Eine pianistische Sternstunde in der Ewigen Stadt

Als ECM Records in den 1970er Jahren die ersten Aufnahmen von Keith Jarretts vollständig improvisierten Pianosolokonzerten veröffentlichte, betraten der Künstler und das Label absolutes Neuland. Die beiden Alben “Solo Concerts: Bremen/Lausanne” (1973), das in einer Box mit drei LPs erschien, und “Köln Concert” (1975), das als Doppelalbum veröffentlicht wurde, waren sowohl in konzeptioneller als auch musikalischer Hinsicht bahnbrechend. Mehr noch: Sie erreichten und begeisterten auch ein Publikum, das sich bis dahin eher wenig – wenn überhaupt – für Jazz und improvisierte Musik interessiert hatte. "Jazzmusiker haben in ihrem Schaffen schon immer großen Wert auf Improvisation gelegt”, bemerkte der Musikhistoriker und -kritiker Ted Gioia, der selbst Jazzpianist ist, vor 20 Jahren in einem Artikel über Jarretts "essenzielle Aufnahmen”. “Doch nur wenige haben diese Hinwendung zum spontanen Schaffen so weit getrieben wie Keith Jarrett in seinen Solokonzerten. Er war ein Pionier des (nach wie vor seltenen) Konzepts eines vollständig improvisierten Klavierabends, der ganz und gar von der Muse des Augenblicks inspiriert ist. Doch so spannend dieses Konzept auch ist, Jarretts Umsetzung dieser ehrgeizigen Idee ist noch beeindruckender.”
Jedes neue Soloalbum ein weiterer Meilenstein
In den folgenden beiden Jahrzehnten erschienen immer wieder neue, von Kritik und Publikum gefeierte Aufnahmen von Jarretts faszinierenden, improvisierten Solokonzerten, darunter die monumentale 10-LP-Box “Sun Bear Concerts” (1976), das Dreifachalbum “Concerts” (1982) und “La Scala” (1997). Bis eine Erkrankung am Chronischen Fatigue-Syndrom den Pianisten zu einer längeren Pause zwang. Erst 2002 betrat er in Japan wieder die Bühne für neue Solokonzerte, die 2005 von ECM Records auf der Doppel-CD “Radiance” veröffentlicht wurden. In einem Interview mit Wolfgang Sandner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte Jarrett damals, dass nun jedes Solokonzert für ihn etwas ganz Besonderes sei, da ihm diese Krankheit bewusst gemacht habe, dass es sein letztes sein könnte. Deshalb setzte er sich das Ziel, bei seinen Solokonzerten vollkommener und konzentrierter zu spielen und nicht mehr “einfach drauflos”, wie bei seinen berühmten früheren Aufnahmen.
Jarretts letzte Europa-Tournee im Sommer 2016: Ein Triumph sondergleichen!
Seitdem legte Keith Jarrett bei jedem weiteren improvisierten Solokonzert die Messlatte für sich selbst höher. Als er im Sommer 2016 zu seiner Solotournee durch Europa aufbrach, ahnte er noch nicht, dass es seine letzte sein würde. Die Tournee begann am 3. Juli mit einem Auftritt in Budapest und führte im Drei-Tage-Rhythmus weiter über Bordeaux, Wien und Rom nach München. Bei den Konzerten überraschte Jarrett mit Improvisationen, die er spontan zu Suiten formte. Dabei folgte er jedes Mal einer anderen Dramaturgie und zeigte sich erfindungsreicher denn je. Als erstes erschien 2019 – noch bevor bekannt wurde, dass der Pianist 2018 zwei Schlaganfälle erlitten hatte und nie mehr auftreten würde – das abschließende Konzert der Tournee unter dem Titel “München 2016”. Es folgten das “Budapest Concert” (2020), das “Bordeaux Concert” (2022) und “New Vienna” (2025). In der internationalen Presse riefen sämtliche Alben ein gewaltiges Echo hervor und wurden durchweg als neue Meisterwerke des Pianisten gefeiert. Nun erscheint am 6. November anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Jarretts finaler Solotournee durch Europa der fünfte und letzte, schlicht "Roma” betitelte Konzertmitschnitt auf Doppel-Vinyl und einer einzelnen CD. Die Musik, die Keith Jarrett am 12. Juli im Saal Santa Cecilia im Parco della Musica in Rom bot, sticht selbst innerhalb dieser außergewöhnlichen Konzertreihe deutlich hervor. Und das will wirklich etwas heißen!
Intime Jazzballaden, die tief unter die Haut gehen

“Na endlich!”, werden sich viele Jazzfans gedacht haben, als ECM Records im Mai 2010 “Jasmine” veröffentlichte, das erste Duo-Album des Pianisten Keith Jarrett mit dem Bassisten Charlie Haden. Dass es nicht schon wesentlich früher dazu gekommen war, ist in der Tat verwunderlich. Denn als Jarrett 1967 – vier Tage vor seinem 22. Geburtstag – mit Haden und dem Schlagzeuger Paul Motian sein Debütalbum “Life Between the Exit Signs” für das Atlantic-Sublabel Vortex aufnahm, sprang der kreative Funke zwischen den Musikern auf Anhieb über. In den folgenden neun Jahren spielten sie zusammen sechzehn weitere Alben ein – mal als Trio, mal mit dem Saxofonisten Dewey Redman als viertem Mann in Jarretts “American Quartet”. Ende 1976 trennten sich die Karrierewege von Jarrett und Haden, um sich erst 31 Jahre später erneut zu kreuzen. Die Wiedervereinigung kam dabei eher zufällig zustande. Anfang 2007 bat der Dokumentarfilmer Reto Caduff den Pianisten, sich für “Rambling Boy”, ein Biopic über Haden, an die Zusammenarbeit mit dem Bassisten in den 70er Jahren zu erinnern. Als sich die beiden während der Dreharbeiten trafen, kamen sie auf die Idee, noch einmal völlig zwanglos zusammenzuspielen. Diese Session machte ihnen so viel Spaß, dass Jarrett Haden anschließend zu sich nach Hause einlud, um dort weiterzumachen. Und so trafen sie sich im März 2007 und zogen sich vier Tage lang in Jarretts Heimstudio in Oxford Township, New Jersey, zurück. Das Resultat dieser intimen Aufnahmesession, bei der das Duo balladesken Jazzstandards neuen Glanz verlieh, wurde im Mai 2010 – anlässlich von Jarretts 65. Geburtstag – von ECM Records auf dem Album “Jasmine” veröffentlicht. Die internationale Presse feierte es unisono als wahres Meisterwerk zweier Ausnahmemusiker an ihren Instrumenten.
Eine absolute Rarität in Keith Jarretts Œuvre!
In Jarretts sehr umfangreicher ECM-Diskografie stellt das Album “Jasmine” eine Besonderheit dar. Zwar hatte er mit "Ruta and Daitya” eines seiner ersten Alben für das Label von Manfred Eicher 1971 im Duo mit dem Schlagzeuger Jack DeJohnette eingespielt, danach machte er jedoch nur noch vier Duo-Alben mit klassischen Musiker:innen. Ganz anders Charlie Haden: Er entwickelte Mitte der 1970er Jahre ein Faible für Duette und nahm mit Musikern wie Ornette Coleman, Hampton Hawes, Egberto Gismonti, Jim Hall, Hank Jones, Kenny Barron, John Taylor, Gonzalo Rubalcaba und Brad Mehldau zwanzig Alben in diesem Format auf. Auf dem ersten dieser Alben, "Closeness” aus dem Jahr 1976, war er in einem Stück im Duo mit Keith Jarrett zu hören. Schon damals sangen sie mehr auf ihren Instrumenten, als dass sie “nur” spielten, und bewiesen ihren Sinn für Poesie und Räumlichkeit. Und obwohl beide noch ziemlich am Anfang ihrer Solokarriere standen, lag der Fokus ganz auf der Musik und nicht auf ihrem Ego.
Die hohe Kunst des Duos wird auf einen neuen Gipfel getrieben
All diese Qualitäten zeigte das Duo auch bei den Aufnahmen für “Jasmine”, wobei die beiden Künstler inzwischen 30 Jahre gereifter waren und über einen weitaus größeren Erfahrungsschatz und ein umfangreicheres musikalisches Vokabular verfügten. So gelang es ihnen, die hohe Kunst des Duos auf ein vollkommen neues Level zu heben. “Jasmine‘ ist tatsächlich eine verträumte Nachtmusik”, schrieb Uli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung, als das Album im Jahr 2010 erschien. “Das Interplay wirkt ruhig, gelassen und schlafwandlerisch sicher. Dabei hatten die beiden jahrzehntelang nicht zusammen musiziert. […] Die Partner mochten die Kompositionen – alte, eher selten gespielte Standards – nicht groß variieren oder dekonstruieren. Sie ließen sich auf die musikalische Vorgabe quasi wie auf ein momentanes Schicksal ein. Statt die Stücke zu verfremden, verklären sie diese.”
Am 20. November erscheint “Jasmine” in der “Luminessence”-Reihe von ECM Records erstmals als Doppelalbum auf Vinyl und ist ab sofort exklusiv im JazzEcho-Store vorbestellbar. Das Album ist dort zudem als Download im Hi-Res-Audio-Format erhältlich.