Blue Train in Blue: Coltranes Meisterwerk bekommt die Farbe, die ihm gebührt

Es gibt Albumtitel, die eine Farbe im Kopf entstehen lassen. Und dann gibt es „Blue Train“. Reid Miles’ berühmtes Cover taucht John Coltrane in tiefes Blau, der Titel spricht vom „Blue Train“, das eröffnende Stück ist fest im Blues verwurzelt – und das Ganze erschien ausgerechnet bei Blue Note. Dass der Klassiker nun als limitierte blaue LP erscheint, wirkt deshalb weniger wie ein Vinyl-Gimmick als wie die Vollendung eines lange vorbereiteten Farbkonzepts.
Ein großer Tag in Hackensack
Am 15. September 1957 betrat John Coltrane Rudy Van Gelders legendäres Wohnzimmerstudio in Hackensack, New Jersey. An einem einzigen Tag entstand dort „Blue Train“ – und damit das einzige Album, das Coltrane als Bandleader für Blue Note aufnehmen sollte. Coltrane befand sich damals in einer Phase enormer musikalischer Entwicklung. Er hatte bereits mit Miles Davis gespielt und arbeitete 1957 mit Thelonious Monk. Für „Blue Train“ versammelte er eine Band, die heute wie ein Hard-Bop-All-Star-Team wirkt: den gerade einmal 19-jährigen Lee Morgan an der Trompete, Curtis Fuller an der Posaune, Kenny Drew am Piano sowie Paul Chambers am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug.
Und dann setzt dieses Riff ein. Das Titelstück gehört zu jenen Jazznummern, bei denen wenige Takte genügen, um eine ganze Welt aufzubauen: schwer, bluesig, majestätisch und zugleich voller Vorwärtsdrang. Vier der fünf Stücke stammen von Coltrane selbst. Neben „Blue Train“ wurden vor allem „Moment’s Notice“ und „Lazy Bird“ zu Klassikern; dazu kommen „Locomotion“ und die Ballade „I’m Old Fashioned“.
Eine Platte mit vielen Leben
Seit der ursprünglichen Blue-Note-LP von 1957 hat „Blue Train“ eine kaum überschaubare Vinyl-Geschichte entwickelt. Neben zahllosen internationalen Pressungen wurde das Album mit dem Audiophile-Revival zunehmend selbst zum Sammlerobjekt. Analogue Productions brachte 2008 eine nummerierte 45-RPM-Ausgabe auf zwei 180-Gramm-LPs heraus. Music Matters Jazz veröffentlichte ebenfalls aufwendig produzierte Editionen – darunter 2016 tatsächlich bereits eine Mono-Ausgabe auf blauem Vinyl. Der blaue Zug war also schon einmal unterwegs.
Einen neuen Höhepunkt erreichte die Reissue-Geschichte 2022 zum 65. Jahrestag der Session. Blue Note veröffentlichte das Album in seiner audiophilen Tone Poet Series: als Mono-LP und als Stereo-Doppelalbum „Blue Train: The Complete Masters“ mit alternativen und unvollständigen Takes. Gemastert wurde von Kevin Gray anhand der analogen Originalbänder.
Jetzt wird der „Blue Train“ wieder blau
Die neue Ausgabe verfolgt einen anderen Ansatz. In der Reihe Blue Note Essentials sollen die Klassiker des Labels kompromisslos preiswert auf Vinyl erhältlich sein, ohne bei der Fertigung zu sparen. „Blue Train“ kommt als 140-Gramm-Optimal-Pressung vom Hi-Res-Master im Single-Sleeve – und in limitierter Auflage auf blauem Vinyl. Audiophile dürfen also weiterhin über Mono gegen Stereo, AAA gegen Hi-Res und 140 gegen 180 Gramm diskutieren. Für alle anderen gibt es ein erheblich einfacheres Argument: Ein „Blue Train“ gehört eigentlich auf blaues Vinyl.





