Jazz aus Südafrika: Meditationen über Liebe und göttliche Bestimmung

„Das Jazzpublikum in Südafrika wird jünger“, jubelte kürzlich das südafrikanische Magazin Credible Source. Neue Daten des Streamingdienstes Spotify hatten belegt, dass die Zahl der Jazz-Hörer und Hörerinnen aus dem Land am Kap innerhalb eines Jahres um 20 % zugenommen hatte und nahezu 175 Millionen Streams erreicht wurden. Besonders erfreulich ist der Anteil jener in der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren: Er liegt mittlerweile bei 26 %. Dieser Trend spiegelt sich nicht nur in den Streamingzahlen wider. In Johannesburg ziehen neue Jazzlokale vor allem Studierende und junge Kreative an. Anlässlich der 23. Ausgabe des Cape Town International Jazz Festivals im März stellte Spotify eigens eine Playlist mit 50 Songs der auftretenden südafrikanischen und internationalen Künstler zusammen. „Jazz ist jetzt das neue coole Ding“, zitierte Credible Source die aufstrebende Sängerin Andiswa Makhoba, die an der University of KwaZulu-Natal Jazz studiert. „Nicht nur ein Genre, sondern ein Lebensstil.“
Südafrikas junge Jazzszene zwischen Tradition und Gegenwart
Die Verjüngung des südafrikanischen Jazzpublikums hängt natürlich nicht zuletzt mit den heimischen Künstlern zusammen. Diese betrachten Jazz nicht als streng abgegrenztes Genre, sondern als eine Art Werkzeugkasten, aus dem sie sich frei bedienen. Musiker wie Nduduzo Makhathini, Benjamin Jephta, Muneeb Hermans, Malcolm Jiyane und Kyle Shepherd verweben traditionelle südafrikanische Stile mit der Spiritualität und der Improvisationskunst des Jazz sowie mit Elementen und Grooves der zeitgenössischen Popmusik. Ein weiterer Visionär des zeitgenössischen südafrikanischen Jazz, der derzeit international für Schlagzeilen sorgt, ist der Tenor- und Sopransaxofonist Linda Sikhakhane, ein Protegé von Makhathini.
Linda Sikhakhane und Nduduzo Makhathini: eine lange musikalische Verbindung
Bereits im Alter von 22 Jahren war Sikhakhane 2014 auf Makhathinis Debütalbum „Mother Tongue“ zu hören. Zuletzt spielte er auch eine tragende Rolle auf den hochgelobten ersten beiden Blue-Note-Alben des Pianisten: „Modes of Communication: Letters from the Underworlds“ und „In the Spirit of Ntu“. 2024 debütierte Linda Sikhakhane, der in Südafrika bereits drei Alben veröffentlicht hatte, als zweiter südafrikanischer Künstler mit „iLadi“ selbst bei Blue Note. Sein Blue-Note-Debüt wurde 2025 für einen Edison Award nominiert. In ihrer Begründung schwärmte die Preisjury damals: „Die Musik ist von einer spirituellen Kraft durchdrungen – sie wirkt nicht nur als Jazz, sondern als musikalische Meditation oder Gebet.“
„L I N D A“: Linda Sikhakhane auf der Suche nach dem eigenen Lebenszweck
Jetzt präsentiert der Saxofonist und Komponist bei Blue Note mit „L I N D A“ sein bislang persönlichstes Werk, das – wie schon der Vorgänger „iLadi“ – von Nduduzo Makhathini produziert wurde. Das Album, das digital am 4.9.2026 und als CD am 11.9.2026 erscheint, ist eine Jazzmeditation über Liebe, Zugehörigkeit, gemeinsame Schicksale und göttliche Bestimmung. Schon der Titel führt dabei ins Zentrum des Albums: „Die Wahl des Titels wurde durch eine Frage an mich selbst ausgelöst“, erklärt Sikhakhane. „Was ist meine Bestimmung in diesem Leben?“
Dabei besitzt sein eigener Name für ihn eine besondere Bedeutung. In der afrikanischen Kultur, so Sikhakhane, könnten Namen wie eine Art Kompass wirken. Je intensiver er sich mit den Bedeutungen beschäftige, die mit seinem Namen korrespondieren, desto deutlicher erkenne er das Licht auf seinem eigenen Weg. „L I N D A“ ist deshalb weit mehr als ein selbstbetiteltes Album: Sikhakhane macht die eigene Identität zum Ausgangspunkt einer musikalischen Reise nach innen.
Die Musik ist einerseits tief in der südafrikanischen Kultur verwurzelt und wird andererseits von einem spürbaren Entdeckergeist angetrieben. Sie ist introspektiv, lebt zugleich aber vom intensiven Austausch zwischen Linda Sikhakhane und den Musikern seiner Band: Cameron Campbell (Klavier und Fender Rhodes), Conway Campbell Jr. (Bass) und Kabelo Mokhatla (Schlagzeug). Das Trio fand während seines Studiums an der Manhattan School of Music zusammen; alle drei studierten dort mit Stipendien der Hugh Masekela Foundation.
Von Afro-Jazz bis Neo-Soul: die Gäste auf „LINDA“
Als Gäste gesellen sich in einzelnen Titeln außerdem die Sängerin Omagugu („Days Begin To Sing“), Makhathinis Ehefrau, der Rapper Zuluboy („Ilanga“), der Trompeter Thabo Sikhakhane („Uzalo“), Lindas jüngerer Bruder, sowie zwei der derzeit heißesten jungen Sänger der südafrikanischen Afro-Jazz-/Neo-Soul-Szene zu dem Ensemble: Ovuyonke („Izibusiso“) und Phila Dlozi („Abalimi“).
Ihre Stimmen und musikalischen Sprachen sind dabei keineswegs bloße Farbtupfer. Sikhakhane begreift „L I N D A“ ausdrücklich als Gemeinschaftswerk. Die Gäste reagierten während des kreativen Prozesses auf bereits vorhandene musikalische Skizzen und erweiterten deren Jazzfundament um urbane und zeitgenössische Ausdrucksformen. So öffnet sich Sikhakhanes Musik behutsam auch Einflüssen aus Hip-Hop, Mzansi Neo-Soul und Amapiano, ohne ihre spirituelle Mitte preiszugeben.
Neun Songs als musikalische Reise nach innen
Auch die Abfolge der neun Stücke ist nicht zufällig. Vom eröffnenden „Days Begin To Sing“ über „Ubizo“, „Indlela“, „Ilanga“, „Vumani“, „Izibusiso“, „Uzalo“ und „Abalimi Bayovuna“ bis zum abschließenden „Izwi“ entwirft Sikhakhane einen Weg, auf dem Berufung, Licht, Segen, Herkunft und Stimme miteinander verbunden werden.
Damit knüpft „L I N D A“ zugleich an die großen Themen seiner bisherigen Arbeit an. Schon auf „Two Sides, One Mirror“, „An Open Dialogue (Live In New York)“, „Isambulo“ und „iLadi“ kreiste Sikhakhanes Musik um Herkunft und Vorfahren, Spiritualität, Gemeinschaft und die Suche nach Erkenntnis. Auf „L I N D A“ richtet er den Blick nun noch konsequenter auf sich selbst.
Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieses Albums. Sikhakhane sucht seine Bestimmung nicht in der Abkehr von Vergangenheit und Gemeinschaft, sondern mitten in ihnen. Sein Saxofon wird dabei weniger zur Stimme eines Solisten als zu einer Stimme unter vielen – im Gespräch mit seiner Familie, seinen musikalischen Weggefährten, seinen Vorfahren und der Gegenwart. Am Ende dieser Reise wartet deshalb keine endgültige Antwort. Sondern etwas, das im Jazz womöglich wertvoller ist: eine eigene Stimme.

