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07.07.2011

Out Of A Dream - Lee Konitz, Brad Mehldau, Charlie Haden und Paul Motian mit „Live At Birdland“

Lee Konitz, Out Of A Dream © John Rogers / ECM Records iPad Brad Mehldau, Lee Konitz, Charlie Haden, Paul Motian c John Rogers / ECM Records

Jazz kann in unserer Zeit so vieles sein. Wie auch immer man ihn beschreiben will, bleibt er in jedem Fall die einzige Kunstform, die sich seit Anbeginn über die notwendige Fähigkeit definiert, sich selbst zu überwinden. Lee Konitz, Charlie Haden, Brad Mehldau und Paul Motian sind vier Musiker, die zu unterschiedlichen Epochen maßgebliche Beiträge zur Entwicklung dieser Kunstform geleistet haben.

Text: Wolf Kampmann | Foto: John Rogers / ECM Records

Konitz ist seit den vierziger Jahren dabei, als er zunächst bei Claude Thornhill einstieg und dann an Miles Davis’ bahnbrechenden Aufnahmen zu „Birth Of The Cool“ beteiligt war. Brad Mehldau gilt seit den neunziger Jahren als eine der wichtigsten Figuren im Piano-Jazz. Paul Motian und Charlie Haden bildeten die unvergessliche Rhythmusgruppe des Keith Jarrett Quartets und haben separat an hunderten berühmter Jazzplatten von Ornette Coleman bis Bill Evans mitgewirkt. Wenn die vier hier zusammen im New Yorker Traditionsclub Birdland spielen, bringen sie viele Geschichten mit. Konitz, Mehldau und Haden hatten ja in den neunziger Jahren schon zwei Trioalben aufgenommen, doch denen fehlte es noch an der nötigen Tiefe. Diese erlangen sie nun im Quartett mit Paul Motian.
Doch wo treffen sich die vier Unermüdlichen? Jeder von ihnen steht für eine Vielzahl von Innovationen im Jazz. Und doch greifen sie in dieser Konstellation auf Standards aus der Jazzgeschichte zurück. Die Einzigartigkeit dieser Einspielung besteht in ihrer unvergleichlichen Mischung aus Minimalismus und Eleganz. Keiner der vier Musiker prescht vor. Sie manifestieren ihre individuellen Stärken, indem sie zu keinem Zeitpunkt intellektuell oder handwerklich die Muskeln spielen lassen. Stattdessen verführen sie mit emotionaler Nähe und einer tiefen Empathie für die selbst erlebte Jazzgeschichte. Wenn man es im Publikum husten hört, spürt man die intime Enge und die knisternde Spannung des Clubs. Als Hörer fühlt man sich mitten ins unmittelbare Spielgeschehen hineingezoomt.
Jazz kann so vieles sein. Vor allem aber ist er zu jedem Zeitpunkt die jeweils lebendigste Verbindung von Erinnerung und Ausblick, die organischste Synthese von Individuum und Community sowie die spontanste Annäherung von Tradition und Moderne. Lee Konitz, Brad Mehldau, Charlie Haden und Paul Motian öffnen die Tür zu einem vierdimensionalen Raum. Sie spielen keinen Free Jazz im klassischen Sinne des Begriffs, sondern interpretieren ihre Auffassung von tradiertem Jazz mit einem derart ausgeprägten Sinn für unlimitierte Freiheit, dass es schon fast wie jugendlicher Leichtsinn anmutet. So und nicht anders muss das sein.