Der Klang des Wesentlichen

"Die größte Gefahr beim Hören von Alina besteht darin, dass vieles von dem, was man danach hört, plötzlich wie Lärm wirkt – zu viel Lärm.“ Mit diesen Worten beschrieb der Kritiker Rob Cowan im Magazin Gramophone die Wirkung eines Albums, das seit seiner Veröffentlichung zu den wichtigsten Aufnahmen des Komponisten gezählt wird. Tatsächlich entfaltet "Alina“ mit denkbar wenigen Mitteln eine außergewöhnliche Präsenz. Fast drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung wirkt das Album noch immer zeitlos.
Entstanden ist die Aufnahme im Juli 1995 in der Frankfurter Festeburgkirche. Gemeinsam mit Produzent Manfred Eicher versammelte Arvo Pärt vier Musiker, die seiner musikalischen Sprache besonders nahestanden: den Geiger Vladimir Spivakov, den Cellisten Dietmar Schwalke sowie die Pianisten Sergej Bezrodny und Alexander Malter. Im Mittelpunkt standen das Klavierstück "Für Alina“ von 1976 und das zwei Jahre später entstandene "Spiegel im Spiegel“. Aus ihren verschiedenen Interpretationen entstand ein Album, das mit nur wenigen musikalischen Mitteln einen erstaunlichen Spannungsbogen entfaltet. Hermann Conen bezeichnet das Konzept in den Liner Notes als eine Konzentration auf einen "unverzichtbaren Kern des Materials“.
Eingerahmt werden die beiden Fassungen von "Für Alina“ durch drei Interpretationen von "Spiegel im Spiegel“. Der Titel verweist dabei unmittelbar auf das musikalische Prinzip des Werkes: Bewegungen werden gespiegelt, melodische Linien kehren zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Die Aufnahmen mit Vladimir Spivakov und Sergej Bezrodny eröffnen und beschließen das Album, während Dietmar Schwalke und Alexander Malter dazwischen eine Fassung für Violoncello und Klavier präsentieren. Die unterschiedlichen Besetzungen lassen das Werk jedes Mal in einem neuen Licht erscheinen.
Für Pärt selbst markiert "Für Alina“ einen entscheidenden Wendepunkt. Das kurze Klavierstück entstand 1976 nach einer langen Phase der Suche und gilt heute als das Werk, mit dem sein Tintinnabuli-Stil erstmals deutlich Gestalt annahm. Rückblickend beschrieb der Komponist seinen damaligen Zustand mit "Ich war wie ein Auftakt, der in der Luft hing und darauf wartete, dass der Satz beginnt.“ Tatsächlich wirkt "Alina“ wie ein Neubeginn. Fast alles Überflüssige ist aus der Musik verschwunden. Es gibt kein festes Metrum, kein vorgegebenes Tempo und kaum mehr als einige wenige Töne, die sich aus der Stille heraus entfalten.
Die besondere Stellung von "Alina“ zeigt sich auch in seiner Wirkungsgeschichte. Jeremy Eichler bezeichnete das Album in der New York Times als eine der wichtigsten Aufnahmen für den Einstieg in Pärts Werk und lobte die Weise, in der sie den frühen Tintinnabuli-Stil in seiner "wesentlichsten Form“ erfahrbar mache. Andere Kritiker hoben die Verbindung von äußerster Einfachheit und emotionaler Tiefe hervor. Längst reicht diese Wirkung weit über die Klassikwelt hinaus: Künstler wie Björk, Thom Yorke oder Stuart Braithwaite von Mogwai haben Pärts Musik als prägende künstlerische Erfahrung beschrieben.
Mit der nun erscheinenden Vinyl-Ausgabe erhält dieses stille Schlüsselwerk eine neue Form. Veröffentlicht wird “Alina” in einer LP-Ausgabe mit vierseitigem Beileger und den Liner Notes von Hermann Conen. Vor allem aber bietet die Wiederveröffentlichung die Gelegenheit, eine Aufnahme neu zu entdecken, die bis heute eindrucksvoll zeigt, wie viel Ausdruck in größtmöglicher Reduktion liegen kann.





