Mit seinem neuen Album “Gospel Music” möchte Joel Ross eine Botschaft von Liebe und Hoffnung vermitteln. Dabei greift er kaum auf traditionelle Gospelmusik zurück, sondern präsentiert eigene, sehr spirituelle und groovige Stücke.
Joel Ross(c) Blue Note Records / Bruce Bennett
29.01.2026
“Für mich ist das alles spirituelle Musik”, sagte Saxofonist Pharoah Sanders einmal, als er sich mit der Komponistin, Songschreiberin und Kulturhistorikerin Bernice Johnson Reagon über schwarze Musiktradition unterhielt. Sanders, der zu den Pionieren des sogenannten Spiritual Jazz zählte, war es weniger wichtig, was Blues, Gospel, Jazz, Rhythm ’n’ Blues, Funk und andere Genres der afroamerikanischen Musik voneinander unterschied, sondern was sie verband. Und das war in seinen Augen eben Spiritualität. Ganz ähnlich sieht es Joel Ross. Obwohl das neue Album des Vibrafonisten den Titel “Gospel Music” trägt, enthält es tatsächlich kaum Gospelmusik im traditionellen Sinne. Wie die großen Interpreten des Blues und des Gospel ist er jedoch daran interessiert, mit seiner Musik Geschichten zu erzählen und das göttliche Versprechen zu offenbaren, dass das Leben nicht für immer so bleiben muss, wie es ist. Seine Botschaft von Liebe und Hoffnung vermittelt er mit seiner Band Good Vibes und einer Reihe von Gästen durch zeitgenössische Jazzkompositionen, die sehr spirituell und groovy sind. Das Album ist zugleich eine Hommage an moderne Gospelgrößen wie Fred Hammond, Yolanda Adams, Kirk Franklin und das Duo Mary Mary, die Joel Ross beeinflusst haben.
“Gospel Music” folgt dem Bogen der großen biblischen Geschichte. Jede Komposition trägt das emotionale Gewicht der Erzählungen von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung in sich und korrespondiert mit den in den Liner Notes aufgeführten biblischen Texten. Musikalisch greift Ross die Komplexität seiner früheren Platten auf und verbindet sie mit der Direktheit und Zugänglichkeit seiner beiden jüngsten Alben “The Parable of the Poet” (2022) und “nublues” (2024). Der Sound ist nach wie vor unverkennbar der von Joel Ross, was auch ein Verdienst der Musiker/innen seiner langjährigen Band Good Vibes ist. Als neues Mitglied gesellt sich der Altsaxofonist Josh Johnson zu der Tenorsaxofonistin Maria Grand, dem Pianisten Jeremy Corren, der Bassistin Kanoa Mendenhall und dem Schlagzeuger Jeremy Dutton. Die Chemie in dieser Band ist so fantastisch, dass Ross die Freiheit hat, neues Terrain zu erkunden, ohne sich darum sorgen zu müssen, ob seine Band ihm folgen kann.
Die neu gewonnene konzeptionelle Klarheit prägt die erste Hälfte des Albums, bevor das Stück “A Little Love Goes a Long Way” zu den einzigen drei Gesangsnummern überleitet. Der von Frank Schoen komponierte Gospel “Praise to You, Lord Jesus Christ” wird hier von Joels Ehefrau Laura Bibbs gesungen. Betty King Jacksons Spiritual “Calvary” wird von der großartigen kamerunisch-amerikanischen Sängerin Ekep Nkwelle interpretiert. Und in der hymnischen Ballade “The Giver”, deren Text von einem Gedicht James Baldwins inspiriert wurde, ist schließlich der aus Frankreich stammende Sänger und Gitarrist Andy Louis zu hören. Das Album endet mit “Now & Forevermore” auf träumerische, beinah meditative Weise mit den sanften Tönen von Laura Bibbs’ Flügelhorn und Brandee Youngers Harfe.
Auf “Gospel Music” stellt Joel Ross diesmal nicht nur neue eigene Stücke vor, sondern interpretiert auch einige ältere, unveröffentlichte Kompositionen vor dem Hintergrund seiner über Jahre hinweg gesammelten Erfahrungen neu. So schuf er ein Album, das mehr denn je seine Persönlichkeit offenbart: “Dies ist wahrscheinlich das bisher mutigste Beispiel dafür, wie ich versuche, die biblische Botschaft zu verkünden und gleichzeitig meinen Wurzeln treu zu bleiben”.