Mick Goodrick - eine Session vierer Meisterimprovisatoren

Der im November 2022 im Alter von 77 Jahren verstorbene Mick Goodrick war ein subtiler Meister der Gitarre und ein zurückhaltender, aber fantasievoller Komponist. In seiner fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere veröffentlichte er gerade mal ein halbes Dutzend Alben unter seinem Namen. An diese traurige Tatsache wurde man erst kürzlich schmerzlich erinnert, als ECM Records unter dem Titel “Feebles, Fables and Ferns” bisher unveröffentlichte Duo-Aufnahmen von Goodrick zusammen mit Fred Hersch aus dem Jahr 1988 herausbrachte. Für das Münchner Label hatte der damals 33-Jährige bereits im November 1978 im Talent Studio in Oslo sein erstaunliches, von Manfred Eicher produziertes Debütalbum “In Pas(s)ing” eingespielt, das in der Luminessence-LP-Serie nun erstmals wieder auf Vinyl erscheint.
Der Albumtitel ist eine verschmitzte Anspielung auf den Münchner Stadtteil Pasing, in dem ECM Records zu jener Zeit seine Büros hatte. In einer Rezension des Albums pries das Magazin DownBeat Goodrick als “technisch einen der besten Musiker überhaupt”, während Fred Hersch seinen Duo-Partner von 1988 voller Bewunderung den “Gitarrenflüsterer” nannte. In einem Nachruf auf Goodrick bemerkte der Gitarrenkollege John Scofield 2022 in der JazzTimes: "Als ich 1970 nach Boston zog um an der Berklee School zu studieren, war Mick der führende Jazzgitarrist der Stadt. Ihn live in verschiedenen Formationen zu hören, war äußerst inspirierend. Er war der Innovativste auf der Jazzgitarre, die sich damals noch in einer Entwicklungsphase befand. […] Ich lernte Mick näher kennen und schätzte ihn als den großartigen Menschen, der er war. Ich durfte auch mit ihm spielen, was eine wertvolle Lernerfahrung war – ganz zu schweigen davon, dass es Spaß gemacht hat. Ich liebe sein ECM-Album ‘In Pas(s)ing’, ein besonderes Werk, das auch für heutige Hörer nichts von
seiner Aktualität verloren hat.”
Für “In Pas(s)ing” wurde der Gitarrist, der auch maßgeblich zu Gary Burtons erfolgreicher Aufnahmeserie für ECM in den 1970er Jahren beigetragen hatte, von erstklassigen Musikern unterstützt: John Surman, der hier hauptsächlich am Baritonsaxofon, aber auch an Sopransaxofon und Bassklarinette zu hören ist, dem Bassisten Eddie Gómez und Schlagzeuglegende Jack DeJohnette, der Goodrick später in seine eigene Band Special Edition holte. In lockerem, lyrischem Zusammenspiel legen die vier Improvisatoren eine Session hin, die vor explosiver Spannung nur so knistert. Sie ist angereichert mit jeder Menge filigraner Interaktionen und Melodien, die auf subtile Weise einprägsam sind. Der Melody Maker bezeichnete Goodrick in seiner Rezension des Albums aus dem Jahr 1979 als “Komponisten und Bandleader, der seiner Musik erlaubt, auf einem Fleck anmutig Pirouetten zu drehen”, und führte weiter aus: “Unter den aktuellen Gitarristen der ECM-Schule scheint er die beste Mischung aus traditionellen Tugenden und modernem Konzept zu besitzen. Modisch unaufdringlich, verleiht er der Musik dennoch seine eigene Handschrift: durch seinen coolen, singenden, verstärkten Ton, sein entschiedenes, aber sparsam eingesetztes Spiel bei der Begleitung und das wunderschöne Zusammenspiel mit Surman.“ Auch die Mitmusiker Goodricks wurden in dem Artikel ausdrücklich gewürdig: “Dies ist auf jeden Fall eine der besten Aufnahmen Surmans seit Jahren. Natürlich sind Gómez und DeJohnette für den Erfolg der Platte von entscheidender Bedeutung – das Momentum, das sie erzeugen, ist beinahe übernatürlich diskret, aber absolut real.”
In der Luminessence-Serie von ECM Records erscheint “In Pas(s)ing” nun in einer hochwertigen Tip-on-Gatefold-Hülle mit neuen Linernotes von Joel Harrison und bisher unveröffentlichten Archivfotos.





