We play for Rollins: Eine seelenvolle Verbeugung vor dem Saxofon-Koloss

Mit dem Tod von Sonny Rollins, der am 25. Mai im Alter von 95 Jahren verstarb, verlor die Musikwelt den letzten echten Giganten des Jazz. Bereits auf seinen frühen Soloalben, die er in den 1950er Jahren für das Label Prestige einspielte, schlug der Tenorsaxofonist musikalisch seinen eigenen Weg ein und verdiente sich den Titel „Saxophone Colossus”. Obwohl Rollins nicht der „Erfinder“ des pianolosen Trios war, führte er diese Kunst im Jahr 1957 mit den Alben „Way Out West“ und „A Night at the ‚Village Vanguard‘“ auf ungeahnte neue Höhen.
Ein Solist von schier unerschöpflichem Ideenreichtum
Aufgrund seines kraftvollen Tons und seiner tief in Melodie und Rhythmus verwurzelten Spielweise erfreute sich Sonny Rollins bereits früh enormer Popularität. Und im Laufe der Jahrzehnte sollte diese noch weiter wachsen. Beim Spielen griff er oft ein kleines Motiv auf oder nahm eine einfache Melodie und formte sie in atem(be)raubenden, epischen Soli immer wieder neu um. Dabei spickte er sie – sehr zum Vergnügen des Publikums – auf verschmitzte Art und Weise zudem mit kurzen Zitaten anderer Stücke. So schaffte er es, dass kein Auftritt dem anderen glich. Mit seinen Aufnahmen und seiner starken, unabhängigen Persönlichkeit beeinflusste er nicht nur Generationen von Jazzsaxofonisten, sondern auch Musiker und Musikerinnen anderer Genres. Einer von ihnen ist der Tenorsaxofonist Joshua Redman, der sich selbst einmal als „Fan Nr. 1“ des Saxofon-Kolosses bezeichnet hat.
Joshua Redman entdeckt durch Sonny Rollins den Schlüssel zu einem musikalischen Geheimnis
„Nachdem ich Sonny Rollins gehört hatte, wurde mir die wahre Kraft und das Potenzial der Jazzimprovisation voll und ganz bewusst“, verriet Redman einmal dem Magazin JazzTimes. „Es war, als hätte Sonny mir einen Schlüssel in die Hand gedrückt, der mir ein großes musikalisches Geheimnis erschloss. Er zeigte mir, dass man als Improvisator vollkommen emotional, unmittelbar und spontan sein und gleichzeitig doch völlig geordnet, kohärent, logisch und kompositorisch vorgehen kann. Er weckte in mir ein Gespür für erzählerischen Fluss und organische Architektur. Er lehrte mich, wie man improvisiert.“
Eine durch und durch inspirierte Hommage an Sonny Rollins
Als Joshua Redman in der Nacht des 25. Mai von Sonnys Tod erfuhr, war der Schock groß. „Sonnys Tod hat mich wirklich schwer getroffen“, erzählt er. „Es ist fast so, als wäre ein Elternteil gestorben. Für mich – und ich glaube, für uns alle – war er wie ein musikalischer Vater, Großvater und Pate in einer Person.“ Als er am nächsten Tag aufwachte, verspürte Redman das dringende Bedürfnis, seinem großen Vorbild Tribut zu zollen. Binnen weniger Tage gelang es ihm, eine lockere Gruppe von älteren und neueren musikalischen Weggefährten zusammenzutrommeln und für die Aufnahmen von „If Ever You Would Leave Us (we play for Rollins)” in ein New Yorker Studio zu holen. Bei den Sessions am 10. und 11. Juni ging es laut Redman „lebhaft, vielleicht manchmal sogar ein bisschen hektisch, aber trotzdem immer super entspannt zu. Musikalische Entscheidungen wurden schnell, gemeinsam und ganz natürlich getroffen.“
Eine All-Star-Besetzung mit drei ehemaligen Rollins-Begleitern
Neben den Sängerinnen Cécile McLorin Salvant und Gabrielle Cavassa, dem Tenorsaxofonisten Chris Potter, dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Marcus Gilmore waren mit dem Pianisten Kevin Hays, dem Gitarristen Peter Bernstein und dem Bassisten Christian McBride auch drei Musiker dabei, die noch selbst mit Rollins gespielt hatten. Zu hören ist Redman mit dieser All-Star-Besetzung in den unterschiedlichsten Konstellationen – vom Solo bis zum Quintett – und nicht zuletzt natürlich im pianolosen Trio. Gemeinsam interpretierten sie elf inspirierte Stücke aus Rollins’ Repertoire – eine Mischung aus bekannten Jazzstandards und sechs zeitlosen Eigenkompositionen des Saxofon-Kolosses. So ist eine Aufnahme entstanden, auf der in jeder Note das Gefühl des Verlusts, aber auch die Freude und die Dankbarkeit der beteiligten Musiker und Musikerinnen spürbar ist.
Das Album erscheint am 20. November bei Blue Note Records und kann bereits jetzt vorbestellt werden. Exklusiv im JazzEcho-Store ist die LP als farbiges Vinyl mit handsignierter Art Card erhältlich.





