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Freigeister im Einklang – Julian-Lage-Album erschienen

Julian Lage hat sein neues Album mit einem neuen Quartett eingespielt. Es ist abwechslungsreich, spannend und gewitzt. Und von Anfang bis Ende verdammt unterhaltsam.
Julian Lage / Kenny Wollesen / John Medeski / Jorge Roeder
Julian Lage / Kenny Wollesen / John Medeski / Jorge Roeder(c) Blue Note Records / Hannah Gray Hall
21.01.2026
In den letzten Tagen des Jahres 2024 begann Julian Lage mit dem, was er einen “Schreibsprint” nennt. Der Gitarrist steckte mitten in den Vorbereitungen für eine Residency im SFJAZZ Center. Im Februar 2025 wollte er sich dort an vier aufeinanderfolgenden Abenden in unterschiedlichen Konstellationen präsentieren: mit einem Solo-Recital, im Duo mit seinem langjährigen Bassisten Jorge Roeder, in einem anderen Duo mit dem Gitarristen Marc Ribot und schließlich mit einem brandneuen Quartett. Dieses Quartett bildete er aus alten Weggefährten und Freunden: dem vielgelobten Keyboarder John Medeski, dem dynamischen Schlagzeuger Kenny Wollesen und dem stets verlässlichen Jorge Roeder am Bass. Mit allen hatte er zwar zuvor schon gearbeitet, aber seltsamerweise nie in dieser Zusammensetzung. Während er über die besonderen Qualitäten dieser Musiker nachdachte und überlegte, wie sie zusammen spielen könnten, stellte er einen Timer auf 20 Minuten, schrieb eine Melodie, nahm sie einmal auf und machte sich dann nach derselben Methode an die nächste Komposition. Das wiederholte er in den folgenden Tagen und Wochen so oft, bis er schließlich rund 100 neue Stücke für das Quartett hatte. Neun davon wählte er gemeinsam mit dem Produzenten Joe Henry für sein neues Album “Scenes from Above” aus.
“Mein Traum ist immer, etwas zu komponieren, über das ich mich mit den anderen Musikern austauschen kann, wenn wir uns schließlich treffen“, sagt Julian Lage. “Es geht mir nicht darum, ihnen ein von A bis Z fertiges Stück vorzulegen, an dem nicht mehr gerüttelt werden darf.” Dieser “offene Geist” hat die Musik von “Scenes from Above” stark geprägt. Es ist Lages zweites Album mit dem Produzenten Joe Henry und sein erstes mit diesem herausragenden Quartett. Das ebenfalls von Henry produzierte Vorgängeralbum “Speak to Me” war im vergangenen Jahr in der Kategorie “Best Contemporary Instrumental Album” für den Grammy nominiert. Auf ihm lieferte Julian Lage ein beeindruckendes Statement als improvisierender Bandleader eines etwas größeren Ensembles ab. Diesmal wollte er jedoch einfach nur Mitglied eines Quartetts gleichberechtigter Musiker sein. Obwohl sämtliche Kompositionen von ihm stammen, wurden sie erst im Zusammenspiel mit seinen drei musikalischen Partnern ausgeformt und mit Leben gefüllt. Die neun Stücke bilden den Rahmen für ein brillantes, offenes Erlebnis, bei dem sich vier erstaunliche Musiker gleichermaßen Raum geben und nehmen, während sie diese Songs zusammen in Echtzeit erkunden.
Während er die Stücke schrieb, beschäftigte sich Julian Lage intensiv mit verschiedenen Arten folkloristischer Musik: von den Liedern Susana Bacas und frühen Calypso-Nummern über amerikanischen Blues bis hin zu Béla Bartóks Integration rumänischer und ungarischer Melodien in sein eigenes Werk. Dies spiegelt sich auch in den sehr farbigen Stücken des vielseitigen Albums wider. Im besonders groovigen “Talking Drum” erinnert das Quartett ein wenig an die Zusammenarbeit von John Scofield mit Medeski, Martin & Wood, wobei Lage natürlich einen unverkennbar eigenen Gitarrensound hat. Trotz des Kalibers dieser improvisationserfahrenen Musiker bewegen sich die Stücke fast durchweg um die Vier-Minuten-Marke. Eine Ausnahme ist “Night Shade”, das exquisite, siebenminütige Herzstück des Albums. Während Medeski seiner Orgel in diesem Stück herrlich gospelige Töne entlockt, glänzt Lage hier mit einer Reihe brillanter, bluesiger Soli.
Man kann der Musik von “Scenes from Above” viele Attribute verleihen: Sie ist abwechslungsreich, faszinierend, spannend und gewitzt. Aber vor allem ist sie von Anfang bis Ende unterhaltsam.
Das Album erscheint am 23.01. zunächst als CD, digital und als farbige LP, die exklusiv im JazzEcho-Store erhältlich ist. Die schwarze Standard-LP des Albums erscheint am 20. Februar 2026.
Konzerte in Deutschland:
07.05.2026         Berlin    Huxley’s Neue Welt
11.05.2026         Köln       Kantine
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