Die Magie des Augenblicks

“Roma” ist der fünfte und zugleich letzte Konzertmitschnitt von Keith Jarretts hochgelobter letzter europäischer Solotournee im Jahr 2016. Die Aufnahmen entstanden am 12. Juli 2016 im Auditorium Parco della Musica in Rom und nehmen selbst innerhalb dieser außergewöhnlichen Konzertreihe eine ganz besondere Stellung ein. Wie die italienische Tageszeitung La Repubblica bereits zum Zeitpunkt des Konzerts treffend bemerkte: “Letztendlich zelebriert Jarrett ein zeitloses Ritual – eines, das in gewisser Hinsicht so alt ist wie die Menschheit selbst. Er würdigt den Akt der Schöpfung, die spontane Komposition, und er tut dies vor Publikum, wobei er die Begeisterung für das Entdecken mit den Zuhörer:innen teilt.”
Der musikalische Verlauf dieses Abends folgt einer vertrauten, zugleich aber unverkennbar eigenen Dramaturgie. Wie bei Jarretts Soloauftritten üblich, entsteht die Musik vollständig aus dem Augenblick heraus – ohne vorgefertigte Strukturen, dafür getragen von einer beeindruckenden inneren Geschlossenheit. Im zehnminütigen “Part I” baut der Pianist mit dichten chromatischen Linien und staccato gespielten Tönen zunächst eine spannungsgeladene, zunehmend intensive Atmosphäre auf, bevor sich Themen herauskristallisieren und die Töne ausklingen dürfen. “Part II” knüpft an diese eher düstere Stimmung an, führt sie jedoch in klarere, stärker konturierte musikalische Bahnen.
Im weiteren Verlauf entfaltet sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Jarretts unverkennbarem Anschlag, seinem ausgeprägten Sinn für Lyrik und überraschenden kontrapunktischen Wendungen. Immer wieder durchbrechen rhythmisch eindringliche Passagen den melodischen Fluss und eröffnen neue Perspektiven. Aus scheinbar losen musikalischen Gedanken entsteht so nach und nach ein vielschichtiges Gefüge, dessen einzelne Elemente sich zu einer beeindruckenden architektonischen Gesamtstruktur verbinden. Gerade diese Fähigkeit, aus spontanen Einfällen eine derart überzeugende musikalische Dramaturgie zu entwickeln, gehört zu den besonderen Qualitäten von Jarretts Improvisationskunst.
In “Part V” zaubert Jarrett scheinbar aus dem Nichts einen schwungvollen Gospel hervor, der dem Konzert einen Moment unbeschwerter Lebendigkeit verleiht. “Part IX” hingegen verwandelt er in einen erdigen, rauen Blues, dessen Ausdruckskraft ganz aus dem unmittelbaren Spiel heraus entsteht. Seine besondere Vorliebe für weit gespannte, arpeggierte Harmoniebögen stellt der Pianist in “Part VI” eindrucksvoll unter Beweis. Zugleich offenbart er in den spontan entwickelten Melodien der Teile “VII–VIII” seine tiefe Verbundenheit mit der amerikanischen Songtradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit “Part X” führt Jarrett die zuvor aufgebaute Klanglandschaft schließlich wieder an ihren Ausgangspunkt zurück und verleiht dem improvisatorischen Bogen damit einen beinahe kreisförmigen Abschluss.
Wie bei seinen Solokonzerten üblich, beschließt Jarrett den Abend mit zwei Jazzstandards als Zugabe: “Somewhere Over the Rainbow” und “It’s a Lonesome Old Town”. Obwohl er beide Stücke bereits auf früheren Veröffentlichungen interpretiert hat, gelingt es ihm auch hier, ihnen eine bemerkenswerte Frische und Lebendigkeit zu verleihen. Mit feinem Gespür für melodische Nuancen, subtilen harmonischen Veränderungen und seiner unverwechselbaren Anschlagskultur lässt er die vertrauten Melodien in neuem Licht erscheinen.
So wie bereits die Konzertmitschnitte aus Budapest, Bordeaux, München und Wien jeweils eine ganz eigene musikalische Welt eröffneten, präsentiert auch “Roma” eine unverwechselbare Klanglandschaft von besonderem Charakter. Zugleich bildet dieses Album den eindrucksvollen Schlusspunkt einer außergewöhnlichen Konzertreihe – und damit das letzte dokumentierte Kapitel von Keith Jarretts europäischer Solotournee 2016. Ein Abschied, der noch einmal eindrucksvoll vor Augen führt, welche schöpferische Kraft, Ausdruckstiefe und musikalische Freiheit in seiner Kunst des Augenblicks liegen.
Das Album erscheint als Doppel-LP und auf CD. Jetzt im Jazz-Echo Store entdecken.




