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Meshell Ndegeocello
Meshell Ndegeocello

Wenn Popsongs zu Standards werden

Meshell Ndegeocellos neues Album „Synonym“ mit ganz persönlichen Versionen bekannter Pop-Songs ist erschienen. Ein Blick auf ihre ungewöhnliche Kunst des Interpretierens, und auf eine Herangehensweise, die tief im Jazz verwurzelt ist.
Meshell Ndegeocello - Synonym
Meshell Ndegeocello - Synonym
(c) Blue Note Records / Charlie Gross
01.10.2026

Was macht einen guten Song aus? Vielleicht auch dies: dass er niemals ganz abgeschlossen ist. Dass eine Melodie, die Millionen Menschen im Ohr haben, Jahrzehnte später noch einmal etwas anderes erzählen kann. Im Jazz ist dieser Gedanke selbstverständlich. Songs werden weitergegeben, auseinandergenommen, neu harmonisiert, verlangsamt, beschleunigt, und mit jeder Interpretation ein wenig verändert.

Meshell Ndegeocello, Sängerin, Bassistin, Produzentin zwischen Jazz und Black Music, bringt diese Haltung auf einen denkbar einfachen Satz: „The song is just the framework.“ Ihre Vorstellung vom Interpretieren fremder Musik führt sie zurück bis in ihre Zeit in Washington D.C., als sie in Go-go-Bands spielte und bekannte Stücke in eine andere Stimme, einen anderen Charakter überführen musste. Zugleich erinnert sie sich an Gespräche mit ihrem Vater, der in einer Army Big Band spielte, über die Kunst des Arrangierens bei Count Basie und Duke Ellington.

Genau dort lässt sich jetzt ihr neues Album „Synonym“ verorten. Nicht unbedingt als Jazzalbum im traditionellen Sinn, sondern als Album mit einer zutiefst jazztypischen Vorstellung davon, was ein bereits existierender Song alles sein kann.

Der Popsong als Material

Dafür gibt es einige prominente Vorläufer. Herbie Hancock erklärte 1996 auf „The New Standard“ unter anderem Songs von Peter Gabriel, Prince, den Beatles und Nirvana zu neuem Material für die Improvisation. Cassandra Wilson machte sich auf „New Moon Daughter“ im selben Jahr Songs aus der Pop- und Rockgeschichte so konsequent zu eigen, dass die Grenzen zwischen Fremdkomposition und eigener musikalischer Sprache beinahe verschwanden.

Später übertrug Robert Glasper diesen Gedanken auf die Pop-, R&B- und Hip-Hop-Gegenwart. Auf „Covered“ spielte sein akustisches Trio etwa Radioheads „Reckoner“ oder Jhené Aikos „The Worst“ – Songs seiner eigenen musikalischen Lebenswelt, behandelt mit derselben Selbstverständlichkeit wie Jazzstandards. Und 2022 brachte Produzent Larry Klein für das Blue-Note-Album „Here It Is: A Tribute to Leonard Cohen“ Stimmen wie Norah Jones, Peter Gabriel, Gregory Porter oder Mavis Staples mit einer Jazzband um Bill Frisell und Immanuel Wilkins zusammen. Der Ansatz war ausdrücklich behutsam: Cohens Werke sollten nicht von den Arrangements überdeckt, sondern in einen neuen musikalischen Zusammenhang gestellt werden.

Meshell Ndegeocellos „Synonym“ lässt sich nun in diese Tradition stellen und verfolgt doch eine sehr eigene Idee. Denn Ndegeocello fragt nicht nur, wie ein bekannter Song heute klingen könnte. Sie interessiert sich dafür, was mit seiner Bedeutung geschieht, wenn Stimmen, Rollen und musikalische Koordinaten verändert werden. Das Album durchstreift dafür sechs Jahrzehnte Musikgeschichte: von Folk, Soul und Country über Pop, R&B und Electro-Boogie bis zu Alternative Rock und Hip-Hop. Ndegeocellos eigener Begriff dafür ist treffend: Die neuen Arrangements seien „synonyms for their originals", unterschiedliche Klänge, die dennoch dasselbe bedeuten.

„Don’t You Want Me“: ein anderer Blick auf dieselbe Geschichte

Das hört man beispielsweise bei „Don’t You Want Me“. Der Human-League-Hit von 1981 ist fest mit Synthesizern, Maschinenrhythmus und dem Dialog eines ehemaligen Paars verbunden. Ndegeocello und Cat Power versetzen ihn dagegen in einen tiefen Reggae-Groove und geben ihm mit Bläsern eine völlig andere Umgebung. Die Wahl Cat Powers ist dabei keineswegs zufällig. „She taught me song styling“, sagt Ndegeocello über sie. Von ihr habe sie gelernt, die eigene Stimme zum Interpretieren eines Songs zu benutzen, ohne das Original nachzuahmen.

Wie stark dadurch nicht nur der Klang, sondern auch die Erzählung eines Popsongs verändert werden kann, fällt nun auch in einer ersten großen internationalen Rezension auf. Im britischen Guardian, der „Synonym“ zum Album of the Week macht, beschreibt Alexis Petridis, wie sich die emotionale Machtbalance von „Don’t You Want Me“ verschiebt: Ndegeocellos Part wirkt plötzlich verletzlich, während Cat Powers Antwort eine fast beiläufige Distanz bekommt. Für Petridis handelt „Synonym“ deshalb weniger von Coverversionen als von echten Neuerfindungen.

Von Sonny & Cher zu impressionistischem Jazz

Bei „I Got You Babe“ geht Meshell Ndegeocello noch einen Schritt weiter. Aus Sonny & Chers Pop-Evergreen wird zusammen mit ANOHNI eine impressionistische Jazz-Dekonstruktion. Die vertraute Melodie steht plötzlich in einem kargen Raum aus Bläsern, die Harmonien haben mit der unmittelbaren Pop-Sprache des Originals kaum noch etwas gemein. Diese Reibung gehört zum Konzept. 

Besonders weit führt diese Suche bei Bob Dylans „It Ain’t Me Babe“ mit Madison Cunningham. Melodie und Tempo werden so stark verändert, dass der Song zeitweise kaum wiederzuerkennen ist. Der Guardian hört darin eine traumartige Klangwelt aus Gitarrenarpeggien, Spieluhrklängen und Mandoline – und zählt die Bearbeitung zu den besonders gelungenen Neuerfindungen des Albums.

Bei „With God On Our Side“ mit Bill Callahan und Chris Thile steckt hinter der Transformation wiederum eine konkrete Interpretation. Ndegeocello empfand Dylans Text als aggressiver als dessen ursprüngliches Arrangement. Ihre Aufgabe bestand deshalb darin, die Musik so klingen zu lassen, wie sie den Song selbst hört. Arrangieren sei wie ein Puzzle, sagt sie, und ermögliche ihr letztlich, dem Song mehr Respekt entgegenzubringen.

Von Motown bis Grunge

Und so bekommt fast jeder Song seine eigene musikalische Perspektive. „Don’t Look Any Further“, der Motown-Hit von Dennis Edwards und Siedah Garrett, wird mit Lianne La Havas zu modernem Funk, durchzogen von Elena Pinderhughes’ Flöte. Bei „Islands In The Stream“ mit Chaka Khan wiederum dachte Ndegeocello keineswegs nur an Dolly Parton und Kenny Rogers. In ihrer Vorstellung treffen die Bee Gees auf Roxy Music: Chaka Khan sollte gewissermaßen Brian Eno sein, sie selbst Bryan Ferry.

Irgendwann wird es dabei nebensächlich, ob diese Musik Jazz, R&B, Folk, Country, Pop oder Alternative Rock genannt wird. Und vielleicht liegt genau darin Meshell Ndegeocellos Verhältnis zum Jazz: weniger in einem bestimmten Sound als in einer Methode. Ein Song ist kein Museumsstück. Er gehört nicht für immer dem Arrangement, mit dem er berühmt geworden ist. Man kann seine Harmonik öffnen, seinen Rhythmus verschieben, ihn anderen Stimmen übergeben und seine Perspektive verändern, um anschließend herauszufinden, was von ihm übrig bleibt. Bei Meshell Ndegeocello ist das erstaunlich viel. Denn ein Synonym ist schließlich nicht dasselbe Wort. Es ist ein anderes Wort für etwas Verwandtes.

Meshell Ndegeocello - Synonym (LP)
Synonym (2LP)
2. Okt. 2026

Musik von Meshell Ndegeocello

No More Water. The Gospel Of James Baldwin (Excl. Orange 2LP)
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