Furchtlos und voller frischer Ideen!

Auf den Alben, die der Trompeter und Flügelhornist Enrico Rava in jüngerer Zeit für ECM aufnahm, war er mit immer wieder anderen Spielpartnern zu hören: “Roma” (2019) spielte er im Quintett mit dem Tenorsaxofonisten Joe Lovano, dem Pianisten Giovanni Guidi, dem Bassisten Dezron Douglas und dem Schlagzeuger Gerald Cleaver ein, “Edizione Speciale” (2021) mit seinem regulären italienischen Sextett und “The Song Is You” (2022) im Duo mit dem Pianisten Fred Hersch. Für sein neuestes Album “Corners” hat sich der mittlerweile 87-Jährige wiederum mit italienischen Musiker:innen einer neuen Generation umgeben, die darauf brennen, etablierte Paradigmen infrage zu stellen. Bis auf den Gitarristen Francesco Diodati besteht das Quintett, das den schönen Namen Fearless Five trägt, aus neuen Gesichtern: dem Posaunisten Matteo Paggi, dem Kontrabassisten Francesco Ponticelli sowie der Schlagzeugerin und Sängerin Evita Polidoro. Bei den Aufnahmen für “Corners”, die im Juli 2022 im Auditorium Parco della Musica entstanden, stieß als Gast der wie immer wunderbare Joe Lovano zu der Band.
Das Quintett ist nach der gleichnamigen Komposition benannt, die der Bandleader erstmals 1978 auf seinem dritten ECM-Album “Enrico Rava Quartet” präsentierte. Das Ensemble hatte Rava 2022 für einen spontanen Auftritt vor den Toren Roms zusammengestellt. “Wir hatten an diesem Abend auf der Bühne so viel Spaß, obwohl wir gar nicht richtig geprobt hatten, dass ich mehr oder weniger vom Fleck weg beschloss, dass dies meine neue Band sein sollte”, erzählt der Trompeter. Zwei Jahre später nahmen sie für das Label Parco della Musica Records ihr titelloses Debütalbum mit vorwiegend älteren, aber radikal neu interpretierten Stücken aus Ravas Feder auf.
Diesmal besteht das Programm nicht nur aus Eigenkompositionen von Rava, sondern enthält auch Stücke von Lovano und allen Mitgliedern der Fearless Five. “Da sie alle ihre eigenen Bands haben, in denen sie Bandleader und Komponisten sind, hielt ich es für sinnvoll, dass jeder von uns Stücke zu diesem neuen Album beisteuert”, meint Rava. “Dadurch unterscheidet sich ‚Corners‘ deutlich von meinen anderen Alben.”
“Corners” strotzt nur so vor Abenteuerlust, Elan und stimmungsvollen Melodien. In den Stücken seiner jüngeren Mitstreiter:innen und Lovanos kann Rava, der für seinen charakteristischen lyrischen Stil geschätzt wird, vollkommen neue Facetten offenbaren. Lovano ist ohnehin für seine einzigartige Fähigkeit bekannt, sich jedem Musiker, jedem Stil und jedem Raum anzupassen. Als Rava und Lovano 2019 das gemeinsame Album “Roma” bei ECM Records herausbrachten, pries die französische Zeitung Le Monde das Duo als “zwei der Größten des Jazz – Musiker von intensiver Ausdruckskraft”. Der Gitarrist Francesco Diodati ist das einzige Mitglied von Fearless Five, das bereits in anderen Besetzungen mit Rava gespielt hat – das erste Mal 2015 auf dem ECM-Album “Wild Dance”. “Er versteht genau, was ich brauche oder mag, und irgendwie überträgt sich das auf die Band”, bemerkt Rava. “Ich kann ihnen sehr viel Freiheit lassen, ich muss ihnen eigentlich keine Anweisungen geben.”
Den Auftakt bildet “Certo Angoli Segreti” (“Certain Secret Corners”), eine von drei Kompositionen, die Rava zum Repertoire des Albums beisteuerte. Das Stück erschien erstmals 2009 auf Ravas ECM-Album “New York Days”. Es versprüht hier eine Atmosphäre von Coolness und Entdeckergeist und gibt zudem den Ton für das gesamte Album vor. Die beiden anderen Rava-Originale sind der lässig groovende “Bowery Dance” vom Album “Andanada” (Soul Note, 1983) und das von Nostalgie geprägte, brandneue Stück “Hitchcock at the Beach”.
Auf dem gesamten Album verschmelzen frei gestaltete Abstraktion und zutiefst melodische Passagen zu einer engen Einheit. Das konzentrierte Zusammenspiel der furchtlosen Band ist beeindruckend. Diodati (“Sin Peso”), Ponticello (”Ça Va Sans Dire”) und Paggi ("Mamma”) steuern betörende Balladen bei, ebenso wie die Schlagzeugerin Evita Polidoro, die in ihrem selbst komponierten Stück "Le Mie Gambe” auch als Sängerin glänzt. Von Joe Lovano stammen schließlich das humorvoll betitelte “Sun Rava” und “Tone, Shape and Colours”.




