop-Legende J Dilla für seine “Suite for Ma Dukes” überarbeitete und bei einem Konzert in Los Angeles mit einem 60-köpfigen Orchester präsentierte. 

 

Eine zutiefst bewegende Meditation über Coltranes Musik und Philosophie

Mit „Ananta – Spirit of Coltrane“ dürfte Atwood-Ferguson erneut für Begeisterung sorgen. Das Album ist eine zutiefst bewegende Meditation über Coltranes Musik und Philosophie. Der Saxofonist nimmt in Miguel Atwood-Fergusons Gedankenwelt bereits seit mehr als drei Jahrzehnten einen ganz besonderen Platz ein: als musikalisches Vorbild, Studienobjekt und spiritueller Wegweiser. In all den Jahren gingen ihm Ideen für ein eigenes Coltrane-Projekt durch den Kopf, das er aufgrund seines vollen Terminkalenders jedoch immer wieder aufschob.

Den Stein ins Rollen brachte schließlich der Produzent Drew McFadden, mit dem Atwood-Ferguson bei Tribute-Alben für David Bowie („Modern Love“, 2021) und die Talking Heads („Naive Melodies“, 2026) zusammengearbeitet hatte. Er bestärkte ihn darin, seine Vorstellungen zum 100. Geburtstag Coltranes endlich in die Tat umzusetzen. Und wo hätte er dies besser tun können als bei dem Label Impulse! Records, für das John Coltrane in den 1960er Jahren viele seiner bedeutendsten Alben aufgenommen hatte? Verwirklicht hat Miguel Atwood-Ferguson (Geige, Bratsche und Percussion) das ihm so am Herzen liegende Projekt mit einem beeindruckenden 21-köpfigen Kollektiv. In diesem sind einige der führenden Stimmen der zeitgenössischen und improvisierten Musikszene vereint, darunter Brandee Younger (Harfe), Joel Ross (Vibrafon), Jeff Parker (Gitarre), Flying Lotus (Synthesizer und Sounddesign), Immanuel Wilkins (Altsaxofon), Shabaka Hutchings (Flöte und Bassklarinette), Azar Lawrence (Sopransaxofon), David Virelles (Klavier) sowie Marcus Gilmore und Justin Brown (Schlagzeug).

 

Coltrane-Originale, gefiltert durch das Prisma einer neuen, außergewöhnlichen Musikergeneration

Bis auf eine Ausnahme setzt sich das Repertoire aus Stücken zusammen, die jedem Coltrane-Fan vertraut sind: „Naima“, „Compassion“, „Giant Steps“, „My Favorite Things“, „After the Rain“, „A Love Supreme, Pt. II – Resolution“ und „Central Park West“. Dabei verzichtete Atwood-Ferguson bewusst auf radikale „Neuinterpretationen“, bei denen die Originale bisweilen unter Schichten konzeptioneller Gestaltung begraben werden. Es ging ihm nicht darum, zu zeigen, wie weit er einen Coltrane-Song abstrahieren und von seiner ursprünglichen Form entfernen konnte. Stattdessen wollte er, dass die Musik wiedererkennbar ist und den Hörer:innen gleichzeitig ermöglicht, sie durch das Prisma einer neuen Generation außergewöhnlicher Musiker:innen gefiltert zu erleben.

Abgerundet wird diese faszinierende Hommage durch „a force“, eine Eigenkomposition von Atwood-Ferguson, zu der die Dichterin Aja Monet einen mit Coltrane-Zitaten versehenen Text schrieb, den sie hier auch selbst rezitiert. Gerade durch dieses Stück wird die (welt)offene Atmosphäre heraufbeschworen, in der viele Musiker:innen der Coltrane-Ära bei Impulse Records neue musikalische Horizonte erschlossen. Dies spiegelt sich auch im Titel des Albums wider: „Ananta“ ist ein Wort aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „unendlich“ oder „grenzenlos“. Wie John Coltrane betrachtet auch Miguel Atwood-Ferguson Musik als ein Mittel zur Transzendenz sowie als eine Kraft, die Menschen verbinden, stärken und über vermeintliche Grenzen hinausführen kann.

Digital ist “Ananta – Spirit of Coltrane” ab dem 30. Oktober erhältlich, die LP erscheint etwas später am 20. November und kann hier bereits bestellt werden. 

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