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Molly Johnson - Biografie - Molly Johnson - JazzEcho

Molly Johnson © Andrew MacNaughtan

19.06.2003
Molly Johnson
Molly Johnson

"To Jazz Hell And Back" steht in großen Lettern über einer Titelgeschichte zu Molly Johnsons neuem Album in der kanadischen "National Post". Sieht man sich das Photo dazu an, diese tiefen und traurigen Augen, die eindrucksvollen, energischen Wangenknochen, den sinnlich sentimentalen Schmollmund der Sängerin, ahnt man schnell das Schlimmste. Und dann noch diese vom Leben gezeichnete Stimme, irgendwo zwischen Macy Gray, Ella Fitzgerald und Tom Waits verlorener Schwester! Dabei hat Molly Johnsons ganz spezielle Jazzhölle rein gar nichts mit Pharmazeutika, Lebensleid oder Liebesqualen zu tun, mit erniedrigenden Exzessen oder teuflischen Highs.

"Die Jazzhölle ist eine ziemlich nette Hölle", meint sie sogar lachend. Und erklärt: Als schwarze Musikerin in Kanada Jazz zu singen, bedeutete für sie jahrelang nicht nur den Albtraum, die ewigen Stereotypen (s.o.) zu bedienen und die Vorfahrinnen nachahmen zu müssen, sondern natürlich auch noch schlecht dafür bezahlt zu werden. Tatsächlich begann Molly Johnson erst Anfang der 90er, im legendären Cameron House in Toronto, Jazz zu singen. Sie hatte dort eigentlich als Putzfrau angefangen. Nachdem der Besitzer in ihr die Sängerin der einst erfolgreichen, schließlich recht kläglich gescheiterten 80s-Bands "Alta Moda" und "Infidels" (immerhin der ersten schwarzen Rockband Kanadas!) erkannt hatte, durfte sie umsonst in einem Zimmer über dieser "artmusictheatrebar" wohnen - wenn sie ab und an ein paar Jazzstandards sang. Nach ein paar Wochen und immer noch enthusiastischeren Publikumsreaktionen, blieb das einzig Nervige am neuen Leben in der Jazzhölle, der ewig faule Vergleich mit Billie Holiday, den ihr einige Schreiberlinge anhängten. "Wenn Leute meinen: "Du bist wie Billie Holiday!" sage ich nur: "Nein, ich bin wegen Billie Holiday!", betont Molly Johnson und klingt dabei genau so schmerzhaft schön und herrlich zerbrechlich, wie beim Singen. Ihre Stimme, die inzwischen (und mit gutem Grund) zu den berühmtesten ihrer nordamerikanischen Heimat gehört und auch schon Quincy Jones, Stephane Grappelli, Nelson Mandela, Prince Charles und Lady Di begeisterte, erinnert in ihren lebenserfahrenen Qualitäten oberflächlich sicher auch an Billie Holiday und andere große Jazzsängerinnen. Dabei ist sie völlig echt, bemerkenswert eigen und so individuell wie anders. "Ich habe einfach nur zu viele Zigaretten geraucht", wiegelt sie ab. "Meine Geschichte ist ganz anders als Billies. Zuerst einmal: Ich weiß genau, wer mein Vater ist. Und er hat mich geliebt.
Außerdem bin ich glücklich verheiratet. Und habe zwei wunderbare Kinder. In Sachen Rassismus sind wir heute zwar noch nicht ganz geheilt, aber es geht uns schon viel besser als noch vor fünfzig Jahren. Nein, der Vergleich mit Billie Holiday hinkt!"

Dass Molly Johnson trotz ihrer eigentlich glücklichen Familienverhältnisse selbst einiges erlebt hat, ist unbestritten. Die Tochter eines schwarzen Sportlers aus Philadelphia und einer "kleinen weißen Unruhestifterin und Aktivistin" aus New York wuchs in Toronto auf. Ihr älterer Bruder Clark war damals schon ein bekannter Schauspieler; mittlerweile ist er ein begehrter Regisseur in Hollywood. Ihre Schwester Tabby machte sich in Film, Funk, Fernsehen und als eine der "Superfreak"-Sängerinnen für den Motown-Funkster Rick James einen Namen. Schon bald hängt auch das Familienküken Molly ihre Ballettschuhe an den Nagel und beginnt zu singen: Zuerst in Musicals, dann mit einer Discoband namens "Chocolate Affair", später, wie schon erwähnt, mit der kanadischen Funkrock-Kapelle "Alta Moda" und den Black Rock-Koalitionären "Infidels". "Ich bin schon sehr lange in diesem Geschäft", meint Molly Johnson mit einem wissenden Lächeln um die Katzenaugen. "Lang genug, um alle Enttäuschungen dieser Welt erlebt zu haben. Es geht immer hoch und runter, von den Charts zum Schafott. Das einzige was bleibt, ist die Musik."  

Mit ihrem jetzt auch bei uns erscheinenden dritten Soloalbum "If You Know Love" stellt sich Molly Johnson, in Kanada und Frankreich längst ein gefeierter und erfolgreicher Star, nun auch bei uns vor. "Ich wollte ein glückliches Album machen", sagt sie dazu. "Ich hatte einfach genug von traurigen Liedern. Und überhaupt: Glück ist die beste Rache an allen, die dir Böses wollen. Und Humor ist die beste Art und Weise, dieses bittersüße Glück zu vermitteln." So wirkt schon das Titelstück "If You Know Love", komponiert von Molly und ihrem Pianisten und Arrangeur Steve MacKinnon, trotz der sanft swingenden Eleganz der Musik und der heilen Liebeswelt der Texte eher dreist als naiv. Auch sonst schwingt eine laszive Lässigkeit ebenso mit wie ein tiefer Schmerz - von der wundersamen Bossa Nova "Let's Waste Some Time" über das soulige "Rain", das sie gemeinsam mit Lenny Kravitz' Gitarristen Craig Ross geschrieben hat (das Video dazu rotiert schon auf youtube), bis zum Chanson-schönen "Triste Souvenirs". "All diese Songs sind meine Babys", meint Molly Johnson, die als zweifache Mutter sehr wohl weiß, was das bedeutet. "Aber das heißt natürlich nicht, dass sie alle autobiographisch sind. Ich höre einfach gerne zu, wenn andere sich unterhalten - in der Straßenbahn, im Café oder auch bei meinen Freunden. Sogar wenn ich einen Song covere, will ich Respekt zeigen. Aber obwohl ich kein Wort des Textes ändere, bedeutet es natürlich etwas ganz anderes, wenn ich heute etwa "But Not For Me" singe. Und, mal ehrlich: Wer mag die Gershwins nicht?" Neben den beiden Standards des Albums, also auch Cole Porters "Let's Do It", fällt vor allem ihre gefühlvolle Version von Bruce Springsteens AIDS-Hymne "Streets of Philadelphia" aus den 80ern auf. "Mein französischer Labelchef meinte, es wäre passend, den Song zu covern, weil ich mich so sehr für AIDS-Kranke engagiere", meint Molly Johnson, die mit ihrer eigenen Kumbaya Foundation einige Millionen Dollar gestiftet hat und sich momentan auch für 28 weitere karitative Organisationen, z.B. Unicef und Unesco, einsetzt. "Ich kannte den Song - aber natürlich nicht richtig. Wir hörten ihn uns noch mal in Ruhe an, mein Pianist schrieb dann über Nacht ein Arrangement und wir nahmen den Song sofort auf - in zwei oder höchstens drei Takes."

Ohnehin entstand dieses Album so spontan, wie es Molly Johnsons Anspruch und Art entspricht. In nur zwei Wochen waren alle Songs für "If You Know Love" aufgenommen und abgemischt. "Wir haben immer alle live und zusammen gespielt, ohne jegliche Overdubs", bemerkt die Bandleaderin stolz. "Meine Jungs sind einfach wunderbare Musiker, jeder für sich und vor allem zusammen." Gemeinsam mit diesen "Jungs" und natürlich der Saxophonistin und Flötistin Colleen Allen und einigen Gästen, präsentiert Molly Johnson jetzt also "If You Know Love". Egal ob hoffnungslos romantisch oder hoffnungsloser Fall in Sachen Romantik: Das Zeug zur Lieblingsmusik hat Molly Johnsons höllisch herzliches und himmlisch humoriges Ausnahmealbum "If You Know Love" allemal.

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