Spiel mit den Extremen: Zwischen kontemplativen Balladen und lustvollem Austoben - ECM Sounds | JazzEcho

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Spiel mit den Extremen: Zwischen kontemplativen Balladen und lustvollem Austoben

Mit einem neuen Quintett hat der Trompeter Ralph Alessi sein aktuelles Album "A Sun That Never Sets" eingespielt. Dabei ist er erstmals im Zusammenspiel mit seinem Bruder Joseph Alessi zu hören, der Erster Posaunist der New Yorker Philharmoniker ist.
Ralph Alessi: A Sun That Never Sets
Ralph Alessi: A Sun That Never Sets
03.07.2026

Auf “A Sun That Never Sets”, seinem nunmehr sechsten Album für ECM Records, kehrt der Trompeter Ralph Alessi zur Quintett-Besetzung zurück. In diesem Format nahm er vor sieben Jahren mit dem Saxofonisten Ravi Coltrane zuletzt das hochgelobte ECM-Album “Imaginary Friends” auf. Für “A Sun That Never Sets” hat er ein völlig neues Quintett zusammengestellt, in dem sein Bruder, der Posaunist Joseph Alessi, in einem hoch inspirierten, oft elektrisierenden Zusammenspiel mit dem Trompeter zu hören ist. Das hochkarätige Ensemble wird durch den Pianisten Matt Mitchell, den Kontrabassisten John Hébert und Ches Smith an Schlagzeug und Vibraphon komplettiert. Gemeinsam bewegen sie sich wie auf einem Abenteuerspielplatz durch die synkopierten Themen der elf neuen Alessi-Kompositionen und finden bei jeder Wendung neue Ausdrucksformen.

In dieser Band sind einfach alle so stark”, sagt Ralph Alessi, “Es muss – wenn überhaupt – nur sehr wenig gesagt werden – genau so, wie ich es mag.” Die fast schon telepathische Kommunikation unter den Musikern ist durchweg spürbar – eindringlich und sorgfältig phrasiert in den subtileren Rubato-Stücken “Nothing Is Dead”, “Sweet Spot”, “Twichild”, raffiniert und souverän in Stücken wie “Relaxed Misery” und “Of Trees – Variations on a Theme by TB”, in denen sich die Akteure lustvoll austoben.

Mit seinem vier Jahre älteren Bruder Joseph, der seit 1985 Erster Posaunist der New Yorker Philharmoniker ist, begann Ralph Alessi erst vor zehn Jahren gelegentlich zusammen zu spielen. “Das war für mich absolutes Neuland”, bemerkt der Trompeter, als er erzählt, wie er an die Kompositionen für diese spezielle Besetzung herangegangen ist. “Nicht nur, weil ich es mit meinem Bruder in diesem improvisierten Kontext tat, sondern auch einfach wegen der Posaune selbst. Ich habe noch nie wirklich eine meiner Platten mit Posaune aufgenommen. Es war eine Herausforderung, und ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich diese Musik speziell für ihn gestalten könnte. Und letztendlich muss ich sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin, wie sich das entwickelt hat!

Der Pianist Matt Mitchell und der Schlagzeuger Ches Smith sind seit langem Mitglieder von Tim Bernes Snakeoil. Die gefeierter Band des Altsaxofonisten hat bislang vier Alben bei ECM Records veröffentlicht: “Snakeoil” (2011), “Shadow Man” (2013), “You’ve Been Watching Me” (2015) und “Incidentals” (2017). Mitchell war außerdem bereits vor zwanzig Jahren auf Ralph Alessis Album “Anastomosi” zu hören. Der aus New Orleans stammende Kontrabassist John Hébert hat in den vergangenen 30 Jahren wiederum mit ECM-Künstlern wie Paul Bley, John Abercrombie, Kenny Wheeler, Paul Motian, Joe Maneri, Tomasz Stańko und Fred Hersch zusammengearbeitet.

Ches Smith, der vor zehn Jahren mit “The Bell” auch ein eigenes Album bei ECM Records vorlegte, zeigt auf “A Sun That Never Sets”, dass er nicht nur einer der vielseitigsten Schlagzeuger des zeitgenössischen Jazz ist, sondern auch ein ebenso versierter Vibrafonist. Die balladesken Stücke des Repertoires ( wie “Sweet Spot” und “Behind Clouds”) werden hier oft durch sein Vibraphonspiel bereichert, während die rhythmisch treibenderen Stücke (etwa (“Duck Face"” und “Transitional Imagery”) von seinem präzisen Timing und seiner Fähigkeit profitieren, am Schlagzeug mühelos den Takt zu wechseln.

Zu den wichtigsten Einflüssen von Ralph Alessi zählen Ornette Coleman und Igor Stravinsky. “Ich finde, ihre Musik ist eine ewige Inspirationsquelle”, sagt der Trompeter. “Ich fühle mich zu Musik hingezogen, die mich zum Komponieren anregt.” Man könnte behaupten, dass sich die beiden kompositorischen Extreme – was ihre radikalen Ansätze angeht – auch in Alessis eigener Musik widerspiegeln: Geduldig sich entwickelndes, kontemplatives Material und kantige Strukturen mit kraftvollen Bläsereinsätzen koexistieren in einem abwechslungsreichen Programm, das jeder Facette von Ralph Alessis eigenwilligem Spiel Raum zur Entfaltung gibt. In einer Besprechung von Alessis Album “It’s Always Now” schrieb Jim Hynes vor drei Jahren in dem Online-Magazin Making A Scene, dass “Alessis Trompetenton sowohl hinsichtlich seines Tonumfangs als auch der vermittelten Stimmungen rein und atemberaubend ist.” Das gilt auch für sein neues Album “A Sun That Never Sets”. Matt Mitchell zeichnet die Themen am Klavier nach, nimmt sich aber auch die Freiheit, zugleich “außerhalb” der Harmonien zu spielen, und tanzt um die Bläser herum, während Ches Smith und John Hébert den Puls flexibel halten und hochkonzentriert bei der Sache sind.

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