Visionär und von Anfang bis Ende fesselnd!

In Stanley Cowells “Illusion Suite” kommen die “Reize auf leisen Füßen” daher, wie es das US-amerikanische Jazzmagazin DownBeat 1974 in seiner Rezension des Albums formulierte. “Sie schleichen sich an einen heran und treffen auf subtile Weise ins Ohr. Immer wieder springen plötzlich Dinge hervor, die man zuvor nicht wahrgenommen hatte. Dieses Album präsentiert Stanley Cowells frischen pianistischen Ansatz auf direkteste und präziseste Weise.” Auf dem im November 1972 in New York entstandenen Album – Cowells einziger Aufnahme für ECM Records – ist der Pianist, der hier neben dem akustischen Instrument auch E-Piano und das afrikanische Daumenpiano Mbira spielt sowie Effektgeräte verwendet, im traumhaften Zusammenspiel mit Stanley Clarke (akustischer und elektrischer Bass) und Jimmy Hopps (Schlagzeug) zu hören. Clarke hatte sein ECM-Debüt im Februar 1972 gegeben, als er den Pianisten Chick Corea bei der Einspielung des bahnbrechenden Albums “Return to Forever” begleitete.
Auf “Illusion Suite” spinnen die Musiker gemeinsam ein weitreichendes, idiomatisches Netz, das Cowells kompositorische Vision in den Vordergrund stellt. Die Improvisation dient dabei sowohl der Erkundung als auch der Gestaltung einer unverwechselbaren Identität – etwas, das Cowell vor dieser Session noch nie mit solcher Klarheit umgesetzt hatte. Verblüffend ist, wie das Trio in Stücken wie "Ibn Mukhtarr Mustapha” und “Miss Viki” eine Blaupause für die späteren, weitaus bekannteren Fusion-Experimente von Coreas Band Return to Forever und Herbie Hancocks Headhunters zu liefern scheint. In seinem Begleittext zur Vinyl-Neuauflage dieses Albums in der ”Luminessence"-Serie bemerkt der Pianist und Autor Ethan Iverson, wie “Cowell von einer Idee zur nächsten springt und sich mit Begeisterung an verschiedene Genres wagt”, und bezeichnet das Album als “einen furchtlosen und experimentellen Streifzug, der eine Vielzahl von Facetten umfasst”. In einer aktuellen Besprechung des Albums in den UK Jazz News überschlägt sich der Kritiker Phil Johnson vor lauter (und berechtigter) Begeisterung und kommt zu dem Schluss: “Das ist ein umwerfend gutes Album aus längst vergangenen Zeiten, und Stanley Cowell, der 2020 im Alter von 79 Jahren verstorben ist, war ganz offensichtlich ein Genie.” Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen.





