Melanie Charles | News | Kämpferisch und erfrischend originell: eine junge Jazz-Rebellin auf den Spuren von Billie, Marlena, Abbey und Co.

Kämpferisch und erfrischend originell: eine junge Jazz-Rebellin auf den Spuren von Billie, Marlena, Abbey und Co.

Eigentlich sollte Melanie Charles nur ein Remix-Album aus alten Verve-Aufnahmen fertigen. Dann kam sie auf andere Ideen und nahm für das Label stattdessen ihr fantastisches Debüt “Y’all Don’t (Really) Care About Black Women” auf.
Melanie Charles -  Y'all Don't (Really) Care About Black Women
Melanie Charles - Y'all Don't (Really) Care About Black Women
14.11.2021
Dieses Album auf LP und weitere von Verve Records finden Sie in unserem JazzEcho-Store.
“Jazz war einst Partymusik”, wurde Melanie Charles kürzlich im Boston Herald zitiert. “Die Menschen tanzten zu dieser Musik. Es war die Musik der einfachen Leute. Aber mit der Zeit wurde der Jazz sehr institutionalisiert. Und entwickelte sich zu einer ‘Sitzmusik’. Diese Musik hat natürlich auch ihre Daseinsberechtigung, und ich selbst schätze sie auch sehr. Aber ich war seit jeher daran interessiert, zu der Zeit zurückzukehren, in der Jazz etwas für junge Leute war.” Mit “Y’all Don’t (Really) Care About Black Women”, ihrem erstaunlichen Debütalbum für Verve Records, dürfte die Sängerin, Multiinstrumentalistin und Songschreiberin jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: zum einen ein neues junges Publikum, das mit Jazz bisher wenig am Hut hatte, begeistern und zum Tanzen bringen, zum anderen aber auch wirklich passionierte Jazzfans beeindrucken.
Das Projekt “Y’all Don’t (Really) Care About Black Women” nahm 2019 seinen Anfang, als ein Manager von Verve Records an Melanie Charles herantrat und sie fragte, ob sie nicht ein Remix-Album mit Aufnahmen aus dem umfangreichen Katalog des historischen Jazzlabels machen wolle. Melanie war sofort Feuer und Flamme. Sie durchforstete die Archive nach Aufnahmen, die sie persönlich ansprachen und von denen sie glaubte, dass sie ihnen einen frischen Energieschub geben könnte. Die beiden ersten Stücke, die sie herauspickte, waren Billie HolidaysGod Bless The Child” und Sarah VaughansDetour Ahead”. Die Aufnahmen inspirierten sie dann aber so sehr, dass sie nicht einfach Remixe fertigte, sondern die Stücke gleich vollkommen neu arrangierte und mit ihren Musikern in einem Studio in Brooklyn einspielte. Als sie das Projekt mit Volldampf fortführen wollte, funkte ihr dann die Corona-Pandemie dazwischen und sie konnte nicht ins Studio zurückkehren. Aber Melanie ließ sich dadurch nicht aus der Bahn werfen und setzte ihre Arbeit mit bescheideneren Mitteln einfach von zu Hause aus fort. “Das ist der Kern unserer Erfahrung als Schwarze Menschen”, meint sie achselzuckend, “wir sind es gewohnt, etwas aus dem Nichts zu machen.”
Einen immensen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Albums hatten aber auch die tragischen Tode von George Floyd, Breonna Taylor und anderen. Besonders nahe ging Melanie Charles, was mit Breonna Taylor geschehen war.  “Ich wurde unsanft daran erinnert, dass Schwarze Frauen unterbewertet, vernachlässigt, nicht geschützt und missachtet werden und dass es schon immer so war. An diesem Punkt beschloss ich, mich auf Lieder zu konzentrieren, die von Schwarzen Frauen, die mir den Weg geebnet haben, geschrieben oder gesungen wurden.” 
Herausgekommen ist dabei dieses fantastische Album mit dem bewusst provokativen Titel “Y’all Don’t (Really) Care About Black Women”. Melanie Charles interpretiert hier nicht nur Songs, die ursprünglich von Billie Holiday, Sarah Vaughan, Abbey Lincoln, Marlena Shaw, Betty Carter, Ella Fitzgerald und Dinah Washington aufgenommen wurden, sondern lässt viele dieser Gesangs-Ikonen in Samples auch selbst zu Wort kommen. Zur Seite stehen ihr dabei exzellente Musiker wie u.a. der Gitarrist Benjamin Julia, die Harfenistin Brandee Younger, Pianist Keith Brown, Hammond-Organist Shedrick Mitchell, die Bassisten Dezron Douglas und Tony Garnier, Schlagzeuger Marcus Gilmore und Melanies Bruder Rogerst Charles am Altsaxophon.
 
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