Stephan Micus | News | Zum 70. Geburtstag von Stephan Micus: Ein Jubiläumsalbum mit einem musikalischen Donnerwetter

Zum 70. Geburtstag von Stephan Micus: Ein Jubiläumsalbum mit einem musikalischen Donnerwetter

Auf seinem neuen Album “Thunder” zollt der musikalische Globetrotter und Multiinstrumentalist Stephan Micus Donnergöttern der verschiedensten Kulturen und Weltregionen Tribut.
Stephan Micus
Stephan Micus
19.01.2023
Da heftige Gewitter ein so dramatisches und beängstigendes Naturphänomen sind, ist es nicht verwunderlich, dass Kulturen rund um den Globus Götter erschaffen haben, um Blitze und Donner zu besänftigen. Doch die ursprüngliche Inspiration für das neue Album von Stephan Micus waren nicht die Donnergötter, sondern ein Instrument. Seit 1973 hat der gebürtige Stuttgarter, der am 19. Januar 2023 seinen 70. Geburtstag feierte, immer wieder den Himalaya bereist, vom Hindukusch, Ladakh und Zanskar im Westen bis nach Nepal und Sikkim im Osten. “Die große Anziehungskraft übten auf mich in erster Linie die Berge und die dramatischen Landschaften aus. Aber ein Höhepunkt waren auch immer meine Aufenthalte in tibetischen Klöstern. Wann immer ich konnte, lauschte ich dort der rituellen und zeremoniellen Musik. Es ist eine Musik, die zeitlos zu sein scheint – uralt und modern zugleich.”
Die auffälligsten Instrumente in diesen tibetischen Klosterzeremonien sind die langen Dungchen-Trompeten, die die bedeutendsten Zeremonien mit einem tiefen, gutturalen Grundton unterlegen. Diese rituelle Trompete war es auch, die Micus zu seinem 25. Soloalbum für ECM inspiriert hat. “Thunder” ist ein eindrucksvolles musikalisches Statement zu unserer Reaktion auf die Naturgewalten, unsere Unfähigkeit, sie zu kontrollieren, und unseren Wunsch, sie zu besänftigen.
Im Laufe von Jahrzehnten hat Stephan Micus buchstäblich die ganze Welt bereist, um exotische Instrumente zu erlernen, zu sammeln und auf ihnen seine eigenen Kompositionen zu spielen. Das Erlernen der tibetanischen Dungchen-Trompete erwies sich als überraschend schwierig, da er lange Zeit keinen Lehrer finden konnte. Doch schließlich traf er in einem Kloster in Bodnath, einem buddhistischen Zentrum in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, auf einige Mönche, die sich bereit erklärten, ihn zu unterrichten. “Sie sagten, dass das Spielen auf der Dungchen normalerweise Mönchen vorbehalten ist und dass ich möglicherweise der erste Nicht-Tibeter sei, der sie erlernt und spielt.”
Die Stücke, in denen die Dungchen zu hören ist, sind die dramatischsten des ganzen Albums und bilden den Anfang, die Mitte und den Schluss, so wie ein sich wiederholendes Muster in einem Mandala. Das zentrale Stück ist dem tibetisch-buddhistischen Donnergott Vajrapani gewidmet, der auf Bildern oder Statuen üblicherweise mit dem “Vajra” (Blitz) in der rechten Hand dargestellt wird. “Ich wollte die Dungchen mit der Nōkan kombinieren – beides sind Instrumente, die in Orchestern fernab des westlichen Musikverständnisses gespielt werden und vom Buddhismus beeinflusst sind.” Die Nōkan-Flöte gehört zu den Instrumenten, die bei japanischen Nō-Theateraufführungen zum Einsatz kommen. Obwohl Gyaling-Schalmeien Bestandteil der Ensembles tibetisch-buddhistischer Rituale sind, überrascht es, dass dort keine Flöten verwendet werden.
In der tibetischen Musik werden auf der Dungchen nur ein paar tiefe Borduntöne gespielt, aber auf diesem Album entlockt ihm Micus agile Horntöne. Und er kombiniert sie mit einem sibirischen Instrument, dem Ki-Un-Ki, einem zwei Meter langen Halm, bei dem der Spieler die Töne nicht durch hineinblasen erzeugt, sondern indem er durch das Instrument einatmet. Wenn ein Mikrofon nah genug platziert wird, klingt das Ki-Un-Ki bemerkenswert trompetenähnlich. Es ist erstaunlich, wie gut diese beiden gegensätzlichen Instrumente klanglich zusammenpassen.
Micus entdeckte das Ki-Un-Ki in den 1980er Jahren bei einem Auftritt sibirischer Ensembles in München. Er wollte das Instrument sofort kaufen. Aber da die Europa-Tournee, auf der sich die Musiker befanden, noch nicht zu Ende war, konnte sie sich nicht von diesem kuriosen Instrument trennen. Erst als die Tournee beendet war, überließen die udehischen Musiker (die Udehe sind eines der vielen indigenen Völker Sibiriens) Stephan Micus in Berlin zwei Ki-Un-Kis als Geschenk. “Das Ki-Un-Ki besteht nur aus einem Halm, der im Taiga-Wald wächst. Wenn man ihn unten abschneidet, ist das Instrument spielbereit. Als ich meine erste Komposition für das Ki-Un-Ki fertig hatte, wollte ich die Udehe unbedingt besuchen, um zu sehen, wie sie lebten und vor allem, um die Pflanze im sibirischen Wald wachsen zu sehen. Aber das war noch zur Zeit des Kommunismus und ich erhielt keine Einreisegenehmigung. Erst 2014 konnte ich die Udehe, die etwa 200 km östlich von Chabarowsk, fast in der Nähe des Pazifiks, leben, besuchen und ihnen für ihr Geschenk danken.” Das einzige andere Mal, dass Micus das Ki-Un-Ki verwendet hat, war auf seinem Album “Darkness And Light” von 1990. Damals schrieb ein Kritiker: “Es klingt, als ob Miles Davis endlich richtig verrückt geworden ist.”
“All diese Instrumente haben ihre eigenen Geschichten – wie ich es geschafft habe, sie zu finden oder von ihnen gefunden zu werden”, sagt Micus. “Es sind die persönlichen Geschichten der Instrumente, die mir die Energie geben, mit ihnen Musik zu kreieren. Wenn ich diese Instrumente einfach online bei Amazon kaufen könnte, wäre es nicht dasselbe.” Die Pferdeglocken, die er verwendet, brachte er von einer abenteuerlichen Trekking-Tour in Zanskar mit.
Ein weiteres Instrument, das Micus zum ersten Mal verwendet, ist die Kaukas – eine fünfsaitige Harfe oder Leier des San-Volkes, das im südlichen Afrika lebt: “Sie ist sehr schön und sieht wie ein Segelboot aus. Es ist eines der archaischsten Instrumente auf unserem Planeten. Ich habe lange gebraucht, um ein Exemplar zu finden, da die Kaukas, wie so viele andere Instrumente, im Verschwinden begriffen ist und kaum noch gespielt wird. Schließlich fand ich eine in einer San-Ansiedlung in Nambia.” Ihr weicher, metallischer Zupfklang gesellt sich zu den Tönen der aus Borneo stammenden bundlosen Sape-Laute und begleitet Stephans Stimme in “A Song For Armazi” und “A Song For Ishkur”(Liedern für die Donnergötter Georgiens und des alten Mesopotamiens).
Insgesamt werden auf dem Album neun Donnergöttern mit Instrumenten aus Tibet, Indien, Burma, Borneo, Sibirien, Japan, Südamerika, Gambia, Namibia, Schweden und Bayern Tribut gezollt.
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