Enzo Favata: In Klänge gewandeter magischer Realismus

Mit seinem Quintett Atlantico erkundet der sardische Saxofonist und Klarinettist Enzo Favata einen musikalischen Raum, in dem seine mediterranen Wurzeln mit lateinamerikanischen Anklängen, afrikanischen Einflüssen, der Improvisation des Jazz und einer kammermusikalischen Dynamik verschmelzen. Wenngleich die Musik des Ensembles einer klaren künstlerischen Ausrichtung folgt, ist sie doch niemals vorhersehbar. Nun legt Enzo Favata, der in der Vergangenheit bereits mit ECM-Größen wie Enrico Rava, Dino Saluzzi, Miroslav Vitouš und dem Art Ensemble of Chicago zusammenarbeitete, mit “Ritornare” sein erstes Album bei ECM Records vor. Gemeinsam mit seinen langjährigen Mitstreitern – dem Gitarristen Marcello Peghin, dem Bandoneonisten Daniel Di Bonaventura, dem Kontrabassisten Salvatore Maltana und dem Schlagzeuger UT Gandhi, der am 10. August im Alter von 66 Jahren überraschend verstarb – erschafft er darauf eine faszinierende, farbenreiche akustische Klangwelt, die von den gemeinsamen Reisen der Protagonisten und ihrer Auseinandersetzung mit vielfältigen Musikkulturen geprägt ist.
Der Name des Quintetts verweist auf die großen stilistischen, transatlantischen Brücken, die die Musiker in ihren Kompositionen zwischen Sardinien – wo sie zu Hause sind – und Südamerika schlagen. In ihren Anfangsjahren zwischen 1999 und 2004 unternahm die Band mehrere ausgedehnte Tourneen durch den Süden des Kontinents. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten dort zahlreiche Emigranten aus dem Mezzogiorno eine neue Heimat gefunden und die Kultur der Region maßgeblich mitgeprägt. Von der Geschichte der Einwanderung der Italiener in Südamerika handelt auch die Musik des Quintetts Atlantico. "Einwanderung ist die Seele Italiens, die Seele Lateinamerikas”, meint Favata. Als er im vergangenen Oktober mit dem Ensemble beim Baku Jazz Festival auftrat, schrieb Ian Patterson in seiner Konzertbesprechung für All About Jazz: “In Favatas Welt gilt – wie bei allen großartigen Gruppen – dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.” Dies trifft ganz sicher auch auf die Musik von “Ritornare” zu.
Ein kollektives kulturelles Gedächtnis verbindet Orte und Menschen, deren Wege sich rund um den Atlantik kreuzen, und schafft so eine neue Realität. Der 1956 in Alghero auf Sardinien geborene Saxofonist und Klarinettist Enzo Favata ist seit langem von der Fülle der Fäden fasziniert, die dieses weitverzweigte Netz bilden. In seiner Musik entdeckt er die Orte, die er besucht hat, aus der Erinnerung wieder und kehrt ("ritornare”) durch den Klang zu ihnen zurück. Es scheint, als hätte sich Favata das Motto zu eigen gemacht, das der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez 2002 seinen Memoiren voranstellte,: “Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen.”
Wie seine gleichgesinnten Bandkollegen erkennt Favata den kulturellen Zusammenfluss in den Werken lateinamerikanischer Autoren wie Isabel Allende, Jorge Luis Borges oder Gabriel García Márquez. Diese literarischen Referenzen sind für den Saxofonisten ebenso prägend wie seine musikalischen Vorbilder. In seinen sanften akustischen Klanglandschaften strebt das Quintett Atlantico danach, Orte zu schaffen, die “zwischen Traum und Wirklichkeit schweben”, wie Favata es beschreibt. Der magische Realismus prägt den Geist der Gruppe maßgeblich.
Hier und jetzt, mehrere Jahrzehnte nachdem sie sich zum ersten Mal zusammengetan haben, schaffen Favata und seine Mitmusiker Dialoge innerhalb von Strukturen und Stimmungen, die beim ersten Hören seltsam vertraut wirken und bei jedem weiteren Hören immer mehr neue Details offenbaren. Der Zuhörer wird langsam, aber stetig von dem entfernt, was er zu erkennen glaubte, und kehrt an einen unbekannten, doch beruhigenden Ort zurück. Und jedes Mal, wenn die Musiker versuchen, ihre Schritte zurückzuverfolgen, gelangen sie an einen neuen Ort und kehren dorthin zurück, wo sie noch nicht ganz gewesen sind.





