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Ledisi – Lost And Found

23.01.2008
Der Name Ledisi geistert bereits seit ein paar Jahren durch die Musikszene, und wann immer ihn prominente Kollegen in den Mund nahmen, waren sie voll des Lobes über die aus New Orleans stammende Sängerin und Songschreiberin. Als Ledisi vor ein paar Monaten bei einer Galaveranstaltung der Songwriters' Hall Of Fame eine hinreißende Interpretation des Hit-Klassikers “Unchained Melody” vortrug, erntete sie von den anwesenden gestandenen Showbusiness-Größen stürmischen Beifall, noch bevor der letzte Akkord verklungen war. 2006 gelang ihr bei der Urban Network-Konferenz dasselbe Kunststück mit einer A-cappella-Performance des Beatles-Evergreens “Yesterday” – das fachkundige Publikum raste schier vor Begeisterung. Und als sie kürzlich bei dem im Fernsehen live übertragenen Ella-Fitzgerald-Gedenkkonzert “We All Love Ella” ihre Version von “Blues In The Night” anstimmte, stahl sie vielen anderen auftretenden Künstlern von Rang und Namen glatt die Schau.
“Wo”, so mögen sich viele der Zuschauer gefragt haben, “hat diese Sängerin nur all die Zeit gesteckt?” Die Antwort darauf gibt sie einem nur allzu gerne: “Hier… die ganze Zeit.” Seit Ende der 90er Jahre gilt Ledisi nun schon als ein “musician’s musician” – hochgeschätzt von ihresgleichen, aber dem allgemeinen Publikum kaum bekannt. Dabei hat sie in den letzten Jahren unter anderem durch Gastauftritte auf Alben von Omar Sosa (“Bembon”/1999), der alternativen Rockband Third Eye Blind (“Blue”/1999), Poncho Sanchez (“Latin Spirits”/2001), Michael Franti & Spearhead (“Everyone Deserves Music”/2003) und Maysa (“Smooth Sailing”/2004) geglänzt. Schon diese Referenzen zeigen, daß man Ledisi musikalische Einseitigkeit nicht gerade vorwerfen kann.

Im zeitgenössischen Black Music-Untergrund bringt man Ledisi seit geraumer Zeit gehörigen Respekt entgegen und feiert sie dort als einen der inspirierendsten Freigeister. Gemeinsam mit ihrer Freundin und musikalischen Partnerin Sundra Manning (die zur Zeit als Organistin mit Prince spielt) gründete Ledisi 1999 das Label LeSun Records, um dort ihr erstes Album “Soulsinger” herauszubringen. In einigen Songs des Albums packte sie dabei Eisen an, die etablierten Plattenfirmen damals für eine Veröffentlichung vielleicht ein bißchen zu heiß waren: das Stück “Papa Loved To Love Me” etwa beschäftigte sich mit dem Thema Inzest und in dem Lied “Coffee” ging es um häusliche Gewalt. Sämtliche Stücke des Albums stammten von dem weiblichen Songwriter-Gespann Ledisi und Sundra Manning, zu dem sich bei einem Titel (“Hold On To Love”) auch noch Me’Shell NdegéOcello gesellt hatte.

2002 folgte mit “Feeling Orange But Sometimes Blue” ein Album, auf dem sich die Sängerin mit Standards wie “'Round Midnight”, “In A Sentimental Mood”, “Straight, No Chaser” und “Autumn Leaves” von ihrer jazzigeren Seite vorstellte. Wie Chaka Khan, ohne dabei allerdings auch nur annähernd wie diese zu klingen, besitzt Ledisi eine Stimme, die selbst noch in den zartesten Momenten stets ihr kraftvolles Potential offenbart.

Einen Durchbruch bei den urbanen amerikanischen Radiosendern, die sogenannte “adult contemporary music” spielen, erlebte Ledisi 2004 mit “My Sensitivity (Gets In The Way)”, einem Stück, das sie für das Luther-Vandross-Tribute-Album “Forever, For Always, For Luther” (GRP Records) aufgenommen hatte. Mit dieser Einspielung weckte sie endlich auch das Interesse der Verantwortlichen von Verve Records, die ihr zwei Jahre danach schließlich einen Vertrag anboten.

Bei der Aufnahme des neuen Albums “Lost And Found” stand Ledisi der Keyboarder Rex Rideout zur Seite, der bereits ihre Coverversion des Luther-Vandross-Songs produziert hatte. Rideout ist ein erfahrener Studiohase, der unter anderem schon mit Größen wie Roy Ayers, Al Jarreau, Lalah Hathaway und Angela Bofill zusammengearbeitet hat.

Frischen Wind in ihr Leben brachte Ledisi gleichzeitig auch durch den Umzug aus dem nordkalifornischen Oakland nach New York. “In Oakland hatte ich ein Haus und ein Auto. In New York lebte ich erst einmal in einem Schlafsack im Apartment eines Freundes und bewegte mich zu Fuß durch die Stadt”, erzählt die Sängerin. “Ich machte hier vollkommen neue Erfahrungen.”

Während sie sich durch Mitwirkungen an Off-Broadway-Produktionen und Oprah Winfreys mit einem Tony Award ausgezeichnete Bühnenversion von “The Color Purple” finanziell über Wasser hielt, schrieb sie eifrig an den ersten Songs für “Lost And Found”. Dann flog sie – zunächst noch auf eigene Kosten – nach Los Angeles, um dort mit den Aufnahmen zu beginnen. Bis sie schließlich den Vertrag von Verve angeboten bekam. “Bevor ich den Vertrag bei Verve erhielt, habe ich Songs geschrieben und aufgenommen, ohne zu wissen, woher das ganze Geld kommen sollte, um all meine Auslagen zu bezahlen”, erinnert sich Ledisi. “Es war wirklich kein Zuckerschlecken.”

Allerdings garantierte ihr diese größtenteils unabhängige Arbeitsweise auch die Musik von “Lost And Found” so aufzunehmen, wie sie ihr persönlich vorgeschwebt hatte. Nicht zuletzt deshalb klingt das Album so wunderbar organisch. Die fünfzehn oftmals zutiefst bewegenden Tracks von “Lost And Found” handeln von der Liebe und dem Leben und bieten stilistisch eine Mischung aus zeitgenössischem Rhythm’n'Blues, Soul, Jazz und Funk mit gelegentlichem HipHop-Einfluß.

“Ich habe hart daran gearbeitet, meine eigene Identität nicht aufzugeben, nur um in irgendeine Schublade zu passen”, erzählt die Künstlerin. “Deshalb haben wir für das Album auch oft die ersten Aufnahme-Takes verwendet, weil ich es gerne ein bißchen ungeschliffener habe. Aus dem gleichen Grund wollte ich auch unbedingt Sundra Manning bei den Aufnahmen dabeihaben.” Das einst untrennbare Gespann mußte seit Ledisis Umzug nach New York zwangsläufig getrennte Wege gehen. Die zwischenzeitliche Distanz tat der Freundschaft der beiden aber keinen Abbruch – auch musikalisch stimmt die Chemie zwischen ihnen, wie “Lost And Found” beweist, nach wie vor.

“Daß ich jetzt zur Verve-Familie gehöre, gibt mir ein bißchen das Gefühl, selbst ein klassischer Act zu sein”, sagt sie voller Stolz. “Mein absolutes Lieblingsalbum bei Verve ist Abbey Lincolns ‘A Turtle’s Dream’… und natürlich liebe ich sämtliche Alben von Ella! All die großen Jazzlegenden haben Platten für Verve aufgenommen und oftmals waren es die besten Alben ihrer Laufbahn. Jetzt habe ich als Rhythm’n'Blues-Künstlerin einen Vertrag bei einem Jazzlabel erhalten. Das mag in den Augen der meisten Leute keinen rechten Sinn ergeben, aber in meinen Augen tut es dies absolut.”

Wie Recht sie damit hat, bewies nicht zuletzt Ledisis unter die Haut gehender Beitrag zum Ella-Fitzgerald-Tribut. Ihre kraftvoll bluesig-swingende Version von “Blues In The Night”, die man auf dem Album “We All Love Ella: A Celebration Of The First Lady Of Song” hören kann, würzte sie zuerst clever mit Elementen des Rhythm’n'Blues und Funk, um sie schließlich mit einem absolut gelungenen Ausflug ins Fach des jazzigen Scat-Gesangs zu krönen. Für weitere Furore sorgte Ledisi, die gerade auch in einem neuen George-Clooney-Film mitwirkte, mit ihrer souligen “Devotion”-Interpretation für das ebenfalls kürzlich erschienene Album “Interpretations: Celebrating the Music of Earth Wind & Fire”.