Termine
Tomatito, Tomatito y Grupo
15.03.2020 Mainz, Frankfurter Hof
Tomatito y Grupo
Tickets kaufen

weitere Highlights
12.05.2020 Genève, Victoria Hall
Tomatito Flamenco Ensemble
Tickets kaufen

Artikel

30.09.2010

Vergesst Rodrigo!

Nicht ganz natürlich! Trotzdem hört sich die Welt der orchestralen Gitarrenmusik nach diesem Album ein wenig anders an. Denn der Flamenco-Meister Tomatito hat sich an die große Form gewagt, virtuos und famos

Tomatito, Vergesst Rodrigo! © Deutsche Grammophon / UMG Tomatito © Deutsche Grammophon / UMG

Es gibt ein paar Eckpunkte in der Welt des modernen Flamenco. Einer davon ist Camarón de la Isla, einer der bekanntesten und folgenreichsten Sänger seiner Zunft. Der 1992 verstorbene Großmeister der ritualisierten Emotion mehrte seinen Ruf nicht nur über seine eigene Kunst, sondern auch über die großartigen Gitarristen, die er zu seinen Begleitern auserkor. Der erste was Paco de Lucia, der ihm bis etwa 1984 zur Seite stand. Seit den späten Siebzigern wechselte er sich mit einem jungen Kollegen aus Almería ab, den man Tomatito nannte, weil er als Spross der Gitarristenfamilie Torres in die Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters trat, denen man beiden den Spitznamen „El Tomate“ gegeben hatte. Wie schon Lucia war auch der jüngere Kollege keiner der stilistischen Hardliner, sondern interessierte sich für die Möglichkeiten eines grenzüberschreitenden Verständnisses von Flamenco. Von 1992 an konnte man ihn zunehmend mit sehr unterschiedlichen Formationen erleben, etwa im Duo mit dem Latin-Jazz-Pianisten Michel Camilo, zuweilen auch als Gast von Pop-Produktionen wie bei Elton John oder als Filmkomponist („Bin ich schön?“ von Doris Dörrie).

Mit anderen Worten: Tomatito ist einer der Stars der spanischen Musikszene und darüber hinaus jemand, der neugierig über den Tellerrand seiner Sparte blickt. So konnte es auch dazu kommen, dass er sich mit der „Sonanta Suite“ an das orchestrale Genre heran wagte, um aus der Perspektive des modernen Komponisten und Virtuosen der Gitarre neue Gestaltungsdimensionen zu erschließen. Die Ursprünge des Werkes reichen zurück in das Jahr 2004, aufgenommen wurde es vier Jahre später unter der Mitwirkung renommierter Künstler wie Michel Camillo, seinem türkischen Saiten-Kollegen Erkan Ogur und seiner Tochter, der Sängerin Mari Angeles Fernández. Arrangiert wurde das opulente Stück von Joan Alberto Amargós, bei der Umsetzung standen Tomatito außerdem das Orquesta Nacional de España unter der Leitung Josep Pons zu Seite, so dass die Weltersteinspielung der “Sonanta Suite” in jeder Hinsicht beste Voraussetzungen hatte, um ein beeindruckendes Opus zu werden.

Das Resultat dieser aufwändigen Vorarbeit ist ein Unikat der modernen Gitarrenliteratur. Denn zum einen treffen hier die virtuose Ausdruckskraft und die kompositorische Kompetenz eines der besten Flamenco-Gitarristen der Gegenwart in einer Person aufeinander, zum anderen wird neues Klangterrain für das Instrument erschlossen, sowohl durch die Einarbeitung von Motiven wie etwa von Astor Piazzolla als Hommage in die Komposition, als auch durch Verknüpfung mit dem großen Klangkörper des Orchesters, das hier nicht mehr nur als Begleiter fungiert, sondern selbst sich zu einem Flamenco-Ensemble entwickelt. Als Bonus der “Sonanta Suite” sind außerdem vier Live-Mitschnitte von Liedern zu erleben, die Tomatito mit seiner regulären Tour-Band festgehalten hat. So ist dieses außergewöhnliche Album ein Fest für alle, die Gitarre lieben, und außerdem ein Schmuckstück jeder Sammlung, die neben den Klassikern von gestern auch ein Gespür für die Standards von morgen hat.