Coltranes „Tiberi Tapes“ – ein aufregender Musikfund!

Gibt es sie wirklich oder sind sie nur ein Mythos? Rund 65 Jahre lang waren die sogenannten „Tiberi Tapes“, unveröffentlichte Live-Aufnahmen von John Coltrane aus den frühen 1960er Jahren, in der gesamten Jazzwelt Gegenstand von Gerüchten und intensiven Spekulationen. Denn gehört hatten sie nur wenige. Einer der Glücklichen, denen dies vergönnt war, ist Joe Lovano, der bereits als Jugendlicher ein glühender Coltrane-Fan gewesen ist. Eine der ersten Stationen, die Lovano nach seinem Studium am Berklee College of Music in Boston ansteuerte, war 1976 Woody Hermans New Thundering Herd. Der Lead-Tenorsaxofonist der Band war Frank Tiberi, der ein Jahrzehnt zuvor unter abenteuerlichen Umständen die mystischen Live-Aufnahmen von Coltrane mitgeschnitten hatte.
Das Geheimnis um John Coltranes Tiberi Tapes
Über ihre gemeinsame Verehrung für John Coltrane kamen sich Frank Tiberi und Joe Lovano schnell näher, Tiberi vertraute ihm und ließ ihn die insgeheim aufgenommenen Titel hören – eine äußerst seltene Ehre. „Frank kam zu mir, setzte mir die Kopfhörer auf und spielte bestimmte Passagen an, um zu veranschaulichen, wie Coltrane harmonische Wechsel oder Melodien gelangen“, erzählte Lovano kürzlich dem britischen Guardian. „Das war unglaublich inspirierend, weil man hören konnte, wie er schon damals einzelne Stücke 35 Minuten oder länger spielte. Er ließ sich wirklich ganz auf die Musik ein und folgte ihr dahin, wohin sie ihn führen wollte. Diese Freiheit, die seine späteren Werke prägte, war tatsächlich immer präsent gewesen.“
Wie Frank Tiberi zu John Coltranes Schatten wurde
Der zwei Jahre jüngere Frank Tiberi hatte John Coltrane 1958 durch die Aufnahmen entdeckt, die der Tenorsaxofonist gemeinsam mit dem Trompeter Wilbur Harden für Savoy Records gemacht hatte. „Was mich umgehauen hat, waren seine Improvisationen, seine harmonischen Täuschungen“, erinnert sich Tiberi. „Er verwendete Akkorde über Akkorde. Es war einfach verblüffend. Er war ein Impressionist. Er konnte wirklich spielen und dabei sowohl seine technische Fähigkeit und seine Ideen als auch das Gefühl, das er während des Spielens entwickelte, einbeziehen. Ich wusste einfach, dass dies die Zukunft sein würde.“
Von da an legte sich Tiberi jede neue Aufnahme von und mit Coltrane zu und besuchte, wann immer möglich, auch seine Konzerte. Dabei fiel ihm auf, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen dem gab, was Coltrane bei Studioaufnahmen spielte, und dem, was er auf der Bühne bot. Im Sommer 1960 legte sich Tiberi ein batteriebetriebenes, tragbares Tonbandgerät zu, um Coltranes Konzerte aufzunehmen: einen Concertone TR−100 Transicorder mit kleinen Drei-Zoll-Spulen und einem winzigen Richtmikrofon. Natürlich nicht in der Absicht, sie zu veröffentlichen, sondern zu rein persönlichen Studienzwecken. In den Jazzclubs versteckte das Aufnahmegerät in einer Stofftasche auf seinem Schoß – was ihn dazu zwang, die Spulen „blind“ zu wechseln – und das Mikrofon unter seinem Mantel.
Dass Tiberi unter diesen unorthodoxen Umständen keine perfekten Aufnahmen erhalten würde, war ihm bewusst. Bis 1964 folgte er Coltrane dennoch wie ein Schatten und schaffte es, bei Dutzenden Auftritten in diversen Clubs in New York und Philadelphia mehr als 80 Bänder mit über 26 Stunden Live-Musik mitzuschneiden. Die Gesamtheit der Aufnahmen dokumentiert die rasante Entwicklung, die John Coltrane in diesen fünf Jahren durchlief, eine Phase, die 1960 mit dem bahnbrechenden Atlantic-Album „Giant Steps“ begann und 1965 in den Aufnahmen des klassischen John Coltrane Quartet für das Impulse!-Meisterwerk „A Love Supreme“ gipfelte.
Jetzt erblicken die Tiberi Tapes das Licht der Welt
Über 60 Jahre lang kannten nur Frank Tiberi und einige wenige von ihm Auserwählte die historischen Aufnahmen. Dass sie existierten, war jedoch eine oft kolportierte Geschichte. Dann kam Coltranes einstiges Label Impulse! Records auf die Idee, im Jahre des 100. Geburtstags des Saxofonisten eine Auswahl der Tapes zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck wurden sie über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg vom renommierten Toningenieur Kevin Reeves, der bereits 2018 die unveröffentlichten Aufnahmen von Coltranes „Both Directions At One: The Lost Album“ gemastert hatte, technisch akribisch aufbereitet.
Dabei ging es Reeves nicht darum, Klangkosmetik zu betreiben, sondern, wie er es beschreibt, „like a scalpel“, gezielt und von Hand störende Nebengeräusche zu reduzieren und gleichzeitig möglichst viel von der ursprünglichen musikalischen Information zu bewahren. Das Ziel war nicht, den historischen Mitschnitten die Anmutung moderner Studioaufnahmen zu geben, sondern den Hörer so unmittelbar wie möglich an diese einzigartigen Momente heranzuführen und, so Reeves, „to bear witness to this chapter in jazz history.“
Am 6. November wird nun unter dem Titel „The Tiberi Tapes” eine Auswahl von elf langen Tracks mit einer Laufzeit von rund drei Stunden erstmals auf 4 LPs bzw. 3 CDs sowie digital veröffentlicht. Die Aufnahmen werden von einem umfangreichen Booklet mit Liner Notes von den Coltrane-Experten Ashley Kahn, Lauren Du Graf, Lewis Porter und Toningenieur Kevin Reeves begleitet. Sie beleuchten die historischen, musikalischen und klangtechnischen Aspekte dieser Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Die “Tiberi Tapes” sind ab sofort vorbestellbar. Exklusiv im JazzEcho-Store ist die LP-Variante preisgleich mit einer Sonderauflage des Everything-Jazz-Posterzine erhältlich – nur solang der Vorrat reicht!





