Vijay Iyer | Aktuelle News und Rezensionen

Rezensionen von Vijay Iyer

Klangliche Mischung aus Wärme und Wucht, Atmosphäre und Klarheit
Auf “Uneasy” hatte Vijay Iyer vor drei Jahren sein aufregendes neues Trio mit Linda May Han Oh und Tyshawn Sorey vorgestellt. Das Album wurde damals von dem einflussreichen Online-Magazin Pitchfork in seine (alle erdenklichen Genres umfassende) Liste mit den 50 besten Alben des Jahres 2021 aufgenommen. Jetzt unternehmen Iyer und seine beiden hochtalentierten Partner auf ihrem wunderbaren zweiten Album “Compassion” einen weiteren kreativen Sprung nach vorne. Dabei zeigen sie, dass es nicht von ungefähr kommt, dass in dem Wort “Compassion” (Mitgefühl) das Wort “Passion” (Leidenschaft) steckt. Schon Anfang Januar kündigte Pitchfork seinen Leserinnen und Lesern “Compassion” als eines der “heißest erwarteten Alben des Jahres 2024” an. Unter den vielen besonderen Qualitäten des Trios hatte die New York Times bei der Besprechung von “Uneasy” vor allem sein Gespür dafür hervorgehoben, “mit einer geschmeidigen Bewegungsbandbreite und strahlender Klarheit zu spielen… während es gleichzeitig eine Art sich windende innerer Spannung schürt. Entscheidend für die Herstellung des Gleichgewichts ist die Fähigkeit der Musiker, miteinander auf nahezu telepathische Weise in Verbindung zu treten.” Auf “Compassion”, seinem mittlerweile achten ECM-Album als Bandleader, folgt Iyer wieder seinem Drang, neues Territorium zu erkunden und dabei zugleich auf seine musikalischen Ahnen zu verweisen, von denen zwei ebenfalls lange mit dem ECM-Label verbunden waren. Das Album enthält eine sehr eindringliche Interpretation von Stevie Wonders “Overjoyed”, die Iyer als indirekte Hommage an den vor drei Jahren gestorbenen Chick Corea auswählte, der die Nummer einst im Repertoire seiner Akoustic Band hatte. Mit “Nonaah”, einem ebenso aufwühlenden wie vertrackten Stück des Avantgarde-Weisen Roscoe Mitchell, zollt der Pianist wiederum einem seiner wichtigsten Mentoren Tribut. Aber es gibt natürlich auch melodisch verführerische und rhythmisch erfrischende Kompositionen aus Iyers eigener Feder. Das Spektrum reicht vom besinnlichen Titelstück bis zu den mit Hooks gespickten Highlights “Tempest” und “Ghostrumental”. So wie zuvor “Uneasy” wurde auch “Compassion” von dem Trio wieder im Studio von Oktaven Audio in Mount Vernon vor den Toren von New York City eingespielt und von Iyer zusammen mit Manfred Eicher produziert. Die Aufnahme bietet eine klangliche Mischung aus Wärme und Wucht, Atmosphäre und Klarheit – ideal, um das vorwärtstreibende Zusammenspiel, das sich zwischen den Musikern dieses Trios entwickelt hat, in vollen Zügen zu genießen. Es ist zwar erst ihr zweites Album als Trio, aber tatsächlich kennen sich die drei Musiker schon deutlich länger von einer Vielzahl anderer Projekte. Der aus Newark/New Jersey stammende Tyshawn Sorey gehört inzwischen zu den am meisten geschätzten Künstlern seiner Generation, sowohl im Bereich der komponierten als auch improvisierten Musik sowie als Bandleader und Sideman. Schon 2003 – und noch vor Abschluss seines Jazzstudiums – war er auf Vijay Iyers Album “Blood Sutra” zu hören. Darüber hinaus war der Schlagzeuger, der wie Iyer selbst ein Stipendiat der MacArthur-Stiftung war, in der jüngeren Vergangenheit an der Einspielung von zwei hochgelobten ECM-Alben des Pianisten beteiligt: 2013 war er auf dem Soundtrack-Album “Radhe Radhe: Rites Of Holi” zu hören und 2017 als Teil eines atemberaubend dynamischen Sextetts auf “Far From Over”. Die in Malaysia geborene und in Australien aufgewachsene Bassistin Linda May Han Oh lebt seit 2008 in New York und unterrichtet derzeit als Associate Professor am Berklee College of Music in Boston. Sie spielte mit Iyer und Sorey das erste Mal beim Banff International Workshop in Jazz and Creative Music zusammen. Bislang hat sie sechs Einspielungen unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht und war darüber hinaus auf Alben von u.a. Dave Douglas, Pat Metheny, Joe Lovano, Terri Lyne Carrington und ihrem Lebensgefährten Fabian Almazan zu hören. Ihren Einstand bei ECM gab sie 2018 auf dem Album “Lucent Waters” des deutschen Pianisten Florian Weber. “Tyshawn ist ein kompletter Musiker”, lobt Iyer den Schlagzeuger. “Er hört alles und versteht Musik sowohl als Komponist als auch als Spieler. Deshalb schafft er es, in die Zukunft hineinzuhören – er kann sich mögliche Entwicklungen vorstellen, bevor sie eintreten, und dadurch neue Sachen in der Musik geschehen lassen.” Auch über die Bassistin ist Iyer voll des Lobes: “Linda hat diese uneingeschränkte Qualität als Solistin, die es ihr ermöglicht, als melodisches Gegenstück zu mir zu arbeiten. Das kenne ich sonst nur von Bläsern. Abgesehen davon soliert sie nicht so sehr in den oberen Tonlagen des Instruments, wie es einige andere Bassisten tun. Sie versteht es, auf eine singende Art und Weise im Bassregister solo zu spielen.” Die mitreißende Version von “Free Spirits” (eine Komposition von John Stubblefield, die Vijay Iyer durch eine Interpretation von Mary Lou Williams kennengelernt hat) veranschaulicht beispielhaft das besondere rhythmische Gefühl, das dieses Trio entwickeln kann. “In dieser Nummer”, erläutert der Pianist, “greifen wir noch einmal ein bisschen auf Geri Allens ‘Drummer’s Song’ zurück, den wir für das erste Album komplett eingespielt hatten, und grooven einfach. Am Ende verspürten wir alle eine Welle von Emotionen – und der Rhythmus selbst schuf eine fröhliche und feierliche Atmosphäre.” Einige der Kompositionen, die Iyer für “Compassion” schrieb, nehmen Bezug auf bewunderte Persönlichkeiten (so wie die Anti-Apartheid-Ikone Erzbischof Desmond Tutu in “Arch”) oder leidvolle Ereignisse (wie die Stücke “Tempest”, “Maelstrom” und “Panegyric”, die allesamt für eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Covid−19-Pandemie entstanden). “Ghostrumental”, “Where I Am” und “It Goes” wurden ursprünglich für das Ensemble-Projekt “Ghosts Everywhere I Go” geschrieben, zu dem Iyer durch Werke der Chicagoer Dichterin Eve L. Ewing inspiriert wurde. Das balladeske “It Goes” begleitete bei der Uraufführung des Projekts an der University of Chicago die Rezitation eines Gedichts, in dem sich Ewing ausmalte, wie das Leben von Emmett Till  – der 1955 in Mississippi im Alter von nur 14 Jahren aus rassistischen Motiven barbarisch ermordet wurde – wohl heute aussehen könnte, wenn es ihm nicht so früh geraubt worden wäre. Zu “Prelude: Orison”, einem weiteren anrührenden Stück, erklärt Iyer, dass er das Thema dem Soloklavierstück “For My Father” entlehnt hat, das er kurz nach dem Tod seines Vaters 2021 komponierte und “dem mitfühlendsten Mann, den ich je gekannt habe”, widmete. In einem Essay, den er für das Booklet schrieb, reflektiert Vijay Iyer etwas eingehender über den Titel “Compassion”: “Die Unruhe, die ich in leidvollen Zeiten beim Kunstmachen verspüre, geht nie weg, und das sollte sie auch nicht; diese Spannung prägt den kreativen Prozess in jeder Phase. Sein Gegenstück, die Antwort auf ihren Ruf, ist das wiederbelebende Gefühl beim Musizieren mit, für und unter Menschen. Ich bin unendlich inspiriert von Tyshawn und Linda… Wir haben die gesamte Musik auf der Bühne entwickelt, draußen in der Welt, in Räumen der Gemeinschaft und der Begegnung.”
vor 4 Monaten
Vijay Iyer

News von Vijay Iyer

Tiny Desk Concert und Deutschland-Konzert von Love In Exile
Das Album “Love In Exile” auf LP und als exklusive Sonderedition in silbernem Vinyl und weiteres finden Sie in unserem JazzEcho-Store.    Von dem US-Radiosender NPR zu einem “Tiny Desk Concert” eingeladen zu werden, ist für viele Künstler aus aller Welt eine ganz besondere Ehre. Der YouTube-Kanal, auf dem diese intimen und größtenteils akustischen Showcases gezeigt werden, hat mittlerweile mehr als 7,8 Millionen musikbegeisterte Abonnenten. Die aus Pakistan stammende und in Brooklyn lebende Sängerin und Songschreiberin Arooj Aftab darf sich jetzt zu den besonders Glücklichen zählen, die bereits zwei “Tiny Desk Concerts verbuchen durften. Das erste gab sie mit ihrem Ensemble im Dezember 2021 nach  der Veröffentlichung ihres gefeierten Albums “Vulture Prince”, für das sie schon wenig später einen Grammy erhalten sollte. Wegen der Corona-Beschränkungen fand das Konzert damals allerdings nicht in den beengten Büroräumen von NPR Music in Washington D.C. statt, sondern wurde an einem anderen Ort aufgezeichnet.  Als Arooj nun am 12. Mai mit dem Supertrio Love In Exile, das sie mit Vijay Iyer (Klavier, Fender Rhodes) und Shahzad Ismaily (Bass, Moog-Bass) bildet, ihren zweiten “Tiny Desk”-Auftritt absolvierte, konnte man sie endlich auch in der gewohnten Kulisse erleben, die diesen Konzerten ihren eigentlichen, etwas unaufgeräumten Charme verleihen. Zu Hören gab es eine rund 17-minütige, improvisierte Version des Songs “Eyes Of The Endless”, die wahrlich unter die Haut geht. Das Stück ist auch Bestandteil des Repertoires des im März bei Verve Records veröffentlichten Debütalbum 'Love In Exile’ des Trios. “Der inoffizielle Preis für das Kopfhöreralbum des Jahres geht schon jetzt an diese intergenerationelle Supergroup”, schrieb Jan Paersch in Jazzthing über das Album. “‘Love In Exile’ erzählt in sechs Songs auf subtilst mögliche Weise die Geschichte dreier vielfältig interessierter Musiker/innen. Ein echtes Ambientalbum, kaum ein Stück kürzer als zwölf Minuten. […] Aftabs meditativer Urdugesang schwebt durch dieses Album. Und was Ismaily hier macht, ist atemberaubend: Sein abgrundtief dunkler Synth-Bass veredelt ‘Eyes Of The Endless’, sein ultrasimples Bassmotiv in ‘Sajni’ gibt Iyer das Sprungbrett für ätherische Improvisationen. Der Pianist spielt auf ‘Shadow Forces’ das vielleicht schönste Bluessolo seiner Karriere.” Am kommenden Donnerstag, dem 25. Mai, tritt das Trio im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg im Kleinen Saal der Elbphilharmonie live auf. Ein Konzert, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Darüber hinaus wird Arooj Aftab im Juni gleich zweimal beim 24. Poesiefestival in Berlin zu erleben sein. Zunächst zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern in der “Weltklang – Nacht der Poesie” am 9. Juni und dann am darauf folgenden Tag in einem “Poesiegespräch” mit der Musikjournalisten und Dolkumentarfilmregisseurin Christine Franz
vor einem Jahr
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