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Samara Joy: Musikerin ohne Netz und doppelten Boden

Nach gefeierten Studioalben und sechs Grammy-Gewinnen präsentiert Samara Joy eine Live-Aufnahme die dokumentiert, wo sich ihre künstlerische Entwicklung am stärksten vollzogen hat: auf der Bühne.
Samara Joy - Live At The Blue Note L.A.
Samara Joy - Live At The Blue Note L.A.
(c) Verve Records / Ricky Horne Jr.
22.10.2026

Der legendäre Trompeter Clark Terry (1920–2015) lehrte junge Nachwuchstalente einst, dass sich die Kunst des Improvisierens in drei „simplen“ Schritten erlernen lasse: Nachahmen, Verinnerlichen und Neugestalten. An diese Formel erinnerte sich Samara Joy vor drei Jahren, als sie am Tag nach ihrem ersten Grammy-Gewinn vom Branchenmagazin Billboard interviewt wurde. „Ich lerne die Melodie eines Songs erst einmal so, wie sie geschrieben wurde, allein schon um die Integrität des Komponisten zu wahren“, erzählte die damals 23-Jährige. „Ich möchte den Song nicht aufgrund meiner eigenen Neigungen zu etwas machen, was er nicht ist. Aber dann höre ich mir andere Versionen des Liedes an. Andere Sänger und Instrumentalist phrasieren Dinge auf unterschiedliche Art und Weise. Davon lasse ich mich inspirieren und überlege, welche Wörter ich betonen und welche harmonischen Ideen ich einbringen könnte, um vielleicht etwas von der Melodie abzuweichen. Wenn ich den Song, den Text und den Melodiebogen erst einmal verstanden habe, kommt es nur noch darauf an, was ich beim Singen immer wieder neu damit anstelle.“

Was damals wie eine präzise Beschreibung ihrer Arbeitsweise klang, liest sich heute beinahe wie die Kurzfassung ihrer bisherigen Karriere. Denn bei kaum einer anderen Jazzsängerin ihrer Generation lässt sich so anschaulich verfolgen, wie aus dem Studium der Tradition Schritt für Schritt eine eigene musikalische Sprache entsteht. Und kaum irgendwo lässt sich diese Entwicklung besser beobachten als bei ihren Live-Konzerten.

Von der Interpretin zur Innovatorin

Eine reine Nachahmerin ist Samara Joy nie gewesen, dafür besitzt sie schlichtweg zu viel natürliches Talent. Zudem kam ihr zugute, dass sie in einer wahren Künstlerfamilie aufwuchs. Gospelmusik gehörte zum Alltag der Familie McLendon im New Yorker Stadtteil Bronx; ihr Vater spielte Bass und war selbst als Musiker unterwegs. Samara begann in der Kirche mit Gospelmusik und Spirituals, während sie zu Hause durch die Plattensammlung ihrer Eltern auch mit Soul, Rhythm ’n’ Blues und dem Motown-Sound in Berührung kam. Diese Herkunft ist bis heute hörbar: weniger als stilistisches Zitat denn als tief verwurzeltes Verständnis dafür, dass Virtuosität und emotionale Kommunikation keine Gegensätze sein müssen.

Mit 18 Jahren schrieb sie sich am Purchase College der State University of New York für ein Jazzstudium ein. Dort begann sie, sich intensiv mit Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und anderen großen Stimmen der Jazzgeschichte auseinanderzusetzen. Welch eine rasante Entwicklung sie dabei durchlief, zeigte sich bereits 2019, als sie die Sarah Vaughan International Jazz Vocal Competition gewann. Der in der Jury sitzende Bassist Christian McBride erkannte schon damals ein „Talent, wie es nur einmal in einer Generation vorkommt“. Rückblickend erklärte Joy gegenüber CBS, dass ihr das Studium der großen Sängerinnen vor allem geholfen habe, ihre eigene Rolle neu zu begreifen: Eine Jazzsängerin müsse nicht lediglich eine Melodie wiedergeben, sondern wie eine Instrumentalistin denken, zuhören, reagieren und mit dem Ensemble interagieren.

Dass das Vokabular des Jazz zu ihrer zweiten Natur geworden war, bewies sie mit ihren beiden ersten Alben „Samara Joy“ (2021) und „Linger Awhile“ (2022). Letzteres wurde im Februar 2023 mit dem Grammy in der Kategorie „Best Jazz Vocal Album“ ausgezeichnet und brachte Samara zudem den besonders begehrten Grammy als „Best New Artist“ ein. Weitere Auszeichnungen folgten in erstaunlicher Geschwindigkeit: Inzwischen stehen sechs Grammy-Siege zu Buche, darunter 2026 ein weiterer Preis für das „Best Jazz Vocal Album“ für „Portrait“.

Auf diesem 2024 erschienenen dritten regulären Studioalbum zeichnete sich die Transformation zur eigenständigen Innovatorin besonders deutlich ab. Joy interpretierte Kompositionen von Charles Mingus, Sun Ra, Barry Harris und anderen nicht einfach neu, sondern verband sie selbstbewusst mit eigenen Texten, Arrangements und musikalischen Ideen. Zugleich veränderte sich ihr Selbstverständnis innerhalb ihrer Band. Sie wollte nicht mehr die Sängerin sein, die vor einer Gruppe von Begleitmusikern steht. Für „Portrait“ beschrieb sie sich vielmehr als eine weitere instrumentale Stimme im Ensemble, bisweilen geradezu als „fünftes Horn“.

Die Bühne als Labor

Hier liegt ein Schlüssel zum Verständnis von Samara Joys ungewöhnlicher Karriere. Ihre Entwicklung lässt sich zwar anhand von Platten und Grammys erzählen, vollzogen hat sie sich jedoch zu einem erheblichen Teil zwischen diesen Fixpunkten, Abend für Abend auf der Bühne. Seit 2021 ist Joy intensiv auf Tour. Sie selbst hat diese Jahre als eine Phase beschrieben, in der sie durch verschiedene Bandkonstellationen ausprobieren konnte, wie ihr eigener Sound überhaupt klingen soll. 

Schon 2023 erklärte sie, dass sich Arrangements auf Tour mit der Zeit verändern und sie bewusst zusätzliche Passagen einbaue, in denen alle Beteiligten experimentieren könnten. Obwohl Joy nominell die Leadstimme ist, versteht sie sich dabei nicht permanent als Mittelpunkt. Mal führt sie, mal reagiert sie, mal unterstützt sie die anderen Stimmen. Entscheidend ist das gegenseitige Zuhören. Und erst das Vertrauen in eine über viele Konzerte zusammengewachsene Band erlaubt es ihr, Risiken einzugehen, ohne dass das musikalische Gefüge auseinanderfällt. „Ohne Netz und doppelten Boden“ bedeutet bei ihr deshalb nicht unvorbereitet. Im Gegenteil: Das Netz wurde so lange gemeinsam gewebt, dass man es irgendwann nicht mehr hört.

Die erste Live-Aufnahme

Losgelöster als bei jeder Studioaufnahme präsentierte sich Samara Joy im April 2026 während ihrer ausverkauften Konzertreihe im Blue Note Club am Sunset Boulevard von L.A. Anders als in großen Konzertsälen, in denen sie international auch immer wieder auftritt, verschwimmen in solch einem kleineren Raum die Grenzen zwischen Bühne und Publikum. 

Während der ausverkauften Blue-Note-Konzerte wurde das Material für die jetzt erschienene EP „Live at the Blue Note L.A.“ aufgezeichnet, Samaras erste offizielle Live-Veröffentlichung. Das konzentrierte, gut halbstündige Programm besteht aus vier langen Titeln und einer kurzen Reprise. Es stehen ausgerechnet Stücke auf dem Programm, die mit einer gewaltigen Interpretationsgeschichte beladen sind. Thelonious Monks „’Round Midnight“, Jerome Kerns „Yesterdays“, Billy Strayhorns „Lush Life“ und Antônio Carlos Jobims Bossa-Nova-Klassiker „Chega de saudade“, im Englischen als „No More Blues“ bekannt, gehören zu jenem Repertoire, an dem sich Generationen von Jazzmusiker abgearbeitet haben. Diesen Liedern eine eigene Note zu verleihen, ist deshalb eine umso größere Kunst.

„Live at the Blue Note L.A.“ dokumentiert mehr als die Highlights eines gelungenen Konzertabends. Die EP hält einen entscheidenden Punkt in Samara Joys Entwicklung fest: den Moment, in dem aus einer außergewöhnlich begabten Interpretin endgültig eine Bandleaderin geworden ist.

Samara Joy - Live At The Blue Note L.A. (LP)
Live At The Blue Note L.A. (LP)
23. Okt. 2026

Musik von Samara Joy

Samara Joy - Live At The Blue Note L.A.
Live At The Blue Note L.A.
23. Okt. 2026

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