Über das Projekt

Seit Regisseur Walter Salles und Produzent Francis Ford Coppola bekanntgaben, dass sie zusammen Jack Kerouacs Kultbuch “On The Road” verfilmen würden, fieberten sowohl die Fans des Buchs als auch die Filmwelt gespannt dem Ergebnis entgegen. Am 4. Oktober 2012 soll der Film unter dem Titel “Unterwegs” endlich in die deutschen Kinos kommen. Der exzellent Film-Soundtrack erscheint allerdings schon jetzt. Er enthält beeindruckende Originalkompositionen und Einspielungen von Oscar-, BAFTA- und Golden-Globe-Preisträger Gustavo Santaolalla sowie eine Kollektion von Blues-, Bebop- und Balladenklassikern aus der Zeit, in der die Handlung spielt. Der brasilianische Filmemacher Walter Salles ist vor allem für sein Che-Guevara-Biopic “The Motorcycle Diaries” (“Die Reise des jungen Che”) bekannt, das 2005 den Oscar fur den besten Filmsong erhielt und für einen weiteren nominiert war. Salles’ Adaption von Kerouacs einflussreichem Beat-Ära-Klassiker über “Sex, Drogen und Jazz” besticht durch seine Authentizität, Metaphern und Nuancen. Und diese Elemente kanalisierte Gustavo Santaolalla auch brillant in seinen Original-Filmsoundtrack.

Santaolallas glimmend-elegante Originalkompositionen komplementieren und kontrastieren wunderbar die vielen Stimmungen des Romans, der eine ganze Generation prägte. Die Gelassenheit und Sinnlichkeit des hypnotischen “Roman Candles” sowie das langsam schwelende “Keep It Rolling” beschwören musikalisch Bilder von durchgemachten, pikanten Nächten in den späten 1940ern herauf. Das einnehemend atmosphärische “Reminiscence” und “I Think Of Dean” fangen wiederum die tiefe Traurigkeit des Delta-Blues ein, ohne das abgenützte Vokabular dieses Genres direkt zu benutzen.

Santaolalla ist erst der dritte Komponist, der es in der Geschichte der Academy Awards (vulgo: Oscars) geschafft hat, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Preis für die beste Original-Filmmusik einzuheimsen: dies gelang ihm mit “Brokeback Mountain” (2005) und “Babel” (2006). Doch der argentinische Komponist, der u.a. Kopf des Electrotango-Projekts Bajofondo ist, reüssierte längst nicht nur in der Filmmusik, sondern machte sich auch in der Folk-, Jazz- und Latinszene einen hervorragenden Namen, sowohl im eher traditionellen als auch progressiven Umfeld. Als Produzent gewann er bislang u.a. zwölf Latin-Grammys (2005 als Produzent des Jahres!) und zwei normale Grammys. Beim Score für “On The Road” konnte er mal wieder seine Jazzader ausleben.

“Ich wusste vom Start weg, dass ich keine Charlie-Parker-Imitationen wollte. Also kreierte ich einen Sound, der jazzige Elemente hat, aber eine eigene Persönlichkeit besitzt”, erklärt Santaolalla seinen musikalischen Ansatz bei den Szenen, die ihm ästhetischen Freiraum gewährten. Für diese Szenen suchte er Inspiration bei progressiven Komponisten, die Minimalismus, Primitivismus und klassische Musik miteinander verschmelzen. Dabei vertraute er darauf, dass seine Begleiter - der legendäre Jazzbassist Charlie Haden und der großartige Schlagzeuger Brian Blade - den Aufnahmen ein kühnes Bebop-Flair verleihen würden. Die Szenen, die einen authentischen afro-kubanischen Sound erforderten, ging Santaolalla mit besonderer Ehrfurcht an. Hier hielt er sich an das musikalische Vokabular jener Ära und arbeitete sogar mit einigen der Musiker zusammen, die Pioniere dieses Jazzablegers waren.

Lynn Fainchtein, die bereits bei sechs Oscar-prämierten Filmen (darunter “Babel”, “Maria Full Of Grace”, “21 Gramm” und “Precious”) als musikalische Beraterin fungiert hatte, übernahm die Auswahl der Songs aus dieser Epoche. Sie erstellte dafür sechs Listen mit jeweils 120 Titeln. Herausgefiltert wurden für den Soundtrack schließlich etwas weniger bekannte Meisterwerke von Billie Holiday (“A Sailboat In The Moonlight ”), Dinah Washington (“Mean And Evil Blues”) und Charlie Parker (“Ko-Ko”), aber auch Ella Fitzgeralds “I’ve Got The World On A String” sowie “Salt Peanuts” von Dizzy Gillespie und Charlie Parker. Die üppige Eleganz dieser Stücke kontrastiert wundervoll mit dem unheilschwangeren “Death Letter Blues” von Son House und Slim Gaillards neckisch swingenden Songs “Yep Roc Heresy” und “Hit That Jive Jack”.

“Wir haben uns wirklich intensiv mit der Musik der Jahre 1947 bis 1951 auseinandergesetzt. Walter wollte zwar Songs aus dieser Zeit, aber eben keine ‘Hits’. Er wollte Musik mit einer gewissen Stimmung”, erläutert Lynn Fainchtein. “Er wies auf spezielle Details im Fluss des literarischen Werks hin und suchte nach Musik, die denselben ‘Beat’ hatte. Es gibt stets den Subtext der Verrücktheit, selbst in den langsameren Liedern, die wir ausgesucht haben - er wollte Musik, die die ganze Zeit emotional provozierend sein sollte.”

Und dieses Kriterium erfüllen nicht nur die von Fainchtein ausgesuchten Klassiker, sondern auch Gustavo Santaolallas eigens für den Soundtrack von “On The Road” geschriebene Originale.