Kammermusikalischer Jazz mit einem Hauch portugiesischer Saudade

Der britische Saxofonist Andy Sheppard ist seit jeher dafür bekannt, neue Herausforderungen zu suchen und in den unterschiedlichsten Besetzungen – vom Duo bis zur Big Band – aufzutreten. Sein erstes eigenes Album für ECM Records, “Movements in Colour”, nahm er 2008 mit einem außergewöhnlichen Quintett auf. Vier Jahre später war er auf dem hochgelobten zweiten Werk “Trio Libero” im Zusammenspiel mit dem französischen Bassisten Michel Benita und dem Schlagzeuger Seb Rochford zu hören. Für die Alben “Surrounded By Sea” (2015) und “Romaria” (2018) wurde das Trio dann durch den norwegischen Gitarristen Eivind Aarset zum Quartett erweitert. Parallel dazu nahm er mit Carla Bley und Steve Swallow für ECM Records außerdem noch eine international gefeierte Album-Trilogie auf: “Trios” (2013), “Andando el Tiempo” (2016) und “Life Goes On” (2020). Auf “Salt Catchers” schlägt Andy Sheppard nun zusammen mit der italienischen Pianistin Rita Marcotulli und einmal mehr Michel Benita am Bass ein neues musikalisches Kapitel auf. Wenngleich sich die drei schon seit über zwanzig Jahren kennen und auch schon öfter miteinander gespielt haben, präsentieren sie sich hier zum ersten Mal zusammen im Trio-Format.
Neben einem Stück von Carla Bley präsentiert Sheppard auf “Salt Catchers” acht neue Eigenkompositionen, die allesamt durch einnehmende melodische Schönheit und delikate Harmonien bestechen. Sheppards unverwechselbarer Klang auf dem Tenor- und dem Sopransaxofon sowie seine elegant phrasierten Melodielinien werden von Marcotulli und Benita außerordentlich geschmackvoll und mit großem Einfühlungsvermögen ergänzt.
Das Projekt nahm seinen Anfang während der Corona-Pandemie, als Sheppard, der erst kurz zuvor in die Gegend von Lissabon gezogen war, nicht auftreten konnte und plötzlich viel mehr Zeit zum Komponieren hatte. "Ich verspürte damals den inneren Drang, Musik zu schreiben, die auf das Klavier zugeschnitten ist, und nicht, wie es bei meinen früheren Projekten oft der Fall war, auf die Gitarre.” Der britische Saxofonist wollte einen neuen Weg einschlagen und Musik mit einem kammermusikalischem Charakter schaffen, “die aber gleichzeitig eine Klangwelt haben sollte, die ganz und gar mir entspricht.”
Die Entscheidung, in einem schlagzeuglosen Trio zu spielen, "rührt nur zum Teil daher, dass ich meinen Schlagzeuger Seb Rochford an Patti Smith verloren hatte", sagt Sheppard mit einem verschmitzten Lächeln. “Der eigentliche Grund ist, dass ich die ganz besondere Herausforderung, ohne Schlagzeugbegleitung zu spielen, in den Jahren, in denen ich mit Carla Bley und Steve Swallow auftrat, so sehr genossen habe. Und mir gefällt auch die Idee, etwas ganz Neues zu schaffen, das gleichzeitig mit diesen vielen schönen Erinnerungen an Carla und Steve verbunden ist.”
Wie sein britischer ECM-Kollege John Surman hat auch Andy Sheppard eine Vorliebe für folk-inspirierte Stücke entwickelt. Das ist teilweise auf seine Zusammenarbeit mit dem schottischen Singer-Songwriter John Martyn in den frühen 1990er Jahren zurückzuführen. “Schon davor, als ich noch ein Teenager war, hat mich (Martyns Klassiker) ‚Solid Air‘ stark beeinflusst. Damals passierten in der britischen Singer-Songwriter-Szene so viele inspirierende Dinge. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum ich die Idee liebe, auch bei meiner Arbeit als Jazzmusiker echte Songs zu schreiben, obwohl ich das ziemlich anspruchsvoll finde.”
Sheppard meint, dass sich in die Musik von “Salt Catchers” darüber hinaus auch Einflüsse seiner Wahlheimat Portugal eingeschlichen haben. Der Saxofonist erwähnt dabei explizit das ganz besondere portugiesische Phänomen der “Saudade” – ein Gefühl von Sehnsucht und bittersüßer Melancholie –, das die meisten Stücke des Albums auf subtile Weise durchzieht. “Ich war im Grunde schon immer ein Romantiker.” Besonders deutlich wird dieser Einfluss in den beiden Stücken mit portugiesischem Titel – “Encantos” und “Salgados” – sowie im Titelstück des Albums, zu dem ihn ein Besuch der Salzfelder der Ria von Aveiro inspirierte.
Die einzige Fremdkomposition des Albums, “Lawns”, stammt von der im Oktober 2023 verstorbenen Carla Bley und erschien erstmals 1987 auf ihrem Album “Sextet” (WATT/ECM). Sheppard gehörte ab 1988 rund zwanzig Jahre lang zur Band der Pianistin. “Es ist ein Stück, das wir im Trio mit Carla und Steve oft gespielt, aber nie aufgenommen haben. Manfred, der ein unübertroffener Meister darin ist, die Reihenfolge der Titel festzulegen, fand die Idee, es aufzunehmen, ebenfalls gut – und ich denke, dass es nun wirklich ein wichtiger Bestandteil des Gesamtgefüges des Albums ist.”





