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Atemberaubend feinsinniger musikalischer Dialog

"Memento", das erste Duo-Album der Pianistin Marilyn Crispell und des Bassisten Anders Jormin, ist ein Werk voller lyrischer, subtiler Klänge. Thematisch drehen sich die Kompositionen und Improvisationen des Albums um Erinnerung und Verlust.
Marilyn Crispell & Anders Jormin
Marilyn Crispell & Anders Jormin
(c)
19.03.2026

Obwohl die Zusammenarbeit von Marilyn Crispell und Anders Jormin bereits viele Jahre zurückreicht, ist “Memento” das erste Duo-Album der beiden. Ihre erste gemeinsame Aufnahme, ein Live-Album namens “Spring Tour” (Alice Musik Produktion), entstand 1994 in Schweden im Trio mit dem Schlagzeuger Raymond Strid. Zehn Jahre später war Crispell dann auf Jormins ECM-Album “In Winds, In Light” zu hören, das einen Zyklus sakraler Lieder enthielt. Kennengelernt hatte die amerikanische Pianistin den schwedischen Bassisten, als sie 1992 das Solo Festival in Stockholm besuchte. Die dort auftretenden skandinavischen Musiker spielten Sachen, die sie zutiefst berührten. Einer von ihnen war Anders Jormin. “Als ich Anders spielen hörte, hat das in mir eine Saite zum Klingen gebracht, die stark nachhallte”, erinnert sich Marilyn. Die “Ästhetik von Raum, Schönheit und Zärtlichkeit”, die sie im Spiel der skandinavischen Improvisatoren wahrnahm, sollte ihr eigenes musikalisches Denken grundlegend verändern. Sie hatte das Gefühl, dass sich ihr neue Wege eröffneten, mit denen sie sich stark identifizieren konnte. Und sie erkannte, dass Freiheit in der Improvisation nicht nur an Energie und Intensität gemessen werden kann.

Memento”, im Juli 2025 im Auditorio Stelio Molo RSI in Lugano unter der Leitung von Manfred Eicher aufgenommen, beginnt mit vier frei komponierten Stücken des Duos. Der Opener “For the Children” ist laut Anders Jormin den Unschuldigen gewidmet, die im Kreuzfeuer globaler Konflikte – vom Sudan über Gaza bis zur Ukraine – gefangen sind. Jormins ausdrucksstarkes Arco-Spiel, das in der Phrasierung fast wie eine Kamantsche klingt, strotzt innerhalb des vom Klavier geschaffenen spontanen Rahmens nur so vor Emotionen. Das düstere, nachdenkliche “Dialogue” ist ein im Moment entstandener kreativer Gedankenaustausch zwischen Crispell und Jormin. “Embracing the Otherness” ist auf magische Weise sparsam, mit Stille als aktiver Komponente. Hier bewegen sich beide im oberen Register ihrer Instrumente. Das Stück “Contemplation in D”, mit dem Kontrabass als führender Stimme über schwebenden Klavierakkorden, ist eine Meditation und bildet den Abschluss des vollständig improvisierten Teils von “Memento”.

 "Three Shades of a House" ist eine Komposition von Jormin, die bereits 2018 auf dem ECM-Album “Contra la indecisión” des Bobo Stenson Trios zu hören war. Der Bassist arbeitet mit dem schwedischen Pianisten schon seit den Mittachtzigern zusammen. Das Stück entstand ursprünglich als Auftragskomposition zur Begleitung einer Ausstellung der norwegischen Malerin Hanne Borchgrevink. Ihre Werke werden oft als Variationsspiel über ein kompositorisches Thema oder als Musik in Form und Farbe beschrieben. Das Stück wird hier in zwei Versionen präsentiert: In der “morgendlichen” Variante steht das kristallklare Klavier im Vordergrund, in der “abendlichen” der dunkel tönende Bass.

Song” ist eine Komposition von Marilyn Crispell aus den 1990er Jahren. In dem Stück geht es laut der Pianistin “um die Distanz zwischen zwei Menschen”. Der Titelsong “Memento”, eine perfekt phrasierte Miniatur für Soloklavier, handelt hingegen von Nähe. Er verweist auf “Menschen auf der ganzen Welt, mit denen ich mich verbunden fühle, und die vielen Menschen, die ich vermisse, darunter Familienmitglieder und Freunde, die ich in den letzten Jahren verloren habe.” “The Beach at Newquay” schildert Crispells ersten Besuch in Cornwall während einer Tournee mit dem schottischen Saxofonisten Raymond MacDonald: “Nachts am Strand stehen. Das Meer und die Sterne: magisch.” Jormins im hohen Register gespielter Arco-Bass erinnert hier an die Schreie der Möwen.

Das Stück ‘The Dark Light’”, sagt Anders Jormin, “spielt nur ganz leicht auf eine der Kompositionen an, die ich zu der Aufnahmesession mitbrachte. Wir haben die Komposition nie in ihrer Gesamtheit gespielt. Der widersprüchliche Titel bezieht sich auf den Kontrapunkt, auf verschiedene Ebenen in der Musik und auf die Gefühle von Freude und Traurigkeit, die wir gleichzeitig spüren und vermitteln können. Wir haben dafür sogar ein spezielles schwedisches Wort: Vemod. Es ist ein stilles Lied, ein gefrorener Sonnenstrahl, ein flüsternder Sturm, das dunkle Licht… hinter den widersprüchlichen Worten tut sich etwas auf …

Schließlich ist da noch Crispells “Dragonfly”, ein warmes, ländlich anmutendes Klavierstück, das sie Gary Peacock gewidmet hat. Crispell und der im September 2020 verstorbene Bassist haben gemeinsam einige hervorragende Aufnahmen gemacht, darunter die Trio-Alben “Nothing ever was, anyway” und “Amaryllis” sowie das Duo-Album “Azure”. “Gary war sowohl ein enger Freund als auch ein Kollege”, sagt Marilyn Crispell. “In den Wochen, bevor er starb, besuchte ich ihn oft, und wir saßen draußen auf seiner Veranda. Es war Frühherbst, das Wetter war wunderschön, und es gab viele Libellen und kleine Tiere, die ihn besuchen kamen – ich erinnere mich vor allem an ein Streifenhörnchen, das er fütterte…

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