Verve Vault Serie: Vom Funk-Fieber gepackt

VERVE VAULT SERIE heißt die LP-Edition des legendären Labels, die mit zwei Veröffentlichungen pro Monat die Herzen von Jazz- und Vinylfans höherschlagen lassen will. Obwohl die Schallplatten moderat gepreist sind, wird in allen Aspekten der Produktion auf Qualität geachtet: Alle Alben werden von Ryan K. Smith bei Sterling Sound von den analogen Originalbändern gemastert und bei Optimal auf 180-Gramm-Vinyl gepresst. Die ikonischen Artworks werden unverändert faksimiliert, sofern es sich im Original um Gatefold-Hüllen handelte, werden diese beibehalten. Das Repertoire der Serie setzt sich aus berühmten Klassikern sowie von Sammlern gesuchten Perlen von Verve Records und deren Schwesterlabels wie Impulse!, Mercury und Cadet zusammen.
Als der im April 2023 im Alter von 92 Jahren verstorbene Pianist Ahmad Jamal Anfang der 1950er Jahre seine Solokarriere begann, stieß er noch auf ein geteiltes Echo. In einer Zeit, in der zerebraler Bebop der letzte Schrei war, wurde er wegen seines luftigen Anschlags und seines Sinns für Pausen sowie Rhythmus- und Tempowechsel von einigen als musikalisches Leichtgewicht abgetan. Für andere wiederum war er ein Genie, das bereits Cool Jazz spielte, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Renommierte Kritiker wie Stanley Crouch und A. B. Spellman verglichen ihn seitdem mit Thelonious Monk und feierten ihn als Innovator der Jazztradition. Und Marc Myers bezeichnete ihn vor vier Jahren in seinem JazzWax-Blog gar als Vorläufer von Bill Evans: „Zwar wird Bill Evans oft als Begründer des ‚dialogischen‘ Klaviertrios angesehen, doch diese Ehre gebührt eigentlich Ahmad. Evans hat es lediglich perfektioniert.” Miles Davis war Mitte der 1950er Jahre so begeistert von Ahmad Jamal, dass er versuchte, ihn in sein Quintett zu holen. Als dies nicht gelang, wies er seinen damaligen Pianisten Red Garland an, im Stil von Jamal zu spielen.
Ahmad Jamal begann seine Solokarriere 1951 mit einem Trio, dessen Instrumentierung mit Gitarre und Bass an das des seinerzeit immens populären Nat „King“ Cole Trios erinnerte – wenngleich es stilistisch einen ganz eigenen Weg ging. Der Sound des Trios veränderte sich erheblich, als der Gitarrist 1956 durch einen Schlagzeuger ersetzt wurde, der Jamals sehr rhythmischem Klavierspiel noch einen zusätzlichen Kick verlieh. Der große Durchbruch bei Publikum und Kritik gelang Ahmad Jamal 1958 mit dem Live-Album „At the Pershing: But Not for Me“, auf dem er mit dem Bassisten Israel Crosby und dem Schlagzeuger Vernel Fournier zu hören ist. Von den 30 Alben, die Jamal zwischen 1951 und 1973 für Labels wie Epic, Argo, Cadet und Impulse! Records aufnahm, entstanden nicht weniger als 25 in dem von ihm bevorzugten Trio-Format.
Eine der wenigen Ausnahmen war das 1973 bei 20th Century Records erschienene Album „Ahmad Jamal ’73“. Begleitet von einem Orchester mit Streichern sowie Background-Sängerinnen und -Sängern unternahm der Pianist darauf einen Abstecher in für ihn ungewohnte musikalische Gefilde. Zu hören ist er hier mit Versionen aktueller Hits von Stevie Wonder („Superstition”) und der Band War („The World Is a Ghetto”), aber auch mit Spiritual Jazz und Funk-Stücken. Dafür stieg Jamal vom akustischen Piano auf das Fender-Rhodes-E-Piano um, das er zwei Jahre zuvor erstmals bei einem Auftritt auf dem Montreux Jazz Festival gespielt hatte, der von Impulse!. Records auf den Alben „Freeflight” und „Outertimeinnerspace” dokumentiert wurde. Das ausgefallene Album produzierte Ahmad Jamal zusammen mit dem Arrangeur und Komponisten Richard Evans, der durch seine Arbeiten mit Ramsey Lewis, Dorothy Ashby, Terry Callier und Marlena Shaw bekannt wurde.





