
Ein Trio, das auf allen Zylindern feuert – Peterson-Livealbum erschienen
Als Oscar Peterson im Dezember 2007 im Alter von 82 Jahren verstarb, verlor die Jazzwelt einen brillanten Musiker, der das “Great American Songbook” wie kaum ein anderer kannte und beherrschte. Einige Kollegen des kanadischen Pianisten sollen sogar gewitzelt haben, dass manche Songs erst in diesen Kanon aufgenommen wurden, nachdem Peterson sie einmal gespielt hatte. Seine enzyklopädischen Kenntnisse der Jazzstandards, Broadway-Nummern und Tin-Pan-Alley-Schlager hat der Pianist im Laufe von mehr als 60 Jahren auf über 200 Alben dokumentiert. Viele seiner bedeutendsten Aufnahmen entstanden in den 1950er und 1960er Jahren und wurden von dem Produzenten Norman Granz bei Verve Records veröffentlicht. Nun wird dieser beeindruckende Katalog um eine bislang unveröffentlichte Live-Aufnahme aus dem Jahr 1960 erweitert: “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge”. Dass es einen Mitschnitt von dem Gastspiel in dem berühmten Detroiter Jazzclub gab, war kein Geheimnis. Nur waren die Bänder lange Zeit unauffindbar. Erst als Verve Records im vergangenen Jahr den 100. Geburtstag des Pianisten feierte, wurden sie zufällig in einer falsch beschrifteten Box entdeckt und für die Erstveröffentlichung aufbereitet. Jetzt erscheint ein Album mit neun Höhepunkten des mehr als zweistündigen Auftritts auf Vinyl und CD. Die kompletten Sets des Konzerts mit insgesamt 27 Titeln gibt es zudem unter dem Titel ”The Complete Recordings” als digitales Album sowie als exklusiv im JazzEcho-Store ab dem 15. Mai auch als streng imitiertes 3-LP-Set mit ausführlichen Liner Notes im luxuriösen Trifold-Sleeve (bereits jetzt vorbestellbar). Das Oscar Peterson Trio mit Bassist Ray Brown und Schlagzeuger Ed Thigpen feuerte auf allen Zylindern, als es Anfang August 1960 ein zweiwöchiges Engagement in der Baker’s Keyboard Lounge in Detroit antrat. Obwohl die drei Musiker erst seit anderthalb Jahren in dieser Konstellation zusammenspielten, hatten sie zum Zeitpunkt des Gastspiels in Detroit bereits fünfzehn Alben für Verve Records aufgenommen. Das schier unerschöpfliche Repertoire des Trios reichte von rasanten Bebop- und Swing-Klassikern über erdige Blues-Nummern bis hin zu Broadway-Hits und berührenden Balladen. Bei dem 138-minütigen Auftritt, der damals von Norman Granz für ein geplantes Live-Album komplett mitgeschnitten wurde, zeigte das Trio seine ganze Energie und Bandbreite. Warum “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge” seinerzeit dann doch nicht veröffentlicht wurde, ist ein Rätsel. In den Liner Notes zum Album äußert der Autor Mark Stryker die Vermutung, dass “die Entscheidung des Verve-Gründers und Produzenten Norman Granz, das Label im Dezember 1960 an MGM zu verkaufen, einen Dominoeffekt auslöste”. Während sich Verve Records in dieser Umbruchzeit neu aufstellte, trat das Oscar Peterson Trio im Juli und August 1961 an sechs Abenden im London House in Chicago auf. “Die London-House-Sessions, die als einige von Petersons besten Arbeiten gefeiert werden, brachten schließlich vier LPs hervor”, schreibt Stryker. “In deren Folge gerieten die Baker-Bänder, die ein Dutzend Songs enthalten, die auch in Chicago aufgenommen wurden, in Vergessenheit.” Wie bei den Auftritten im London House in Chicago hatte sich das Oscar Peterson Trio auch ein Jahr zuvor bei dem Konzert in der Baker’s Keyboard Lounge in Detroit in absoluter Bestform präsentiert. Das Wort “nahtlos” reicht kaum aus, um das Zusammenspiel der drei Musiker zu beschreiben. Ungeachtet der Tempi, der Rhythmen oder der Komplexität der Arrangements atmen sie wie aus einer Lunge und phrasieren, als würden sie von einem einzigen Herzschlag gesteuert. “Die meisten Pianisten hören dort auf, wo er erst anfängt”, sagte der Gitarrist Herb Ellis einmal über Oscar Peterson, in dessen Trio er sechs Jahre lang – von 1953 bis 1958 – gespielt hatte. Was Ellis damit meinte, erlebt man, wenn man sich die mitreißenden Aufnahmen von “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge” anhört.
WeiterlesenOscar Peterson Biografie
Der kanadische Pianist und Komponist Oscar Emmanuel Peterson zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten des modernen Jazz-Mainstreams. Am 15. August 1925 als viertes von fünf Kindern karibischer Einwanderer in Montreal geboren, machte er seine ersten musikalischen Erfahrungen am Klavier im Alter von fünf Jahren. Aufgrund einer Tuberkulose-Erkrankung musste er das ursprünglich favorisierte Kornett zur Seite legen und konzentrierte sich, vom ehrgeizigen Vater massiv unterstützt, auf das Piano. Peterson entwickelte schnell eine individuelle Spieltechnik, die das Rhythmusgefühl von Teddy Wilson mit der Geläufigkeit Art Tatums, den Harmonisierungen Erroll Garners und dem swingenden Feeling des frühen Bebops verband. Er ignorierte konsequent die üblichen Fingersätze und passte die Abläufe am Klavier systematisch an seine eigenen motorischen Fertigkeiten an, wobei ihm sein absolutes Gehör dabei half, einen individuellen Zugang zur improvisierenden Musik zu finden. Mit 14 Jahren gewann Peterson einen lokalen Wettbewerb, konnte daraufhin regelmäßig im Radio auftreten und wurde von verschiedenen lokalen Orchestern engagiert. Von 1947 an hatte er einen Job mit eigenem Trio in der “Alberta Lounge” von Montreal, was es ihm ermöglichte, kontinuierlich an seinem Stil zu feilen.
Den internationalen Durchbruch schaffte Oscar Peterson im September 1949, als er im Rahmen der “Jazz At The Philharmonic”-Konzerte (JATP) des umtriebigen Impressarios Norman Granz in der New Yorker Carnegie Hall auftrat und nach diesem spektakulären Debüt Angebote von allen Seiten bekam. Er wurde zu einem der Stars der JATP-Reihe und reiste mit dem Musikertross von 1950 an regelmäßig durch die Welt. Peterson spielte in diesen Jahren unter anderem mit Billie Holiday, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie, Roy Eldridge, Lester Young, Ben Webster, Lionel Hampton, und begann darüber hinaus eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Bassisten Ray Brown. Zu seinen eigenen Formationen gehörte zunächst ein Trio mit Brown und wechselnden Gitarristen wie Barney Kessel und Herb Ellis, später dann mit den Schlagzeugern Ed Thigpen, Louis Hayes und Bobby Durham. Zu den wichtigsten Alben dieser Jahre zählt die Blues-Sammlung “Night Train” vom Dezember 1962 mit Brown und Thigpen, die sich zu einer seiner erfolgreichsten Aufnahmen entwickelte.
So brillant er als Live-Künstler war, so wenig Glück hatte Peterson zunächst mit seinen Plattenaufnahmen. Das von Granz gegründete Label “Verve” hatte aus Finanznöten an der Großkonzern MGM verkauft werden müsse, der sich jedoch wenig um die konsequente Vermarktung der Produkte kümmerte. Durch die deutsche Firma MPS entstanden Ende der Sechziger einige wegweisende Einspielungen wie die Zusammenstellung “Exclusively For My Friends” (1968), von 1973 an war Peterson wieder für Granz und dessen neues Label Pablo aktiv. Er traf auf Musiker wie den dänischen Bassisten Niels Henning Ørsted-Pedersen und den Gitarristen Joe Pass, die beide über Jahre hinweg zu seinen wichtigsten musikalischen Partnern in verschiedenen Konstellationen wurden. Es entstanden wichtige und ungewöhnliche Alben wie die Bearbeitung von Gershwins “Porgy & Bess” (1976) für Gitarre und Clavichord oder auch “Nigerian Marketplace” (1981), mit der Peterson seinen afrikanischen Wurzeln auf der Spur war.
Die achtziger Jahre waren auf der einen Seite von zahlreichen Preisen und Ehrungen wie der Wahl in die Hall of Fame 1984 der Szenezeitschrift Down Beat geprägt, und brachten Peterson auf den anderen Seite mit All-Star-Tourneen weiterhin in die großen Konzertsäle der Hochkultur. Anfang der Neunziger zwang ihn ein Schlaganfall, seine Technik komplett zu überarbeiten und eines seiner Markenzeichen, die rasanten Unisono-Läufe beider Hände, aufzugeben. Dafür wurden seine Kompositionen lyrischer und die Rückkehr auf die Bühne mit dem eigenen Quartett 1993/4 wurde weltweit euphorisch gefeiert. Oscar Peterson bekam 1993 als erster Jazzmusiker den renommierten Glenn-Gould-Preis verleihen und konnte um die Jahrtausendwende 16 Ehrendoktor-Würden, acht “Hall of Fame”-Ernennungen, mindestens sieben Grammys und zahlreiche weitere Ehrungen vorweisen. Sein musikalischer Einfluss auf die Entwicklung des swingboppenden Mainstream-Pianos ist immens, so wie er neben Louis Armstrong und Ella Fitzgerald zu den bekanntesten Jazzmusikern überhaupt gehört.






