Feuerspuckender Melodiker

Diese LP und weitere der Luminessence Serie und von ECM finden Sie im JazzEcho-Store.
“Auch nach all den Jahren hat ‘Balladyna’ noch immer gehörig Biss”, schrieb Tyran Grillo in seinem Blog “Between Sound and Space”, als das ECM-Debütalbum des polnischen Trompeters Tomasz Stańko in der ECM-Reihe “Touchstones” erstmals auf CD veröffentlicht wurde. “Wer den Herzschlag des Labels in seiner Blütezeit spüren möchte, muss sein Ohr nur an dieses Album legen.” Tatsächlich hatte Stańko mit “Balladyna” einen Meilenstein des europäischen Jazz der 1970er Jahre geschaffen, der noch heute so aufregend und frisch klingt wie vor 50 Jahren. Das im Dezember 1975 aufgenommene und im April 1976 veröffentlichte Album übte einen nachhaltigen Einfluss auf nachfolgende Generationen improvisierender Musiker aus – vor allem in Polen und Finnland, aber auch darüber hinaus. Stańko selbst sagte einmal: “Mit ‘Balladyna’ habe ich mir international einen Namen gemacht.”
Auf “Balladyna” ist der Trompeter mit zwei ihm bereits vertrauten Weggefährten zu hören: dem finnischen Schlagzeuger Edward Vesala, über den Stańko später sagte: “Wir waren wie Brüder”, und dem polnischen Saxofonisten Tomasz Szukalski. Das Quartett wurde durch den britischen Bassisten Dave Holland vervollständigt, den der Produzent Manfred Eicher zu der Aufnahmesession im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg eingeladen hatte.
Obwohl es sich um das Debüt des Trompeters für das Label handelt, präsentiert die Aufnahme Stańkos unverwechselbare melodische Stimme in einem bereits ausgereiften Rahmen. Zugleich schwingen aber auch seine früheren, freieren Einflüsse noch im explosiven Unterstrom der Band mit. “Während der Arbeit an ‘Balladyna’ definierte Stańko schließlich sein Verständnis von Lyrismus als eine ‘schmerzhafte’ Eigenschaft”, schrieb der polnische Kritiker Maciej Nowak im Magazin Jazz Forum. “Wie er in einem Interview für das Jazz Forum sagte: ‘Das Leben hat zwei Seiten – die Seite des Lichts und die Seite der Dunkelheit. Wir befinden uns eher auf der letzteren Seite. Der schmerzhaften. Das Leiden ist meine größte Inspiration.’”
In einer Rezension für den Blog “The Free Jazz Collective” schrieb Alexander Dubovoy über das Album: “Schon von den ersten Tönen an, die Tomasz Stańko in seinem Solo im Titelsong des Albums ‘Balladyna’ spielt, ist er mit Feuer und Flamme dabei. Irgendwie entlockt er der Trompete Klänge, die so eindringlich sind, dass es scheint, als würde er auf seinem Instrument weinen oder gar schreien. Er spielt nicht nur; er spuckt Feuer. Und doch spielt er sehr sparsam und bleibt auch in den Pausen voll und ganz präsent. Selbst wenn er außerhalb der Tonalität spielt, behält er irgendwie eine Melodielinie bei, die man fast mitsummen könnte. Er übt eine tiefgreifende Zurückhaltung aus, die zugleich meisterhaft und einzigartig ist. Indem er das Feuer seines Instruments entfesselt, gibt er sich so vollständig hin, dass nichts übrig bleibt – weder Ego noch Zurückhaltung, nur Musik. So viel Raum zu lassen, erfordert ein immenses Maß an Vertrauen. Glücklicherweise ist Stańkos Vertrauen bei Tomasz Szukalski, Dave Holland und Edward Vesala gut aufgehoben. Stańko hat eine unglaubliche Band zusammengestellt, und das Zusammenspiel auf dem Album ist einfach faszinierend. Seine Verbundenheit mit Dave Holland wird besonders in ihrem ‘Duet’ deutlich. Durchweg demonstriert Stańko seine Fähigkeit, eine Band zu führen, ohne sie zu überwältigen.”
In der “Luminessence”-Reihe von ECM Records erscheint “Balladyna” nun in einer Tip-on-Gatefold-Hülle mit neuen Liner Notes und Fotos aus dem Archiv.





