Kampflustig und groovelastig – Irreversible-Entanglements-Album erschienen

Die Band Irreversible Entanglements wird in den Medien oft als Free-Jazz-Kollektiv umschrieben. Dabei greift diese Bezeichnung bei dem fünfköpfigen Ensemble um die Poetin und Sängerin Camae Ayewa (alias Moor Mother), den Trompeter Aquiles Navarro, den Saxofonisten Keir Neuringer, den Bassisten Luke Stewart und den Schlagzeuger Tcheser Holmes eigentlich viel zu kurz. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass die Alben der Band seit rund zehn Jahren nicht nur in der einschlägigen Jazzpresse, sondern auch in progressiveren Pop-Magazinen überschwänglich gefeiert werden und regelmäßig in den Jahresbestenlisten ganz oben auftauchen. Das wird bei “Future Present Past”, ihrer zweiten Veröffentlichung auf Impulse! Records und ihrem insgesamt fünften Studioalbum, nicht anders sein. Schließlich hat die Musik von Irreversible Entanglements hier einen deutlich stärkeren afrokaribischen und afrikanischen Einschlag als all ihre vorherigen Alben. Noch mehr Farbe verleihen dem bunten Treiben die Gastauftritte der New Yorker Gesangsikone MOTHERBOARD (Kyle Kidd) und von Helado Negro, einem Sänger mit ekuadorianischen Wurzeln.
Bei der Musik, die die Irreversible Entanglements kreieren, standen sicher viele der Größen Pate, die den Free Jazz einst in die Welt setzten oder ihn später entscheidend weiterentwickelten: von Ornette Coleman, Don Cherry und Sun Ra über John Coltrane, Charles Mingus, Pharoah Sanders und Archie Shepp bis hin zum Art Ensemble of Chicago. Einfluss übten auf die Musiker der Band aber auch der Afro-Beat von Fela Kuti sowie Stile und Rhythmen aus der Karibik und Lateinamerika aus. Der britische Musikkritiker Chris May bezeichnete die Irreversible Entanglements auf All About Jazz deshalb einmal als “semi free” Band und präzisierte: “Jedes Stück hat einen Ausgangspunkt – ein Bass-Ostinato, einen Schlagzeugrhythmus oder ein Bläsermotiv -, von dem aus sich der instrumentale Teil entwickelt. Stewart und Holmes sorgen für einen eindringlichen Puls, Navarro und Neuringer fügen mehr oder weniger harmolodische Kontrapunkte hinzu.” Abgerundet wird der unnachahmliche Sound der Band durch die von Camae Ayewa geschriebenen und oft mit Punk-Attitüde vorgetragenen Texte.
Auf “Future Present Past” ist es den Irreversible Entanglements gelungen, diese einzigartige Mischung explosiver Musik besser als je zuvor umzusetzen. Für das Album haben sie zehn neue Songs geschrieben, die sie selbst als “Kampflieder” bezeichnen. Es sind in der Mehrzahl sehr kompakte Stücke – nur vier Titel haben eine Spieldauer von über sechs Minuten -, die erstaunlich leicht ins Ohr gehen und dort noch lange nachhallen. Während Helado Negro im Opener “Juntos Vencemos” und der Schlussnummer “We Overcome” zu der Band stößt, erweitert der retro-jazzige Gesang von MOTHERBOARD die experimentelle Soundpalette in gleich fünf Stücken. Im mitreißenden “Panamanian Fight Song” ist den Irreversible Entanglements das Kunststück gelungen, fast alle Klangwelten, die auf dem Album erkundet werden, in einer einzigen Nummer zu bündeln. Dass der Titel des Stücks an den berühmten “Haitian Fight Song” von Charles Mingus erinnert, ist dabei sicherlich kein Zufall. Musikalisch machen die Irreversible Entanglements hier jedoch ihr ganz eigenes Ding. Getreu ihrem Motto, das sich auch im Albumtitel widerspiegelt: “Wir machen Musik, die Traditionen sowohl ehrt als auch herausfordert, und die sich zur Gegenwart äußert, während sie auf die Zukunft beharrt.”




