Bass-Gott mit Gospel-Album – Ron Carter meets Ricky Dillard
Auf seinem neuen Album unternimmt Kontrabasslegende Ron Carter gemeinsam mit Ricky Dillard und dessen berühmtem New-G-Chor einen schwungvollen Ausflug in die Welt der Gospelmusik.
Ron Carter & Ricky Dillard(c) Paul C. Rivera
10.02.2026
Bassist Ron Carter ist auch im hohen Alter – am 4. Mai wird er seinen 89. Geburtstag feiern – immer noch für Überraschungen gut. Vor sieben Jahren nahm er für Blue Note Records gemeinsam mit dem Dichter und Spoken-Word-Künstler Danny Simmons das außergewöhnliche Beat-Poetry-Album “The Brown Beatnik Tomes” auf. Jetzt kehrt er mit einem spannenden Projekt ganz anderer Art, das in Kooperation mit dem Label Motown Gospel entstand, zu Blue Note zurück. Auf “Sweet, Sweet Spirit” kommt es zu einer historischen musikalischen Zusammenarbeit mit dem Chorleiter Ricky Dillard und seinem Chor New G (aka New Generation Chorale), der in der Szene für seine theatralische Extravaganz berühmt ist. Auf dem Album, das jetzt weltweit digital erschienen ist, verschmelzen die sakrale Kraft der Gospelmusik und die meisterhafte Improvisation des Jazz. Eine CD-Ausgabe ist in den USA erschienen, eine LP soll im Juni folgen.
“Sweet, Sweet Spirit” ist für Ron Carter ein zutiefst persönliches Projekt, mit dem der Bassist das Andenken an seine verstorbene Mutter, Willie O. Carter, ehrt. Das Programm besteht aus ihren Lieblingshymnen, die das musikalische Fundament des Carter-Haushalts und der Kirchengemeinde in Detroit bildeten, in der die Familie die Gottesdienste besuchte. Gemeinsam mit Dillard, seinem Chor und einer fetzigen Jazzband haucht Ron Carter den von seiner Mutter so sehr geschätzten Hymnen, die ursprünglich a cappella und ohne instrumentale Begleitung von den Gemeindemitgliedern gesungen wurden, frisches Leben ein.
Die Ursprünge von “Sweet, Sweet Spirit” reichen fast dreißig Jahre zurück. Als Ron Carters Mutter in eine Pflegeeinrichtung ziehen musste, baten ihn seine Schwestern, zehn ihrer Lieblingshymnen zu arrangieren und solo aufzunehmen. So konnte seine Mutter in dieser späten Lebensphase die einfühlsamen Bassinterpretationen ihres Sohns hören, die wunderbare Erinnerungen in ihr weckten.
Als Ron Carter das Projekt mit einem Chor und einer Band für Blue Note aufnehmen wollte, wusste er sofort, mit wem er dabei zusammenarbeiten wollte: Dafür kam nur Dr. Ricky Dillard infrage. Der hatte seine musikalische Karriere Mitte der 1980er Jahren in der Chicagoer House-Szene begonnen und dort mit Größen wie DJ Frankie Knuckles und Larry Heard zusammengearbeitet. Doch nach nur einem eigenen House-Album gründete er seinen Chor New G.“Mein Herz schlug eigentlich immer für Gospelmusik”, sagt er. “Die anderen Sachen waren nur eine Gelegenheit, Aufnahmen zu machen. Ich wollte einen zeitgemäßeren Stil für Gospelchöre kreieren.” Heute ist Dillard, der bereits acht Grammy-Nominierungen in diesem Genre erhalten hat, eine führende Persönlichkeit und ein Meister der zeitgenössischen Gospelchormusik. Auf “Sweet, Sweet Spirit” schufen Ron Carter und Dr. Ricky Dillard nun gemeinsam eine Klanglandschaft, in der der Chor zum Instrument und der Bass zum Erzähler wird. Die beiden Genres Jazz und Gospelmusik koexistieren hier mit Ehrfurcht und Innovationsgeist. Das Projekt markiert einen Moment, in dem zwei afroamerikanische Kunstformen, die tiefreichende spirituelle und kulturelle Wurzeln haben, zu etwas Neuem verschmelzen.