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06.06.2019

Zum 70. Jubiläum von Prestige Records - John Coltrane auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Die Box "Coltrane '58 - The Prestige Recordings" enthält sämtliche Aufnahmen aus dem Jahr, in dem John Coltrane endgültig zu seiner eigenen Stimme fand und den "sheets of sound"-Stil kreierte.

John Coltrane, Zum 70. Jubiläum von Prestige Records - John Coltrane auf dem Weg zur Unsterblichkeit Esmond Edwards John Coltrane

Obwohl seit John Coltranes viel zu frühem Tod schon 52 Jahre verstrichen sind, scheint es, als seien die Bedeutung und der Einfluss des legendären Saxophonisten heute größer denn je. Das zeigte sich letztes Jahr, als von der CD "Both Directions At Once", die verschollen geglaubte Studioaufnahmen Coltranes enthielt, allein in der ersten Woche über 100.000 Exemplare verkauft wurden. Einen Beweis für die ungebrochene Relevanz des Saxophonisten liefern aber auch hippe zeitgenössische Instrumentalkollegen wie Kamasi Washington, Shabaka Hutchings oder Marcus Strickland, die mit coltranesker Spiritualität und Verve gerade ein jüngeres, nicht nur auf Jazz fixiertes Publikum erobern. In seiner tragisch kurzen Solokarriere - die 1957 begann und 1967 mit seinem Tod endete - erwies sich John Coltrane als unerschrockener Geist, der sich in einem geradezu fieberhaften Tempo entwickelte. Und das Jahr, in dem ihm der Durchbruch gelang, war 1958, als er mit dem gereiften Klang seines Saxophons auf mehr offene Ohren stieß und sich seine Soloaufnahmen immer besser zu verkaufen begannen. In der Box "Coltrane '58: The Prestige Recordings" (die es sowohl in einer Edition mit acht audiophilen Vinyl-LPs und einer Ausgabe mit fünf CDs als auch im digitalen Format gibt) ist die spannende Story dieses Jahres Session für Session dokumentiert. Enthalten sind alle 37 Tracks, die Coltrane in diesen zwölf Monaten als Leader oder Co-Leader für Prestige Records aufgenommen hat. Die Kollektion präsentiert den damals 31-Jährigen in kreativer Höchstform. Man erlebt ihn in der Phase, in der er seinen charakteristischen Improvisationsstil entwickelte, dem der Jazzjournalist Ira Gitler bekanntlich den Namen "sheets of sound" gab.

 

"Die Tonqualität", befand Hal Horowitz in American Songwriter, "ist durchweg hervorragend, von einer solchen Präsenz und Unmittelbarkeit, dass es scheint, als wären diese Musiker mit einem im selben Raum. Dass Bass und Schlagzeug in einem Kanal isoliert wurden und  Saxophon und Trompete in dem anderen mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber es haut einen um, wie lebendig und zeitgemäß dies wirkt. Wenn man bedenkt, dass die Bänder 60 Jahre alt sind, ist die Klangtreue atemberaubend. Und über hochwertige Kopfhörer verstärkt sich dieses Gefühl noch... diese wunderschön gearbeitete, leinenbezogene Box ist unerlässlich, um die frühen, ziemlich prägenden Jahre seiner überlebensgroßen musikalischen Persönlichkeit zu würdigen..."

 

"Coltrane '58" vereint das typische Jazzrepertoire jener Zeit - Blues-Nummern, Bebop-Standards und bekannte Balladen - mit Eigenkompositionen und obskuren Stücken, die Coltrane wiederentdeckt hatte. Der Saxophonist zeigt hier seine emotionale Tiefe und sein instrumentales Können, dehnt aktiv den Klang und erhöht die Intensität. Neben endgültigen Versionen von "Lush Life", "Lover Come Back To Me", "Stardust", "Good Bait" und "Little Melonae" enthält die Box erste Aufnahmen von Originalen wie "Nakatini Serenade", "The Believer", "Black Pearls" und "Theme For Ernie" sowie ausgedehnte Tenorsax-Kraftakte in Stücken wie "Russian Lullaby", "Sweet Sapphire Blues" und "I Want To Talk About You", bei denen Coltrane schon die stratosphärischen Höhen erahnen lässt, die er in den 1960er Jahren vollends erreichen sollte.