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Afro-Latin-Suiten: Meditationen über Abschiede und einen Roman von Ernest Hemingway

Mit seinem Afro Latin Jazz Ensemble brennt Arturo O’Farrill auf “…dreaming in lions…” ein wahres Feuerwerk aus polyphonen Passagen, flott wechselnden Klangfarben, und Harmonien sowie lateinamerikanischen Rhythmen ab.
Arturo O'Farrill "...dreaming in lions..."
Arturo O'Farrill "...dreaming in lions..."
23.09.2021
Arturo O’Farrill mag zwar das neueste Zugpferd im Blue-Note-Stall sein, ein Novize aber ist der Komponist, Arrangeur, Bandleader und Pianist ganz und gar nicht. Daran lässt sein großartiges Labeldebüt mit dem etwas rätselhaften Titel “…dreaming in lions…” keinerlei Zweifel.
Mit seinem zehnköpfigen Afro Latin Jazz Ensemble, einer verschlankten Version seines Afro Latin Jazz Orchestra, präsentiert der mehrfache Grammy-Gewinner hier zwei ambitionierte Suiten: zum einen “Despedida”, eine fünfteilige Meditation über Abschiede, zum anderen die aus neun Sätzen bestehende Titelsuite, zu der er durch Ernest Hemingways berühmten Kurzroman “Der alte Mann und das Meer” inspiriert wurde.
Beide Suiten hat O’Farrill in Zusammenarbeit mit dem Choreographen Osnel Delgado und der kubanischen Malpaso Dance Company konzipiert. “Wenn es möglich war, spielten wir auf der Bühne mit den Tänzern oder Seite an Seite mit ihnen, aber immer in Echtzeit”, sagt O’Farrill. Solche Suiten ermöglichen ihm als Komponisten, größere Erzählungen und filmische Ideen zu vermitteln. Dabei wandelt er in den Spuren seines vor zwanzig Jahren verstorbenen Vaters Chico O’Farrill, der in den 1940ern gemeinsam mit Machito, Mario Bauzá Chano Pozo, Charlie Parker und Dizzy Gillespie den sogenannten “Cubop” kreierte. Wie seinerzeit Chico möchte auch Arturo musikalische Grenzen überschreiten. Bevor er  Anfang der 80er in der Band von Carla Bley die höheren Jazzweihen erhielt, trat er in New York sogar mit der Proto-Hip-Hop-Band J. Walter Negro and the Loose Jointz auf. Auf früheren Alben arbeitete er auch schon mit so unterschiedlichen Gästen wie Vijay Iyer, Edmar Castañeda, Rudresh Mahanthappa, DJ Logic, Chucho Valdés, Anoushka Shankar und Cornel West zusammen.
“Ich bin meinem Vater und all meinen anderen Mentoren so dankbar, dass sie mich dazu ermuntert haben, anderen Einflüssen gegenüber offener zu sein”, sagt O’Farrill. Diese Werte hat er wiederum an seine eigenen Söhne, Trompeter Adam und Schlagzeuger Zack O’Farrill, weitergegeben. Beide sind auch intergraler Bestandteil des Afro Latin Jazz Ensemble, dem außerdem die Perkussionisten Vince Cherico, Carlos “Carly” Maldonado und Victor Pablo Garcia Gaetan, Bassist José “Bam Bam” Rodriguez, Posaunist Rafi Malkiel, Saxofonist Alejandro Aviles und Gitarrist Travis Reuter angehören. Arturo O’Farrill selbst fungiert hier nicht nur als meisterhafter Komponist, Arrangeur und Bandleader, sondern erweist sich zudem als virtuoser Pianist.
Obwohl die elektro-akustische Instrumentierung des Ensembles kompakter ist als die des Orchesters, gelingt es O’Farrill eine noch größere Palette an Klangfarben auszureizen. “Ich kann Texturen verwenden, die dem Ohr  leichter zugänglich sind. Große Ensembles bewegen sich in größeren Blöcken, und man kann Dinge stimmübergreifend einsetzen. Aber mit einer Gruppe wie dieser kann ich den Klang des Basses, der sich zum Beispiel mit der Flöte bei einer Melodie paart, ganz nah heranholen.” Innerhalb des rhythmischen Sturms, der von Schlagzeuger Zack O’Farrill und den drei Perkussionisten entfacht wird, gibt es aber auch immer wieder sehr zarte und intime Momente.
Mit einem solchen lässt Arturo O’Farrill “…dreaming in lions…” auch ausklingen. “Dreams So Gold” ist ein Solo-Klaviersatz, der von O’Farrills Frau gespielt wird, der außergewöhnlichen Alison Deane: “Ich habe meine beiden Abschlüsse zwar in klassischer Performance gemacht”, sagt Arturo, “aber ich wollte eine echte klassische Pianistin dabei haben. Es ist die Schlussszene des Balletts. Nach all dem, was passiert ist, ist Osnel allein, das Ensemble schaut ihn an, und er tanzt diese wunderschönen Bewegungen, die zeigen, dass er im Frieden mit sich selbst ist, dass die Figur ihren inneren Frieden gefunden hat, dass alles gut ist.”