Tochter des Neumonds - zum Tod von Cassandra Wilson

Die am 5. Dezember 1955 in Jackson, Mississippi, als Cassandra Marie Fowlkes geborene Cassandra Wilson wuchs in einer von Musik geprägten Umgebung auf. Mit fünf Jahren begann sie zu singen, lernte wenig später Klavier spielen und erhielt im Alter von zwölf Jahren Gitarrenunterricht von ihrem Vater, dem Jazz- und Bluesgitarristen Herman Fowlkes. Ihre ersten Karriereschritte machte Wilson Mitte der 1970er Jahre in der lokalen Szene als Sängerin mit einem breit gefächerten Repertoire, das bereits Jazz, Blues und Folk umfasste.
Die Weichen für ihren Aufstieg zur international gefeierten Jazzsängerin stellte Cassandra Wilson Anfang der 1980er Jahre, als sie mit ihrem ersten Ehemann, von dem sie den Nachnamen übernommen hatte, nach New York ging. An der Seite des Altsaxofonisten Steve Coleman, der ihren musikalischen Horizont erweiterte, stieg sie schnell zu einem der Stars des innovativen M-Base-Kollektivs auf. Parallel dazu begann sie, für das deutsche Label JMT Alben unter ihrem Namen aufzunehmen. Darauf präsentierte sie sowohl eigene Kompositionen als auch erfrischend eigenwillige Interpretationen von Jazzstandards und vollführte so einen kunstvollen Balanceakt zwischen Jazztradition und Moderne.
Ihren Status als eine der aufregendsten Jazzsängerinnen der Gegenwart zementierte Cassandra Wilson anschließend mit den Alben, die sie zwischen 1993 und 2010 für Blue Note Records aufnahm. Zu den Höhepunkten ihres abwechslungsreichen Œuvres gehören unter anderem der Dauerbrenner “Blue Light ‘til Dawn” (1993), das Miles-Davis-Tribute-Album “Traveling Miles” (1999) sowie die beiden mit einem Grammy ausgezeichneten Meisterwerke “New Moon Daughter” (1995) und “Loverly” (2008). Auf vielen dieser Alben kehrte Wilson musikalisch zu ihren Blues- und Folk-Wurzeln in zurück, verwob diese aber raffiniert mit zeitgenössischen Jazzklängen sowie Einflüssen aus Afrika und Lateinamerika.
Der Kritiker Stanley Crouch bezeichnete Cassandra Wilson im Jahr 2001 im Time Magazine als “Amerikas beste Sängerin” und schrieb: “Gefühlvoll, sinnlich und lyrisch führt sie die Tradition der großen Jazzsängerinnen fort.” Zu einem ähnlichen Urteil kam zehn Jahre später auch Thom Jurek von AllMusic: “Sie ist wohl die größte lebende Jazzsängerin. Bekannt für ihre Blues-, Soul- und Pop-Covers sowie ihre Jazzstandards unterwirft ihre rauchige Altstimme fast alles ihrem Willen. Wilsons Phrasierung ist absolut einzigartig, so originell wie die Musik eines jeden Bläsers oder Pianisten.”
Mit ihrem letzten Album “Coming Forth by Day”, das am 7. April 2015 – dem 100. Geburtstag von Billie Holiday – erschien, zollte die größte Jazzdiva der Gegenwart der größten Jazzdiva der Vergangenheit Tribut. Noch im selben Jahr zog Cassandra Wilson von New York in ihre Geburtsstadt Jackson, Mississippi zurück.Gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin, der Sängerin Rhonda Richmond, eröffnete sie dort einen Jazzclub namens The Yellow Scarf und gründete das Plattenlabel Ojah Records. Erst letztes Jahr machte Cassandra Wilson wieder Schlagzeilen – mit zwei triumphalen Auftritten bei Jazzfestivals in New Jersey und Upstate New York, die beim Publikum Hoffnungen auf ein Comeback weckten. Umso bestürzter war die Jazzwelt, als am 2. September bekannt wurde, dass Cassandra Wilson im Alter von 70 Jahren in Jackson verstorben war.
Das Label Blue Note Records ehrte Cassandra Wilson bereits vor einiger Zeit mit einer Spotify-Playlist, deren Titel nichts hinzuzufügen ist: “The Finest”.




