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Biografie von Marcus Strickland's Twi-Life

"Man sollte vorsichtig damit sein, was man alles als neu bezeichnet", sagt der Saxophonist und Komponist Marcus Strickland. "Ich versuche nicht etwas Neues zu kreieren, sondern denke stattdessen darüber nach, was mich umgibt. Alles wird von irgendetwas anderem beeinflusst. Im Buch Ecclesiastes heißt es: ‘Es gibt nichts Neues unter der Sonne.’"

 

Marcus Strickland mag philosophisch klingen, wenn er über "Nihil Novi" spricht, sein bemerkenswertes Debütalbum für Blue Note/Revive. Aber das sollte einen nicht dazu verleiten zu denken , dass seine Musik nur den Kopf anspricht. Sie geht definitiv auch zu Herzen und in die Beine. Gemeinsam mit der Produzentin Meshell Ndegeocello schöft er auf "Nihil Novi" aus einem Klanguniversum, das sich von J Dillas Hip-Hop-Beats bis zu Béla Bartóks ungarischer Volksmusik erstreckt, von Fela Kutis treibendem Afrobeat bis zu Charles Mingus’ unverblümten Jazzwahrheiten. Dies ist Musik des Volkes für das Volk.

 

Seit der Jahrtausendwende hat der aus Miami stammende Marcus Strickland in der modernen Jazzszene unauslöschliche Spuren hinterlassen. Nicht nur durch das Zusammenspiel mit Titanen wie Roy Haynes, Dave Douglas und Jeff "Tain" Waits, sondern auch mit seiner eigenen Band Twi-Life, mit der er das Genre neu belebt hat. Seit seinem Debütalbum "At Last", das 2001 bei Fresh Sounds/New Talent erschien, hat er kontinuierlich ein beeindruckendes Œuvre erschaffen. Letztes Jahr steuerte Marcus eines der Highlights zu dem Album "Supreme Sonacy Vol. 1" bei, mit dem Blue Note seine spannende Kooperation mit der Live-Musik-Agentur Revive Music begann. Mit der Sängerin Christie Dashiell bot er eine absolut fesselnde Version von Janet Jacksons 1986er Quiet-Storm-Klassiker "Let’s Wait Awhile". Die New York Times hob diesen Track besonders hervor und schrieb, dass er "die Messlatte für schwelende R&B-Coverversionen erreicht, die das Robert Glasper Experiment gesetzt hat".

 

Auf "Nihil Novi" knüpft er an die klangliche Atmosphäre von "Supreme Sonacy" an. Aber dank Ndegeocellos Hilfe bei der Produktion kann Strickland diesmal ein noch weiteres musikalisches Terrain abstecken. Das Herzstück ist aber immer noch die jüngste Inkarnation seiner Band Twi-Life, die mit Trompeter Keyon Harrold (bekannt durch seine Arbeit mit R&B- und Hip-Hop-Künstlern wie D’Angelo, Erykah Badu, Jay-Z und Common), Bassist Kyle Miles, Schlagzeuger Charles Haynes, Organist Mitch Henry und Keyboarder Masayuki Hirano besetzt ist. An der Einspielung von "Nihil Novi" wirkten außerdem noch die Sängerin Jean Baylor (einst  Teil des R&B-/Hip-Hop-Duos Zhané), die Bassisten Pino Palladino und Meshell Ndegeocello, Keyboarder James Francies, Schlagzeuger Chris Dave, Gitarrist Chris Bruce und Pianist Robert Glasper mit.

 

"Nihil Novi" enthält ausschließlich Originalkompositionen und reflektiert Stricklands Leidenschaft für DJ-Beat-Produktionen. Diese haben sowohl die Art, wie er komponiert, geformt als auch die Art, wie er improvisiert. Das war auch der Grund, weshalb er Ndegeocello als Produzentin für dieses Album haben wollte. "Wegen all der Schichten und Texturen, die wir verwenden, wollte ich jemanden, der sehr viel Erfahrung darin hat, solche Musik zu produzieren und zu erschaffen", erklärt Marcus. "Meshell steht über Genres; sie richtet sich nicht nach ihnen. Sie richtet sich nur danach, wer sie selbst ist, als Mensch. Und das ist genau das, was ich selbst auch mache. Ich habe kein Interesse daran, mich einem bestimmten Genre unterzuordnen; ich möchte mich musikalisch als Mensch ausdrücken."

 

Die DJ-Kultur mag "Nihil Novi" zwar weitgehend inspiriert haben. Aber Strickland spielt hier nicht einfach Jazzsoli über Hip-Hop-Vorlagen. Er benutzt seine Samples als Grundlagen, um ihnen dann schichtweise Harmonien, Melodien und Rhythmen hinzuzufügen. Der hypnotische Opener "Tic Toc" ist dafür ein perfektes Beispiel. Strickland basierte seinen Triolenrhythmus auf den Cajón-Trommel-Patterns des Songs "Maria Lando" der afroperuanischen Sängerin Susana Baca. "Als ich die Patterns durch einen Hochpass-Filter laufen ließ, klang es wie eine Uhr. Also schuf ich diesen Beat, den ich ‘Tic Toc’ nannte", erläutert er. "Und aus dem Beat entwickelte sich der Song." Die Einzigartigkeit von "Tic Toc"offenbart sich in der sich wiederholenden beschwörenden Melodie, die Strickland und Harrold gemeinsam blasen, bevor ein mantraähnlicher Gesangschorus dem philosophischen Grundgedanken von "Nihil Novi" Stimme verleiht.

 

Béla Bartóks "15 ungarische Bauernlieder", die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen, inspirierten Strickland zu der üppigen harmonischen Palette und rhythmischen Stimmung von "Talking Loud". Markiert von auf- und absteigenden Akkorden, gebrochenen Drum-Beats, träumerischen Bläsermelodien und Baylors engelsgleichem Lead-Gesang klingt das Stück wie eine moderne R&B-lastige Midtempo-Gospelballade. Als sich Strickland näher mit Bartóks Musik befasste, entdeckte er eine überraschende Verbindung zu den Arbeiten des 2006 gestorbenen Hip-Hop-Produzenten J Dilla. "Bartóks Phrasierung hat oft dieselbe Art von Swing wie sie viele von Dillas Beats haben", meint Strickland. "Und dieser Swing gibt dem Hörer das Gefühl, dass die Dinge voraneilen." Nachdem er das Bartók-Original gesamplet hatte, kehrte er es um, um die gospelähnliche harmonische Sprache zu erhalten, bevor er es mit seiner eigenen Instrumentation ausstattete.

 

Baylors markante Stimme und ihre aufschlussreichen Lyrics schmücken noch zwei andere Songs des Albums: "Alive" bietet ein von Bassklarinette und Tenorsax gespieltes Motiv, hypnotische Keyboard-Texturen, strahlende Trompeteneinwürfe und einen relaxten Backbeat, der einen zum Kopfnicken einlädt; "Inevitable" ist eine sinnliche Soul-Jazz-Ballade, bei der Baylors Stimme von den gedämpften dunklen Klängen von Bassklarinette, Tenorsax und Trompete sowie Glaspers blauäugige Keyboard-Tönungen akzentuiert wird.

 

Die Inspiration für das Interludium "Mantra" bezog Strickland (der hier wieder zur Bassklarinette griff) von der  #BlackLivesMatter-Bewegung und dem Hip-Hop-Produzenten Madlib. "Ich mag, wie Madlib seltsame Instrumente und Texturen zwischen der Bass- und der Obermelodie  verwendet", sagt Strickland. "Er würde ein Holzbläserensemble, eine Oboe oder ein Akkordeon benutzen, um so etwas wie bewegliche Teile zu erschaffen, mit denen er die anderen Einzelteile zusammenfügen kann."

 

Diverse Einflüsse, die von J Dilla bis McCoy Tyner reichen, prägen atmosphärische Instrumentalstücke wie "Cycle", "Drive" und das zunächst sehr verträumt beginnende "Celestude", das plötzlich zu einer Funk-Nummer mutiert.

 

Einen Einblick in Seele des Menschen Marcus Strickland erhält man in dem gospelgefärbten Track "Truth". "Was mich am meisten antreibt, ist nach Wahrheit zu streben, so ehrlich wie nur möglich zu sein", erläutert er. Welche Bedeutung die Familie hat erfährt man in dem Interludium "Cherish Family". In dem Stück spricht sein Zwillingsbruder E.J. Strickland (der übrigens ein gefeierter Schlagzeuger ist) darüber, welche Werte ihnen ihr Vater Michael vermittelt hat.

 

"Sissoko’s Voyage" ist eine musikalische Verbeugung vor dem aus Mali stammenden Kora-Spieler Bazoumana Sissoko. Strickland und Harrold spielen die Melodie hier unisono, während die Rhythmusgruppe dem Stück einen überschwänglichen, aber geschmeidigen malischen Einschlag verleiht. "Es gibt da einen Stapel von Beats, die ich ‘Afrique’ genannt habe", sagt Strickland. "Und viele dieser Beats habe ich von ihm gesamplet." Über viele Jahre hinweg war Strickland Mitglied der Mingus Big Band. Auf "Nihil Novi" zollt er dem legendären Bassisten und Komponisten mit einem nach ihm benannten Stück  nun seinen Tribut. 

 

"Nihil Novi" endet mit dem von einem Afrobeat angetriebenen Stück  "Mirrors", mit dem Marcus Strickland an den kulturellen Austausch zwischen Fela Kuti und James Brown erinnern möchte. In einem cleveren Dialog scheinen Strickland und Harrold hier die beiden Musikikonen zu verkörpern und sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen. Der Song verwandelt sich schließlich in eine atmosphärische Hip-Hop-Electronica-Nummer, die ein Vorgeschmack auf das sein könnte, was man von Marcus Strickland in Zukunft noch erwarten kann.