Kiefer zündet die „Memory Bomb“: Jazz, Hip-Hop und die Kunst des Träumens

Gerade erst sorgte Kiefer als Mitglied des neuen Blue-Note-Projekts FATHERS gemeinsam mit Nate Smith, CARRTOONS und Kenny Beats für Aufmerksamkeit. Nun folgt der nächste Schritt: Der Kalifornier veröffentlicht mit „Memory Bomb“ sein erstes Soloalbum für Blue Note Records. Exklusiv im JazzEcho-Store ist es als limitierte blaue LP mit handsignierter Art Card erhältlich, in starker Limitierung für Sammler auch mit einer zusätzlichen Whitelabel-Variante des Albums.
Es gibt Musiker, bei denen man schon nach wenigen Takten weiß, wer da spielt. Bei Kiefer Shackelford ist es weniger ein bestimmter Sound als eine bestimmte Bewegung: Akkorde hängen einen Moment länger in der Luft, Melodien biegen unerwartet ab, Beats stolpern scheinbar – und landen doch genau dort, wo sie hingehören.
Jazz und Hip-Hop sind für Kiefer keine zwei Welten, die erst miteinander versöhnt werden müssten. Sie gehören längst zur selben musikalischen Sprache.Auf „Memory Bomb“ wird diese Sprache nun besonders weit aufgefächert. Das Album ist Kiefers Solo-Debüt als Leader bei Blue Note Records und entstand gemeinsam mit Shibo und CARRTOONS. Dazu kommt ein bemerkenswertes Ensemble mit Nate Smith, Walter Smith III, Cisco Swank, Rae Khalil, Amber Navran, Planet Giza, Erick The Architect, Tony Stone und weiteren Gästen.
Kiefer und Blue Note: Eine Geschichte, die früh beginnt
Dass dieses Album ausgerechnet bei Blue Note erscheint, besitzt für Kiefer eine biografische Dimension. Kiefer Shackelford wuchs in San Diego auf. Beide Eltern spielten Klavier. Seine Mutter brachte ihm früh das Notenlesen und Bach-Menuette bei, sein Vater liebte Jazz und insbesondere Blue Note – mit Platten von Sonny Clark und Gene Harris. Kiefer hörte Miles Davis’ „Kind Of Blue“ immer wieder. Nachdem er mit 13 Davis’ Biografie gelesen hatte, stand für ihn fest, dass er Jazzmusiker werden wollte. Später studierte er an der UCLA, wo ausgerechnet Blue-Note-Legende Kenny Burrell zu seinen Lehrern gehörte. Bei Stones Throw Records entwickelte Kiefer anschließend mit Veröffentlichungen wie „Happysad“, „Between Days“ und „It’s Ok, B U“ seine eigene Identität. Dazu kamen Kollaborationen mit Dr. Dre, De La Soul, Pete Rock, Anderson .Paak, Kaytranada und Terrace Martin.
Mit Blue Note schließt sich nun ein Kreis. Bereits 2021 erfuhr Kiefer, dass Label-Präsident Don Was seine Musik verfolgte. Das gemeinsame Projekt FATHERS mit CARRTOONS, Nate Smith und Kenneth Blume führte schließlich zu seinem Leader-Debüt für das Label.
„Memory Bomb“: Was hat ein Traum mit Jazz zu tun?
Der Titel liefert den Schlüssel zum Album. Eine „Memory Bomb“ ist für Kiefer eine poetische Umschreibung für einen Traum. Davon unterscheidet er drei Arten: den Traum im Schlaf, den Traum als Sehnsucht und den Traum als Ambition. Diese Zustände durchziehen das Album. „Memory Bomb“ wirkt deshalb weniger wie eine Sammlung einzelner Songs als wie eine lose Erzählung. Motive tauchen auf und verschwinden wieder, improvisierte Passagen verändern die Stücke – und über allem liegt eine Atmosphäre, die gleichzeitig verträumt und ausgesprochen rhythmisch ist.
Für seine musikalische Welt hat Kiefer einen eigenen Begriff gefunden: „Over The Breaks“. Gemeint ist jener Raum, in dem Jazzimprovisation und Hip-Hop-Produktion ineinander übergehen. Ein Klavierpart kann als Jazzlinie beginnen und kurz darauf beinahe wie ein Sample wirken. Ein programmierter Beat kann wiederum so elastisch klingen wie eine Liveband. Der Begriff geht auf einen Track von J Dilla zurück. Prägend für Kiefers Entwicklung war dabei Shibo, den er an der UCLA kennenlernte. Durch ihn tauchte Kiefer tiefer in die Welt von Flying Lotus, Thundercat und Low End Theory ein.
Nate Smith, Walter Smith III und CARRTOONS: Jazz als Gemeinschaftswerk
Mit CARRTOONS und Shibo holte Kiefer zwei seiner engsten Freunde als Co-Produzenten hinzu. Beide kennen seine harmonische Sprache und teilen sein Interesse an Drum Programming. Von diesem Kern aus öffnete sich das Album für zahlreiche Sänger, Rapper und Instrumentalisten. Auf „Overture“ sitzt etwa Nate Smith am Schlagzeug. Kiefer schätzt besonders dessen enorme stilistische Beweglichkeit: Smith kann Hip-Hop ebenso selbstverständlich spielen wie Jazz, Funk oder komplexe ungerade Metren – und dabei stets nach sich selbst klingen. Genau diese Offenheit entspricht dem Prinzip von „Memory Bomb“: Virtuosität ist hier kein Selbstzweck, sondern ermöglicht musikalische Beweglichkeit.
An anderen Stellen rückt Hip-Hop ins Zentrum. Auf „NewLevels NewDevils“ teilen sich Tony Stone und Erick The Architect die Vocals, während CARRTOONS Bass spielt. Kiefer sitzt an Piano und Keyboards, Brandon Bae steuert Gitarre bei. „BusyForYa“ bringt wiederum Planet Giza und Shibo zusammen. Planet Giza übernimmt neben den Vocals auch Drum Programming und zusätzliche Produktion, Shibo spielt Bass, Gitarren und Synthesizer, Kiefer die Keys.
Der Titelsong „Memory Bomb“: Walter Smith III im Traumzustand
Besonders deutlich wird die atmosphärische Seite des Albums im Titelstück. Walter Smith III spielt Tenorsaxofon, Flanafi Gitarre, Shibo Bass und modulare Synthesizer, Kiefer Piano und Keys. Hier bekommt die Traumidee ihre vielleicht unmittelbarste Form. Das Stück setzt weniger auf dramatische Zuspitzung als auf Texturen, Raum und Erinnerung. Walter Smith IIIs Saxofon steht nicht einfach als Solo über dem Arrangement, sondern wird Teil der Klanglandschaft.
Das gilt ebenso für die zahlreichen Vocals. Amber Navran von Moonchild ist auf mehreren Stücken zu hören. Bei „Get to the Moon“ trifft sie auf Relyae und CARRTOONS, während sie auf „Won’t Be Long“ gemeinsam mit Multiinstrumentalist Phil Beaudreau singt. Auf „Nowhere Fast“ wiederum steht Rae Khalils Stimme neben Kiefers Piano und Keys im Mittelpunkt. So wechselt „Memory Bomb“ über 13 Stücke zwischen instrumentalen Passagen, Songs, Rap und hybriden Formen – mal moderne Jazzsession, mal Hip-Hop-Produktion, mal intimer Neo-Soul.
„Memory Bomb“: Ein Jazzalbum für die Gegenwart
Vielleicht ist „Memory Bomb“ gerade deshalb ein bemerkenswertes Blue-Note-Album: Kiefer versucht nicht, wie ein Blue-Note-Künstler einer vergangenen Epoche zu klingen. Seine Verbindung zur Jazztradition steckt im harmonischen Denken, in der Improvisation und in der Kollaboration mit Musikern wie Nate Smith und Walter Smith III. Seine Gegenwart ist aber ebenso stark von J Dilla, Hip-Hop, Beatmaking und der experimentierfreudigen Szene von Los Angeles geprägt.
