Zwei Dinge standen seit Langem auf der Wunschliste von Saxofonistin Melissa Aldana: ein Projekt mit Pianist Gonzalo Rubalcaba und ein Balladenalbum. Nun hat sie sich beide Wünsche auf einmal erfüllt.
Melissa Aldana(c) Blue Note Records / Travis Bailey
Die Galerie der Vorbilder, die den Sound von Melissa Aldana geprägt haben, seit sie als Sechsjährige zum ersten Mal ein Saxofon in die Hand nahm, reicht von Sonny Rollins, John Coltrane und Wayne Shorter über Joe Henderson und Lester Young bis hin zu Charlie Parker und Don Byas. Im Laufe der Jahre transkribierte und analysierte die junge Chilenin die Soli dieser Meister und kam dabei zu der Erkenntnis: “Für sie war der Klang selbst ein Werkzeug, um Emotionen auszudrücken. Jede einzelne Note ist eine ganze Welt für sich. Es gibt natürlich die technische Seite des Spielens, aber dann gibt es auch diese schwer zu fassende, mystische Seite des Klangs.” Melissa glaubte, dass die Aufnahme eines reinen Balladenalbums ihr helfen würde, tiefer zur Essenz ihres eigenen Sounds vorzudringen. Doch wie sollte sie das Konzept angehen, damit es ihrer einzigartigen Vision gerecht würde? Die hinlänglich bekannten Jazzstandards des “Great American Songbook” routinemäßig einzuspielen, würde da nicht ausreichen. Deshalb wandte sie sich hilfesuchend an einen ihrer “größten musikalischen Helden”: den Pianisten und Komponisten Gonzalo Rubalcaba, mit dem sie ohnehin schon seit Langem ein ganzes Album aufnehmen wollte. Sein Vorschlag erwies sich als wahre Offenbarung: Aldana solle die Filin-Musik seines Heimatlandes Kuba interpretieren – eine wunderschöne, jedoch immer noch verkannte Tradition reich arrangierter, romantischer Lieder, die ihre Blütezeit zwischen den späten 1940er und frühen 1960er Jahren hatte.
Der Begriff “Filin” leitet sich vom englischen Wort “feelin’” ab. “Filin schuf einen Dialog zwischen der traditionellen kubanischen Trova, dem Bolero und dem Jazz und definierte die kubanische musikalische Identität neu”, erläutert Rubalcaba. “Filin hob die Texte auf eine Ebene größerer poetischer und umgangssprachlicher Intimität und brachte Instrumentalisten und Sänger von großer Virtuosität und kreativer Eleganz hervor.” Rubalcaba, 1963 in Havanna geboren, wuchs inmitten von Berufsmusikern auf und lernte schon als Kind viele Titanen des Filin kennen, darunter den Gitarristen Ñico Rojas, den Pianisten Frank Domínguez sowie die Sängerinnen Omara Portuondo und Elena Burke. Der Filin, so sagt er, habe seine eigene Musik nachhaltig beeinflusst. “Die Lieder erinnerten mich an die Balladen aus dem ‘Great American Songbook’, die ich liebe“, erklärt Melissa Aldana. “Aber weil die Texte auf Spanisch sind, konnte ich mich mit ihnen auf eine Weise identifizieren, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.”
Zunächst erforschte Melissa unter Rubalcabas Anleitung die Geschichte der Filin-Musik. Anschließend filterten sie gemeinsam die Lieder für das Album heraus, die allesamt von dem kubanischen Pianisten einfühlsam arrangiert wurden. Das Repertoire enthält Klassiker legendärer kubanischer Songwriter wie Frank Domínguez, César Portillo de la Luz, Marta Valdés und Salvador Levi, aber auch stimmungsvolle Stücke aus der Feder des Mexikaners Claudio Estrada sowie der beiden Brasilianer Cartola und Hermeto Pascoal. Mit der exzellenten Unterstützung von Rubalcaba sowie dem Bassisten Peter Washington und dem Schlagzeuger Kash Abady gelang es der chilenischen Tenorsaxfonistin, den fast vergessenen Liedern neues Leben einzuhauchen – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. In zwei Stücken ist als Gast außerdem die Sängerin Cécile McLorin Salvant zu hören, mit der Aldana bereits in der gefeierten Band Artemis zusammengearbeitet hat.
Das Ergebnis dieser Aufnahmesession ist schlichtweg atemberaubend. “Filin” unterscheidet sich grundlegend von allen bisherigen Alben in Melissa Aldanas Katalog sowie vom Jazz des 21. Jahrhunderts im Allgemeinen. Das Ensemble besticht über die gesamte Länge durch eine Art emotionalen Minimalismus und strahlt eine ruhige Intensität aus. Im Mittelpunkt steht dabei stets der strahlende Melodievortrag der Saxofonistin. Die Musik bewegt sich manchmal beinah aufreizend langsam und siedet mit großer Bedachtheit und Zurückhaltung vor sich hin. Dies ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, zu welch unbändiger Virtuosität diese Musiker ansonsten fähig sind.