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Keith Jarrett (Biografie 3.Teil)

04.07.2007
Eine seltene Nervenkrankheit zwang Jarrett Ende der neunziger Jahre dazu, sich für mehrere Monate von der Bühne zurückzuziehen. Nach der Genesung meldete er sich 1999 mit dem ergreifend ausdrucksstarken Soloalbum The Melody At Night, With You zurück. Das Album brach in mancher Hinsicht mit der Tradition seiner Vorgänger. Erstens wurde es nicht bei einem Konzert, sondern Ende 1998 im Heimstudio des Pianisten in New Jersey aufgenommen. Zweitens ging es diesmal nicht wie bei Jarretts Solokonzerten um Improvisation als kompositorischen Prozeß, sondern um die Interpretation auskomponierter Melodien. Das Repertoire setzt sich zusammen aus Love-Songs von Duke Ellington, George und Ira Gershwin, Oscar Hammerstein, Jerome Kern und Oscar Levant sowie Volksliedern wie “My Wild Irish Rose” und “Shenandoah”. Es war ein Soloalbum mit Standards, doch zugleich von ganz anderem Charakter als die Aufnahmen des von Spielfreude geprägten “Standards” Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette.
Danach folgten erst einmal zwei aus dem Rahmen der “Standards”-Einspielungen fallende Alben mit Peacock und DeJohnette. Das in der Londoner Royal Albert Festival Hall mitgeschnittene Album Inside Out enthielt nur eine klassische Jazznummer und ansonsten weitgehend frei improvisierte Musik. Noch radikaler präsentierte sich das Trio 2002 auf Always Let Me Go (Live In Tokyo). “Hier sind Götter am Werk, und die Blitze, die sie um sich schleudern, sind ehrfurchtgebietend”, meinte der Kritiker Glenn Swan im All Music Guide über das Album. Auf Up For It (mitgeschnitten beim Antibes Jazz Festival) kehrten die drei Götter 2003 zum Standards-Format zurück. Neben einigen Klassikern, die im Repertoire des Trios längst den Rang von “Greatest Hits” (“My Funny Valentine”, “Someday My Prince Will Come”, “Autumn Leaves”, “If I Were A Bell” und “Butch And Butch”) einnahmen, tauchten auf diesem Album auch drei Titel auf, die man bislang noch nicht von Jarrett, Peacock und DeJohnette gehört hatte: Charlie Parkers Bebop-Meisterwerk “Scrapple From The Apple”, “Two Degrees East, Three Degrees West”, ein schwermütiger Blues des Modern Jazz Quartet, und das Titelstück “Up For It”, eine berauschende neue Komposition Jarretts.

Im Juli 2001 hatte Jarrett in einem Interview mit Wolfgang Sandner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Bemerkung fallen gelassen, daß er sich vorerst nicht vorstellen könnte, wieder Solokonzerte zu geben. Seinen Fans in aller Welt dürfte damals das Herz gestockt haben. Doch schon ein Jahr später strafte sich Jarrett selber “Lügen”, als er 2002 in Tokio und Osaka Solokonzerte gab. Auf die Veröffentlichung der Aufnahmen mußte das Jazzpublikum allerdings drei Jahre warten: Erst 2005 erschien die  Doppel-CD Radiance, ein Jahr später noch die DVD Tokyo Solo. “Die ganze Aufnahme wirkt in ihrer Dichte, ihrer rigorosen pianistischen Ausführung, ihrer Vielgestaltigkeit wie ein Kompendium des zeitgenössischen Klavierspiels”, meinte Wolfgang Sandner in der FAZ: “Wer Werke von Debussy hören möchte, die Debussy nie komponiert hat, wer in Cecil Taylors Stakkato-Kaskaden bisher den melodischen Kern vermißt hat, wer bedauert, daß Bill Evans schon gestorben ist und Lennie Tristano nur einen Mambo und ein Requiem auf Charlie Parker geschrieben hat, wer hören möchte, wie man einen Dreiklang durch alle Tonarten dekliniert, wer glaubt, daß Prokofjews mächtiger Klavierton immer noch steigerungsfähig ist, wer wissen möchte, was überhaupt auf dem Klavier noch an Ausdruck möglich ist, wer den lyrischen Jazztonfall so sehr schätzt wie den Drive des Swing, wer sich in Trance versetzen möchte durch die Wiederholungsrituale eines linkshändigen Riffs, über das sich die nie verebbende Flut minimalistischer Klangveränderungen ergießt – der findet von all dem etwas in ‘Radiance’.” Die DVD “Tokyo Solo” setzte dort wieder an, wo die CD “Radiance” geendet hatte.

Im September 2006 erschien auf CD schließlich ein rund ein Jahr zuvor in der New Yorker Carnegie Hall gegebenes Solokonzert des Pianisten. Zehn Jahre lang hatte Jarrett in den USA kein Solokonzert mehr gegeben. Und selten hatte man ihn in solch ausgelassener Spiellaune erlebt wie bei diesem Auftritt im Isaac Stern Auditorium der Carnegie Hall. Nie zuvor auch hatte sich der Pianist bei einem Solokonzert mit einer solchen stilistischen Bandbreite präsentiert. Das Programm wirkte wie ein Streifzug durch die amerikanische Musikgeschichte. Es enthielt Boogie-Woogie, Gospel, Blues, Funk, Country, elegische Hymnen. Es war ein Wechselbad der Stimmungen, mal intensiv lyrisch oder eher klassisch-impressionistisch, dann wieder zupackend funky oder tonal völlig frei – und stets pontierter als je zuvor.

Für zahlreiche Kritiker und Fans stand fest: 30 Jahre nach dem legendären Köln Concert, das als das bestverkaufte Pianosolo-Album aller Zeiten gilt, hatte Keith Jarrett sich selbst übertroffen und die Meßlatte für improvisierende Solopianisten noch einmal ein gutes Stück höher gelegt. Sieben Jahre nach der Krankheit, die fast sein Karriereende bedeutet hätte, bewies der Pianist das er wohl noch so manche hochkarätige Überraschung für seine Fans parat hat.

Mit entsprechender Spannung kann man deshalb dem für dieses Jahr angekündigten siebzehnten Album des “Standards”-Trios entgegenblicken. Es wird voraussichtlich im Oktober 2007 unter dem Titel My Foolish Heart erscheinen und den Mitschnitt eines Konzertes enthalten, das Jarrett, Peacock und DeJohnette im Jahr 2001 beim Jazzfestival in Montreux gaben.

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