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Joe Lovano’s Trio Tapestry – ein Klanggarten in vollster Blüte

Die Saat, die Joe Lovanos Trio Tapestry vor zwei Jahren auf seinem Debütalbum ausgebracht hat, ist nun auf dem Zweitwerk “Garden Of Expression” farbenprächtig aufgegangen.
Joe Lovano
Joe LovanoCaterina di Perri / ECM Records
28.01.2021
Das Debütalbum von Joe Lovanos Trio Tapestry war 2019 eine der meistdiskutierten Neuerscheinungen des Jahres. Auf seinem zweiten Album mit dem poetischen Titel “Garden Of Expression” hebt das Trio sein musikalisches Konzept – Gerd Filtgen beschrieb es in Fono Forum als “kraftvoll, aber dennoch lyrisch” – auf die nächste Stufe. Es ist eine Aufnahme, die sich durch intensiven Fokus auszeichnet. Lovano ist ein Saxophonist, dessen Wirkungsbereich die gesamte Geschichte des modernen Jazz umfasst und sich noch darüber hinaus erstreckt. Im Trio Tapestry geht er mit besonderem Feingefühl zu Werke. Die Musik, die er für das Ensemble schreibt, ist auf delikate Weise melodisch oder deklamatorisch, harmonisch offen, rhythmisch frei sowie spirituell involvierend und regt seine beiden kreativen Partner zu subtilen und differenzierten Reaktionen an. Die Interaktionen mit ihnen bezeichnet Lovano als “magisch”. Carmen Castaldis räumliches Schlagzeugspiel verfeinert ein improvisatorisches Verständnis, das er seit den 1970er Jahren mit Lovano entwickelt hat. Das Trio bietet zudem ein glänzendes Umfeld für Marilyn Crispells Soli, Gegenmelodien und improvisatorische Ausschmückungen. Und ihr Gespür für Klangfarben lässt den kammermusikalischen Charakter der Gruppe aufblühen.
Die direkt ansprechende Akustik des Auditorio Stelio Molo RSI in Lugano, in der diese Aufnahme unter Manfred Eichers wachsamer Regie entstand, trug maßgeblich dazu bei, die feinen Nuancen und Details dieser Musik wunderbar herauszuheben. Als das Trio im Rahmen seiner zweiten Europa-Tournee im November 2019 in der Schweiz gastierte, trat es am Abend vor dem Beginn der Aufnahmesession in dem renommierten Studio auf. “Nachdem wir dort ein ganzes Konzert gegeben hatten, fühlten wir uns in dem Raum sehr wohl”, sagt Lovano. “Der Klang und das Feeling in dem Raum, der als Konzertsaal konzipiert wurde, sind einfach unglaublich. Wir spielten forte und haben das wirklich gefühlt. Wir spielten in pianissimo-Lautstärke, und man hörte die Musik im Raum vibrieren. Und das führte bei jeder Komposition zu einem wirklich spirituellen Vortrag, da wir der Musik erlaubten, sich zu entfalten.”
Die Evolution des Trios beschreibt Joe Lovano als einen ungezwungenen, natürlichen Prozess. Wie schon beim Debütalbum des Trio Tapestry wurde auch die gesamte Musik für “Garden Of Expression” von dem Saxophonisten geschrieben. “Jedes der Stücke ist ein ‘Lied des Ausdrucks’, bei dem der Rhythmus nicht den Fluss vorgibt. Das ist keine Band, die einen Beat als Ausgangspunkt nimmt. Das Momentum liegt in der Melodie und der harmonischen Abfolge. Und der Rhythmus entwickelt sich in jedem Stück auf eine sehr frei fließende Weise.” Lovano zieht Parallelen zwischen seinem aktuellen Trio und der Musik, die er über einen Zeitraum von dreißig Jahren hinweg im Trio mit Paul Motian und Bill Frisell gemacht hat. “Wir entwickelten eine Art zu spielen und miteinander zu kommunizieren. Die Stücke änderten sich Abend für Abend, da Paul uns die Erlaubnis gab, die Musik innerhalb der Musik zu kreieren. Dieses Modell, diese Konzeption, bildet seitdem eine Grundlage für mein eigene Spiel- und Schreibweise. Und es hat auch meine neueste Arbeit mit dem Trio Tapestry geprägt.”
Die neue Musik des Trio Tapestry stützt sich auf eine lange Geschichte von Freundschaften und Kollaborationen. Lovano und Marylin Crispell lernten sich Mitte der 1980er Jahre kennen, als Marilyn dem Quartett von Anthony Braxton angehörte. Nachdem Joe mit dem Trio, das Marilyn mit Paul Motian und Mark Helias unterhielt, im New Yorker Village Vanguard gejammt hatte, gaben sie fortan Konzerte als Quartett. (Ohne Lovano spielte das Trio 2003 für ECM das Album “Storyteller” ein.) Das Potential für eine weitere Entwicklung war damals sowohl Lovano als auch Crispell klar. Lovanos Verbindung zu Carmen Castaldi reicht wiederum bis in ihre Teenagerjahre in Cleveland zurück. “Carmen ist einer meiner ältesten und engsten Freunde. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir haben zusammen in Bands gespielt, gingen zur gleichen Zeit nach Berklee und teilten viele gleiche musikalische Erfahrungen.” Dazu gehörte auch die Offenbarung, die sie hatten, als sie 1972 im Jazz Workshop in Boston erstmals Keith Jarretts Band mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian hörten, ein Ensemble, das für beide Musiker ein starker, prägender Einfluss war. “Mit diesem Quartett in einem Raum zu sein, öffnete uns viele Türen, gab uns Vertrauen in kreative Musik.”
Als Joe Lovano, Marilyn Crispell und Carmen Castaldi schließlich als Trio zusammenkamen, spielten sie zunächst völlig improvisierte Musik: “Unser allererstes Konzert bestritten wir ganz ohne Themen oder Songs. Es ging darum, herauszufinden, wie wir zusammen spielen könnten – und die Musik erschloss sich so von selbst auf wunderbare Weise. Ich schickte einen Mitschnitt davon an Manfred Eicher, der uns sehr ermutigte.” Lovano machte sich dann daran, Stücke für ein Programm zu schreiben, um die Implikationen dieser Improvisationen weiterzuverfolgen. Er formte Stücke, die die einzigartigen Qualitäten dieser Konstellation mit ihrer “friedlichen, nicht-aggressiven Vortragsweise” am besten zur Geltung bringen würden, während er gleichzeitig eine Technik verfeinerte, die er erstmals 1985 auf seinem Debütalbum “Tones, Shapes & Colors” ausprobiert hatte: das gleichzeitige Spielen von Saxophon und Gongs. Die langsam aufblühende Resonanz der Gongs ist zu einem der charakteristischen Klänge des Trios geworden, mit Obertönen, die in Stille übergehen. “Diese beiden Aufnahmen – ‘Trio Tapestry’ und ‘Garden Of Expression’ – sind die einzigen Alben, an denen ich mitgewirkt habe, die echte Momente der Stille von der ganzen Gruppe enthalten.” Es gibt in dieser Musik jede Menge Stellen, an denen man ganz genau hinhören sollte. Man kann “Garden Of Expression” auch als ein überkonfessionelles spirituelles Album hören. Es beginnt mit dem ruhigen “Chapel Song”, der Lovanos Erlebnis in einer Wiener Kirche widerspiegelt, wo er den fernen Geräuschen der Registerzüge einer Orgel lauschte. Weiter geht es dann mit “Sacred Chant”, einem Stück, das etwas von der sehnsuchtsvollen Qualität einer Coltrane-Ballade hat, bevor das Album mit der Nummer “Zen Like” ausklingt, in der die Gongs das Trio zu konzentrierter Meditation auffordern.
Es sind aber auch weltliche Einflüsse am Werk. Lovano verbrachte den Sommer 2019 auf Tournee mit Diana Krall, und “West Of The Moon” ist seine augenzwinkernde Antwort darauf, dass er mit der Sängerin Nacht für Nacht den Brooks-Bowman-Klassiker “East Of The Sun” spielte. “Es klingt überhaupt nicht wie ‘East Of The Sun’”, betont Joe Lovano, “aber das war die Inspiration. Viele dieser neuen Stücke wurden tatsächlich geschrieben, als wir auf Tour waren…”
Zwischen der Aufnahme seines ersten und zweiten Albums hat sich das Trio Tapestry beständig entwickelt und künstlerisch gewachsen. “Seeds Of Change” war für Lovano ein Schlüsselstück des Debütalbums gewesen. Zum einen, weil es die Herangehensweise des Trios verdeutlichte, zum anderen wegen seiner offenen Form selbst, weil es zugleich ein Blues, eine Ballade und eine kammermusikalische Komposition war. Mit “seinem besonderen Gefühl und Fluss” führte es direkt zum Titelstück von “Garden Of Expression”. Die Saat des ersten Albums ist hier nun aufgegangen. “Mit den Songs der beiden Alben haben wir jetzt ein erstaunliches Repertoire”, meint Joe Lovano zufrieden.