Mei Semones: 2027 mit „Howl“ zwischen Jazz, Bossa Nova und Indie-Rock

Wer versucht, die Musik von Mei Semones mit einem einzigen Genre zu beschreiben, gerät schnell ins Schleudern. Die in Brooklyn lebende japanisch-amerikanische Sängerin und Gitarristin verbindet Jazz und Bossa Nova mit Indie-Rock, Samba und den rhythmischen Verschiebungen des sogenannten “Math-Rock”. Ebenso selbstverständlich wechselt sie beim Singen zwischen Englisch und Japanisch, mitunter sogar innerhalb derselben Zeile.
Schon ihr 2025 erschienenes Debütalbum „Animaru“ machte diese Offenheit zum Prinzip. Mit ihrem zweiten Album „Howl“, das sie Anfang 2027 beim renommierten amerikanischen Jazzlabel Verve Records veröffentlicht, entwickelt Semones ihre musikalische Sprache nun weiter und wendet den Blick stärker nach innen.
Eine Albumidee beginnt mit heulenden Hunden
Die Entstehungsgeschichte des Titelstücks, das bereits jetzt als Single und Video zu hören und sehen ist, könnte kaum besser zu Semones passen. Am 4. Juli 2025 sitzt sie allein mit ihrer Gitarre in ihrer Wohnung in Brooklyn, während draußen das Feuerwerk zum Independence Day explodiert. Dazwischen hört sie die Hunde der Nachbarschaft heulen. Semones versteht das Geräusch nicht als Ausdruck von Einsamkeit, sondern als eine Art Kontaktaufnahme. Vielleicht, so ihre Idee, funktioniert Musik ähnlich: Man schickt etwas in die Welt hinaus – und irgendwo antwortet jemand darauf. Am nächsten Morgen entsteht der Keim für „Howl“. Semones selbst beschreibt das Musikmachen als eine Art „howling into the universe“: einen instinktiven Vorgang, der gleichzeitig Verbindung zu anderen Menschen herstellen kann.
„Howl“ führt die Geschichte von „Animaru“ weiter
Wo sich das Vorgänger-Album „Animaru“ mit Unabhängigkeit und unterschiedlichen Formen von Liebe beschäftigte, geht „Howl“ tiefer in die Widersprüche des Erwachsenwerdens. Schwierige Erinnerungen stehen neben glücklichen Momenten, Selbstzweifel neben Verliebtheit und Verlust neben alltäglichen Beobachtungen.
Musikalisch entspricht dieser emotionalen Beweglichkeit ein Sound, der innerhalb eines Songs von filigranem Fingerpicking zu verzerrten Gitarren und komplexen rhythmischen Passagen wechseln kann. Jazz, Indie-Rock und Bossa Nova wirken bei Semones dabei nicht wie bewusst zusammengefügte Zutaten – sie gehören längst zu ein und derselben musikalischen Sprache.
Von Ann Arbor über Berklee nach Brooklyn
Die Grundlagen dafür wurden früh gelegt. Mei Semones wuchs in Ann Arbor, Michigan, auf und begann bereits mit vier Jahren Klavier zu spielen. Mit elf wechselte sie zur E-Gitarre, inspiriert unter anderem von Marty McFlys „Johnny B. Goode“-Auftritt in „Back to the Future“.
Als Kind verbrachte sie zudem regelmäßig Teile ihrer Sommer bei ihrer Großmutter in Yokosuka in Japan. Diese Erinnerungen flossen später direkt in ihre Musik ein: Ihre 2024 veröffentlichte EP „Kabutomushi“ trägt den japanischen Namen jener Nashornkäfer, nach denen sie dort als Kind mit Freunden suchte.
Während ihrer Highschool-Zeit entdeckte Semones schließlich Charlie Parker, John Coltrane, Bud Powell, Thelonious Monk und Wes Montgomery sowie über João Gilberto die Bossa Nova. Später studierte sie Gitarre am Berklee College of Music.
Mei Semones singt auf Japanisch und Englisch
Mindestens ebenso wichtig wie ihre musikalischen Einflüsse ist Semones' Zweisprachigkeit. Japanisch ist keine dekorative Ergänzung ihrer englischen Texte, sondern Teil ihrer musikalischen Identität.
Auch auf „Howl“ nutzt sie diese Freiheit konsequent. „Senro“ („Train Tracks“) beschäftigt sich mit schwierigen Erinnerungen aus ihrer Teenagerzeit, während „Chichibu“ auf eine Reise nach Tokio und das Chichibu Night Festival zurückblickt. In „Kira Kira“ („Sparkle Sparkle“) verwandelt sie japanische lautmalerische Begriffe in spielerische Liebeserklärungen.
Mit „Howl“ wechselt Mei Semones zu Verve Records
Für Semones markiert das Album auch einen wichtigen Karriereschritt: „Howl“ ist ihre erste Veröffentlichung bei Verve Records in Partnerschaft mit Interscope. Der Wechsel hat eine besondere Symbolik. Semones lernte Jazz über Musiker kennen, deren Aufnahmen eng mit der Geschichte des Labels und seiner Schwesterlabels verbunden sind, darunter Bud Powell, Wes Montgomery, João Gilberto und John Coltrane. Trotzdem klingt „Howl“ keineswegs nach einer Musikerin, die sich ehrfürchtig in eine Tradition einordnet. Vielmehr steht Semones für eine Idee von Jazz, die Tradition als Ausgangspunkt versteht, für Musik, die neue Einflüsse aufnehmen und überraschende Verbindungen eingehen darf.
„Howl“ von Mei Semones erscheint am 15. Januar 2027 bei Verve Records und kann bereits jetzt vorbestellt werden.
