Keith Jarrett | News | Intim und emotional: Lesermeinungen zu Keith Jarrett - Teil 3

Intim und emotional: Lesermeinungen zu Keith Jarrett – Teil 3

Keith Jarrett c Richard Termine / ECM Records
Keith Jarrett c Richard Termine / ECM Records© Richard Termine / ECM Records
30.11.2011
Liebe Leser,
nach der Auslosung unserer Gewinner zum JazzEcho-Spezial 40 Jahre Keith Jarrett „Solo Concerts“ –  Von Köln nach Rio in der vergangenen Woche, finden Sie nun hier einen großen Teil der eingegangenen Leserstimmen. Viel Vergnügen mit den Beiträgen wünscht Ihnen,
die JazzEcho-Redaktion
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Mich persönlich verbindet sehr viel mit den Solokonzerten Keith Jarretts. Dabei geht es mir wohl wie sehr vielen, die v.a. durch das Köln Concert auf Jarrett aufmerksam geworden sind und ihn somit lieben gelernt haben. Darüber hinaus ereignete sich mir eine wunderschöne Begebenheit, als ich 2007/08 mein Musikstudium am Mailänder Conservatorio G. Verdi fortsetzte.
Es gab ein Benefitzkonzert in der Mailänder Scala, zu dem ich mit viel Geduld und Glück eine Karte ergattern konnte. Das Konzert war großartig, doch damit nicht genug. Nach dem Konzert blieb ich noch einige Augenblicke im Saal, um die Wirkung nicht so schnell zu verlieren und nicht sofort in Menschenmassen zu geraten. Als ich meinen Mantel holen wollte sah ich am Ende der Garderobe eine kleine Gruppe, die aufgeregt mit Autogrammzetteln an einer Tür wartete. Ich stellte mich einfach dazu, kam mit einem ins Gespräch und erfuhr, dass diese Gruppe tatsächlich eine ‘Audienz’ gewonnen hatte. Ich verhielt mich heimlich ruhig, ließ mir nichts anmerken und wurde nach etwa 15 min tatsächlich mit durchgelassen und ins Künstlerzimmer zu Keith Jarrett geführt, wo es die Möglichkeit gab, Fragen zu stellen.
Als ich an die Reihe kam sprach ich ihn auf einige Störfälle an (Husten, sofortigen Beifall noch während der letzten Töne etc.), die mir aufgefallen waren und die in Bezug auf Jarretts berühmtberüchtigtes Verhältnis zum Publikum mir durchaus interessant erschienen. Und seine Antwort hat mich so sehr zum nachdenken bewegt, dass ich sie (wenn auch natürlich nicht wörtlich) nicht vergessen habe:
nämlich, dass es heute zu vielen Menschen an Ruhe und Konzentration fehle, sich auf tiefe Kunst und Gefühle überhaupt einzulassen. Es gibt zu viele Bildschirme auf der Welt, die unser Leben bestimmen und lenken und der Fantasie die Flügel stutzen. Jarrett sagte, er sei überzeugt davon, dass viele Menschen zu dem in der Lage wären, was er etwa an diesem Abend auf der Bühne vollbracht hätte, wenn ihre Seele nur nicht schon abgestumpft wäre. Er meinte, solche Menschen gehörten nicht in einen Konzertsaal, ohne in der Lage zu sein, innerlich folgen zu können und überhaupt zu wollen. Doch die einzige Altenative, solchen Störungen zu entgehen, sei für ihn, nicht mehr öffentlich aufzutreten, und daher keine wirkliche Alternative, wofür ich ihm (unter Zustimmung aller) dankte.
Ich denke, dass gerade diese Message für die junge, medialisierte Generation von immenser Bedeutung ist; die tiefe Schönheit von Musik und Kunst zu erleben; dass es sich lohnt und jede Beschäftigung wert ist. An der improvisierten, im Zauber genau jenes Momentes entstehenden Musik Keith Jarretts lässt sich meines Erachtens besonders gut nachvollziehen, wie wichtig und schön es ist und für jeden sein kann, einer solchen Kunst Raum zu geben, sowie die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Man wird tausendfach belohnt!

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“Long as you know you are living yours” ist der Titel eines Stücks von Mr. Jarrett, und zu diesem “yours” gehörte bei mir diese fortgesetzte Beschäftigung mit seiner Musik, ihren Wandlungen, dieses nie nachlassende Interesse bis heute. Welch eine Aufzählung würde es geben, würde ich beginnen, niederzuschreiben, was mich alles mit dieser Musik verbindet. Hier ist eine Erinnerung an das Konzert in Paris im Oktober 1988.
Ich war damals 33 und 23 Jahre später 56. Ich bin im Oktober 1988 spontan mit einer Mitfahrgelegenheit (2CV) nach Paris gefahren. Vor der Abfahrt habe ich mir noch schnell die französische Tageszeitung Libération besorgt. Auf dem Rücksitz des 2CV meine Zeitung lesend, sehe ich schließlich im Veranstaltungskalender, daß Keith Jarrett an diesem Wochenende ein Solokonzert  in der Salle Pleyel geben wird. Ich konnte es kaum glauben … und ich sitze bereits schon im Auto auf dem Weg dahin. Ich konnte mir dann noch ein Konzertkarte in der vorletzten Reihe des obersten Balkons besorgen. Später wurde dann nur der zweite Teil des Konzerts und die Zugaben veröffentlicht.
Dieser zweite Teil begann polyphon, als ob er Bach im Jenseits zeigen wollte, sieh mal, ich kann das auch. Und dennoch war es anders als Bach und mündete dann in einem pochenden, beharrenden, keine Entwicklung zulassenden Ostinato, das sich quälend lange hinzog … immer wieder dieses Pochen. Ich erinnere mich noch an eine Stelle mit an Schubert erinnernden weichen Dur-Akkorden. Selbstverständlich speist die Erinnerung sich auch aus dem Wiederhören der Schallplatte bzw. den Clips, die es mittlerweile auf Youtube gibt.
Die Franzosen rufen Bis!, wenn sie nach einer Zugabe verlangen und die zweite Zugabe, mit der das Konzert endete, war ein Blues, den er später immer mal wieder gespielt hat und der manchmal auch True Blues heißt. Hinter mir direkt vor der Wand saß ein Pärchen, vermutlich noch Schüler. Und als das Klatschen nachließ, als klar war, daß es keine weitere Zugabe geben würde, sagte sie auf dem noch dunklen Balkon beim Aufstehen zu ihm: C'était magique!  
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