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23.10.2020

Keith Jarrett verkündet endgültigen Abschied von der Bühne

In einem offenen Interview mit Nate Chinen von der New York Times teilte Keith Jarrett mit, dass er 2018 zwei Schlaganfälle erlitt und wahrscheinlich nie mehr Konzerte geben kann.

Keith Jarrett, Keith Jarrett verkündet endgültigen Abschied von der Bühne Daniela Yohannes Keith Jarrett

Seit Keith Jarrett im März 2018 aus "gesundheitlichen Gründen" kurzfristig einen Auftritt in der Carnegie Hall absagen musste, herrschte in der Szene Rätselraten. Und je länger eine Neuansetzung dieses und anderer geplanter Konzerte auf sich warten, desto mehr Sorgen machten sich Musikerkollegen, Fans und Kritiker um den schweigsamen Star. Viele erinnerten sich sofort an eine andere Krankheitsepisode des Pianisten. 1996 hatten Ärzte diagnostiziert, dass Jarrett am sogenannten Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS - Chronic fatigue syndrome) litt. Die Krankheit führt zu lähmender geistiger und körperlicher Erschöpfung. Gerade die energiezehrenden Soloauftritte waren für Jarrett in der Folge nicht mehr zu bewältigen. Zwei Jahre lang hielt ihn die Krankheit ganz von der Bühne fern. Die improvisierten Solokonzerte, für die er so berühmt war, konnte er sogar erst wieder ab 2002 absolvieren.

Diesmal ist zu befürchten, dass mit einer Rückkehr leider nicht zu rechnen ist. Denn wie man am 21. Oktober durch einen ausführlichen Artikel in der New York Times erfahren musste, hatte Jarrett 2018 binnen weniger Monate zwei Schlaganfälle erlitten, von denen er sich bis heute nicht erholt hat. In Telefongesprächen mit dem NYT-Kritiker Nate Chinen verriet der Pianist: "Meine linke Seite ist immer noch teilweise gelähmt. Ich kann versuchen, mit Hilfe eines Stocks zu gehen, aber ich brauchte über ein Jahr, um das zu lernen. Ich kann mich wirklich nur sehr mühsam in meinem Haus bewegen."

Durch die Schlaganfälle wurde aber nicht nur seine Motorik erheblich beeinträchtigt, sondern auch sein Erinnerungsvermögen. Als Jarrett, der am 8. Mai seinen 75. Geburtstag beging, kürzlich in seinem Heimstudio ein paar bekannte Bebop-Nummern spielen wollte, stellte er zu seinem Erschrecken fest, dass er sich nicht mehr an sie erinnern konnte. "Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen soll", gestand Jarrett gegenüber Nate Chinen. "Ich fühle mich im Moment nicht wie ein Pianist. Das ist alles, was ich dazu sagen kann."

Für die Fans dieses Ausnahmekünstlers mag es ein schwacher Trost sein, dass am 30. Oktober ein neues Doppelalbum erscheint, auf dem noch ein fantastisches Solokonzerte dokumentiert ist: dass "Budapest Concert" wurde am 3. Juli 2016 im Rahmen von Keith Jarretts letzter großen Europa-Tournee in der Béla Bartók National Concert Hall aufgezeichnet. Und natürlich besteht auch noch Hoffnung, dass der umjubelte Auftritt, den der Pianist im Februar 2017 in der Carnegie Hall gegeben hatte, bald das Licht der Welt erblickt.

Hier können sie den Artikel der New York Times lesen.