Wolfgang Muthspiel | News | Zwischen Jazz, Folk und Klassik: Kammermusikalisch, aber zugleich dynamisch

Zwischen Jazz, Folk und Klassik: Kammermusikalisch, aber zugleich dynamisch

Nach seinem gefeierten Debütalbum “Angular Blues” (2020) meldet sich das Wolfgang Muthspiel Trio feat. Scott Colley und Brian Blade mit “Dance Of The Elders” noch eindrucksvoller zurück.
Wolfgang Muthspiel, Scott Colley, Brian Blade
Wolfgang Muthspiel, Scott Colley, Brian Blade
28.09.2023
Vor drei Jahren stellte der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel auf dem vielgepriesenen Album “Angular Blues” ein neues reguläres Trio mit dem Bassisten Scott Colley und Schlagzeuger Brian Blade vor. Die britische Times bezeichnete das Werk damals als ein “auf stille Art beeindruckendes Album”, das “Muthspiels flüssige, melodische Spielweise” hervorhebt. Auf dem Nachfolger “Dance of the Elders” erreicht dieses Trio nun einen neuen kreativen Gipfel. Geprägt wird das Album zum einen von den fünf einzigartigen Kompositionen, die unverkennbar Muthspiels Handschrift tragen, zum anderen aber auch durch den besonders lebhaften Austausch, der zwischen dem Gitarristen und seinen Trio-Partnern stattfindet. Die markanten Eigenkompositionen und Muthspiels Herangehensweise an den Jazz sind stark von Folk, aber auch klassischer Musik inspiriert – beide Aspekte treten auf dem Album deutlich zum Vorschein. Blades schwebende perkussive Einwürfe und Colleys wendiger Kontrapunkt am Bass ergänzen das akustische und elektrische Spiel des Gitarristen in flüssigem Interplay über vertrackte Polyrhythmen und abenteuerliche harmonische Landschaften.
“Ganz gleich, welcher Technik oder welches Instruments er sich bedient, Muthspiels tiefe Leidenschaft für den Jazz und seine Beherrschung dieses Idioms schimmert sowohl beim Spielen der Originale als auch Standards durch (…) so wie auch seine besondere Chemie mit Blade und Colley”, bemerkte Adam Perlmutter vor drei Jahren in der JazzTimes.  “Wir haben ein enormes Vertrauen zueinander entwickelt”, bestätigt Wolfgang Muthspiel. Und seine musikalische Vertrautheit mit Colley und Blade ist seitdem nur noch gewachsen. “Dance Of The Elders” wurde im Februar 2022 unmittelbar im Anschluss an eine ausgedehnte gemeinsame Tournee durch Europa, die USA und Japan aufgenommen. Und an der hohen Wertschätzung des Gitarristen für seine Kollegen hat sich nichts geändert: “Ich lerne fortwährend von Brian und Scott. Es ist immer aufregend, ihnen neue Musik zu präsentieren und zu sehen, wie sie an diese herangehen. Denn sie tun es nie so, wie ich es erwartet hätte. Wenn ich etwas komponiere, ist die Erinnerung an ihren Sound eine Inspiration für die Musik, die am Ende herauskommt.”
Das blinde Verständnis, das zwischen den Musikern des Trios herrscht, und ihr instinktiver Gestaltungssinn sind selten so offensichtlich gewesen wie in “Invocation”, dem ersten Stück des Albums. Es ist eine meditative, zweiteilige Komposition, die mit einer über zehnminütigen zurückhaltenden, aber tiefempfundenen Konversation zwischen den drei Akteuren elegant die Stimmung für das gesamte Album setzt. Muthspiel erinnert sich, dass es eine Entscheidung von Produzent Manfred Eicher war, den Song an den Anfang des Albums zu stellen. “Wenn alles eingespielt ist, hört sich Manfred die gesamte Musik noch einmal in aller Ruhe an, um für jedes Stück den richtigen Platz auf dem Album zu finden – er erzählt durch die Abfolge eine bezwingende Geschichte. Seine Entscheidungen überraschen mich immer wieder aufs Neue, und zwar im bestmöglichen Sinne.”
Die spontan im Studio entstandene Improvisation “Prelude To Bach” – ein verhülltes Bekenntnis zu Strukturen – endet mit einer von dem Gitarristen solo gespielten Interpretation des Bach-Chorals “O Haupt voll Blut und Wunden”, die Muthspiel gar nicht für die Session vorbereitet hatte, sondern ad hoc aus der Luft griff. Ihr gemächliches Tempo und ihre traditionelle harmonische Artikulation stehen in Kontrast zu den schwungvollen rhythmischen Drehungen und Wendungen des Titelstücks, seinen folkloristischen Metren und ungewöhnlichen Akkord-Voicings. Wie “Cantus Bradus” dient “Dance Of The Elders” Colley und Blade als polyrhythmische Spielwiese, auf der sie ihre “mathematischen” Muskeln spielen lassen können. Beide Songs werden aber zur selben Zeit von ausgiebigen melodischen Weiterentwicklungen vorangetrieben.
Als Muthspiel “Cantus Bradus” schrieb, dachte er dabei an den Pianisten Brad Mehldau, der auf zwei gefeierten Quintett-Alben des Gitarristen mitgewirkt hat: “Rising Grace” (2016) und “Where The River Goes” (2018).
Das Stück basiert auf Eigenschaften, die Muthspiel immer wieder in Mehldaus Musik beobachtet hat und die er als ein “Bündel chromatischer Linien, die zu einem gewissen tonalen Zentrum absteigen” beschreibt.
“Auf ihrem Weg kreieren diese Linien ziemlich ungewöhnliche Akkorde und Spannungen”, führt der Gitarrist aus, “bis sie in einem bluesigen Zentrum enden. Es ist eine Entwicklung, die ich in Brads Songs und in seinem Solospiel oft höre.”
Kurt Weills “Liebeslied” lernte Wolfgang Muthspiel durch den Trompeter und Musikpädagogen Herb Pomeroy kennen, dessen Studenten-Bigband am Berklee College of Music “die Band war, in der jeder dabei sein wollte”, erinnert er sich. Das Stück spielt er hier auf der elektrischen Gitarre, spinnt flüssige Bop-Linien um den rhythmischen Kontrapunkt herum, den ihm Colley und Blade liefern. Die einzige andere Komposition, die nicht aus Muthspiels Feder stammt, ist Joni Mitchells “Amelia” – eine Ballade, die die legendäre Sängerin und Songschreiberin zuerst 1976 mit Larry Carlton an der Gitarre aufnahm und dann noch einmal 1979 mit Pat Metheny. Die Interpretation des Trios weicht hier nicht zu weit vom Original ab und macht sich zunutze, was bereits vorhanden war. Brian Blade hat in der Vergangenheit häufig mit Mitchell zusammengearbeitet und deshalb einen sehr intimen Zugang zu ihrer Musik.
Für “Folk Song” ließ sich Muthspiel von keinem Geringeren als Keith Jarrett inspirieren. “Als ich diese Nummer schrieb, hatte eine vage Vorstellung von Keiths Musik und insbesondere von seinen improvisierten Vamps aus der ‘Belonging’-Ära”, erzählt der Gitarrist. “Den harmonischen Einfallsreichtum eines Musikers kann man immer erkennen, wenn er über einen längeren Zeitraum um einen Akkord herumspielt. Alles, was Keith mit seinen Oberlinien, seinen Mittelstimmen andeutet, offenbart einem all die Akkorde, die er spielen könnte, aber dann nur neckisch anreißt. Das liebe ich an Keith.”
Im Herbst 2023 tourt das Wolfgang Muthspiel  Trio mit dem Programm von “Dance Of The Elders” durch Europa. In Deutschland tritt es dann im Berliner A-Trane (10./11. Oktober), im Ella & Louis in Mannheim (12. Oktober), im Kölner Stadtgarten  (19. Oktober) und in der Hamburger Elbphilharmonie (21. Oktober) auf.