Ein Wechselspiel aus spannenden Dialogen und kammermusikalischen Suiten

Das Album auf LP und mehr von ECM Records finden Sie in unserem JazzEcho-Store.
“Mountain Call”, das erste ECM-Album von Miroslav Vitouš als Bandleader seit zehn Jahren, stellt einen musikalischen Höhepunkt im Schaffen des Bassisten dar. Es wurde über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg bei mehreren Aufnahmesessions in Vitouš’ Universal Syncopations Studio in Prag eingespielt und präsentiert Vitouš in unterschiedlichen instrumentalen Konstellationen. Im Mittelpunkt stehen dabei die spannenden musikalischen Dialoge des Tschechen mit dem Franzosen Michel Portal (Klarinette) und dem US-Amerikaner Jack DeJohnette (Schlagzeug), die beide kürzlich verstarben. Das Album ist praktisch ein künstlerisches Selbstporträt von Vitouš und führt überzeugend verschiedene Tendenzen und Strömungen im Werk des Bassisten zusammen. Es legt außerdem Zeugnis ab von seinen vielfältigen Fähigkeiten als dynamischer Improvisator, Jazzkomponist, Arrangeur und kreativer Pionier des Samplings. Der Fluss des Albums schafft ein Gleichgewicht zwischen spontaner Improvisation und Sequenzen, in denen Studiotechnik genutzt wird, um neue Rahmenbedingungen für die Musiker zu schaffen.
Der begnadete Bassist, der zu den Gründungsmitgliedern von Weather Report gehörte, machte seine erste Aufnahme für ECM Ende der 1970er Jahre im Trio mit Terje Rypdal und Jack DeJohnette. Damals bildeten Miroslav und Jack ein explosives, kraftvolles Rhythmusgespann, das im Jahr 2003 für Vitouš’ Album “Universal Syncopations” erfolgreich wiederbelebt wurde. Auch auf “Mountain Call” spielt diese Kombination eine zentrale Rolle. In den Stücken “Tribal Dance” und “Epilog” interagieren die beiden ausgesprochen dynamisch. Ihr Spiel im letzteren Stück wird von dramatischen Orchesterpassagen eingerahmt, die von Mitgliedern des Czech National Symphony Orchestra unter der Leitung von Miroslav eingespielt wurden. In Vitouš’ dreiteiliger Mini-Suite “Evolution” spielt Jack ein Solo mit malerischer Liebe zum Detail. In “Evolution” stößt zudem Bob Mintzer mit seiner Bassklarinette zu Miroslav und Jack. Der umtriebige Saxofonist hatte bereits vor über zwanzig Jahren einen wichtigen Beitrag zu Vitouš’ preisgekrönten Album “Universal Syncopations II” geleistet.
In der fünfteiligen Suite “Rhapsody” gibt Esperanza Spalding ihr ECM-Debüt und tritt dabei gleich in den Vordergrund. Mal singt sie die von Vitouš verfassten Lyrics, dann wieder setzt sie ihre Stimme als klangliches Element ein. Im Teil “Fun and Games” liefern sich Spalding, Vitouš und der Saxofonist Gary Campbell inmitten einer Klanglandschaft, die der Bassist aus orchestralen Samples erschuf, einen lebhaften Call-and-Response-Austausch. Eine bedeutende Rolle innerhalb der Suite spielt auch Gerald Cleaver, der am Schlagzeug für feinfühlige Klangfarben und Nuancen sorgt. Campbell und Cleaver waren Mitglieder der Miroslav Vitouš Group, die für ECM die Alben “Remembering Weather Report/with Michel Portal” (2009) und “Music of Weather Report” (2016) eingespielt hat.
“Mountain Call” beginnt und endet jedoch mit einer Reihe großartiger und verblüffend einfallsreicher Duette mit dem französischen Klarinettisten Michel Portal. Der Bassist hat hier vielleicht seine stärksten improvisierten Momente seit seiner gefeierten Zusammenarbeit mit Jan Garbarek auf “Atmos”. Das abschließende Titelstück mit Miroslavs dramatischem Arco-Spiel und Portals stimmungsvoller Bassklarinette ist ein absolutes Highlight. Portal, der im Februar 2026 im Alter von 90 Jahren verstarb, war eine bedeutende Persönlichkeit der zeitgenössischen Musik. Er verfügte über einen ungemein reichen Schatz an musikalischer Erfahrung, den er in seine Arbeit einfließen ließ. Im Laufe seiner langen Musikkarriere, die er in den 1950er Jahren nach einem klassischen Klarinettenstudium am Pariser Konservatorium begann, überraschte er immer wieder durch seine Vielseitigkeit. So interpretierte er Werke moderner klassischer Komponisten wie Pierre Boulez, Luciano Berio, Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen, begleitete Chanson-Ikonen wie Édith Piaf und Barbara und machte sogar Aufnahmen mit Serge Gainsbourg. Er komponierte ein umfangreiches Œuvre an Musiken für Film und Fernsehen und spielte natürlich mit zahlreichen französischen und internationalen Jazzmusikern zusammen. Als Improvisator war er unter anderem für seine Schlagfertigkeit bekannt. Seine Interaktionen mit Vitous auf “Mountain Call” sind durchweg glänzende Beispiele für die hohe Kunst des Duospiels.




