Fünf weitere Klassiker für die Plattensammlung: Die Blue Note Essentials gehen in die zweite Runde

Kaum ein Plattenlabel verfügt über einen derart reichen Katalog an Jazz-Meisterwerken wie Blue Note Records. Genau daraus schöpft die neue Reihe Blue Note Essentials: Legendäre Alben des Labels erscheinen hier in hochwertigen, zugleich preiswerten Vinyl-Ausgaben und bieten damit einen idealen Einstieg für alle, die ihre Jazz-Sammlung aufbauen oder um unverzichtbare Klassiker erweitern möchten.
Nach dem Auftakt mit Art Blakey & The Jazz Messengers, Chet Baker, Herbie Hancock, Horace Silver und Lee Morgan folgt nun die zweite Staffel. Die LPs werden von Hi-Res-Files gemastert, bei Optimal auf 140-Gramm-Vinyl gepresst und in originalgetreu gestalteten Sleeves ausgeliefert. Und musikalisch geht es genauso hochkarätig weiter.
Cannonball Adderley – Somethin' Else
„Ist es das, was du wolltest, Alfred?“ Mit Miles Davis' unverwechselbarer Stimme endet „One for Daddy-O“ – und der kleine Moment sagt einiges über eine außergewöhnliche Aufnahmesession aus. Denn obwohl „Somethin' Else“ unter Cannonball Adderleys Namen erschien und dessen einziges Album für Blue Note blieb, nimmt Davis darauf eine ungewöhnlich prominente Rolle ein.
Die enge musikalische Verbindung zwischen den beiden prägt die gesamte Session. Besonders eindrucksvoll ist ihre Interpretation von „Autumn Leaves“, die zu den berühmtesten Aufnahmen des Standards zählt. Das Titelstück wiederum zeigt die Band von ihrer zupackenderen Seite. Mit Hank Jones am Piano, Sam Jones am Bass und Art Blakey am Schlagzeug trafen hier fünf Musiker aufeinander, deren Zusammenspiel „Somethin' Else“ zu einem der großen Blue-Note-Klassiker machte.
Wayne Shorter – Speak No Evil
1964 war für Wayne Shorter ein Jahr des Umbruchs – und eines seiner kreativsten überhaupt. Nach seinen Jahren mit Art Blakey & The Jazz Messengers etablierte sich der Saxofonist mit „Night Dreamer“ und „JuJu“ als Bandleader bei Blue Note. Im Sommer desselben Jahres wurde er Mitglied des Miles Davis Quintet.
An Heiligabend 1964 ging Shorter dann mit Freddie Hubbard, Herbie Hancock, Ron Carter und Elvin Jones ins Studio. Das Ergebnis: „Speak No Evil“. Sämtliche sechs Stücke stammen aus Shorters Feder und zeigen bereits jene unverwechselbare Welt zwischen geheimnisvollen Melodien, komplexen Harmonien und offenem Zusammenspiel, die seine Musik prägen sollte. Ein Album, das gleichzeitig unmittelbar und rätselhaft klingt – und zu den zentralen Werken in Shorters Diskografie gehört.
Eric Dolphy – Out To Lunch!
Kaum ein Album im Blue-Note-Katalog klingt auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch so eigenwillig wie „Out To Lunch!“. Im Februar 1964 versammelte Multiinstrumentalist Eric Dolphy dafür ein außergewöhnliches Quintett im Studio von Rudy Van Gelder: Freddie Hubbard an der Trompete, Bobby Hutcherson am Vibrafon, Richard Davis am Bass und der damals gerade einmal 18-jährige Tony Williams am Schlagzeug.
Dolphy brachte auf dem Album zwei vermeintliche Gegensätze zusammen: den revolutionären Geist der Jazz-Avantgarde und ein tiefes Gespür für Swing. Die Musik kann kantig und unberechenbar sein, besitzt dabei aber stets einen starken rhythmischen Sog. „Out To Lunch!“ wurde zu Dolphys wohl berühmtestem Werk – und zu einem jener Blue-Note-Alben, die zeigen, wie weit sich die Grenzen des Jazz schon Mitte der 1960er-Jahre verschieben ließen.
Kenny Burrell – Midnight Blue
Blues, Groove und eine Atmosphäre wie geschaffen für die späten Stunden: Mit „Midnight Blue“ schuf Kenny Burrell 1963 einen der großen Gitarrenklassiker des Blue-Note-Katalogs. Burrell verzichtet hier bewusst auf ein Piano und lässt seiner warmen, eleganten Gitarre umso mehr Raum. Mit Tenorsaxofonist Stanley Turrentine findet er einen kongenialen Partner. Major Holley Jr. am Bass, Bill English am Schlagzeug und Ray Barretto an den Congas komplettieren die Besetzung.
Das Ergebnis ist ebenso entspannt wie konzentriert: tief im Blues verwurzelt, voller Groove und mit jener nächtlichen Stimmung, die der Albumtitel verspricht. Zusammen mit dem ikonischen Cover von Reid Miles wurde „Midnight Blue“ zu einem zeitlosen Blue-Note-Klassiker.
Grant Green – Idle Moments
Schon der Beginn von „Idle Moments“ macht deutlich, dass dieses Album sich Zeit nimmt. Rund 15 Minuten dauert das Titelstück, in denen Grant Green und seine Mitmusiker eine wunderbar schwebende Atmosphäre entstehen lassen. Neben Greens unverwechselbar klarem Gitarrenton prägen Duke Pearson am Piano, Bobby Hutcherson am Vibrafon und Joe Henderson am Tenorsaxofon den besonderen Klang der Aufnahme. Bob Cranshaw am Bass und Al Harewood am Schlagzeug halten das Ensemble zusammen.
Gerade die ungewöhnliche Instrumentierung sorgt für faszinierende Klangfarben: Gitarre und Vibrafon schweben über der Rhythmusgruppe, während Henderson immer wieder markante Akzente setzt. „Idle Moments“ gehört damit zu jenen Platten, die nicht durch große Gesten beeindrucken müssen – ihre Wirkung entfaltet sich mit jedem Hören ein wenig mehr.
Blue Note für den Plattenschrank
Mit der zweiten Staffel unterstreichen die Blue Note Essentials, worum es bei der Reihe geht: einige der wichtigsten Aufnahmen aus der Geschichte des Labels auf Vinyl zugänglich zu machen, ohne daraus ein Luxusprodukt zu machen.
Von der lyrischen Eleganz von „Somethin' Else“ über Wayne Shorters geheimnisvolle Kompositionen und Eric Dolphys Abenteuerlust bis zum nächtlichen Blues von Kenny Burrell und den schwebenden Klanglandschaften Grant Greens decken die fünf Neuerscheinungen dabei erstaunlich viel von dem ab, was Blue Note so besonders macht. Fünf Alben – und fünf ziemlich überzeugende Gründe, im Plattenregal noch etwas Platz zu schaffen.


