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01.03.2018

Melody Gardot - nichts an außer dem Verstärker

Auf LP besonders opulent: Aus über 300 in vier Jahren mitgeschnittenen Konzerten hat Melody Gardot die gelungensten Aufnahmen für "Live in Europe" zusammengestellt.

JazzEcho-Plattenteller, Melody Gardot - nichts an außer dem Verstärker JazzEcho Plattenteller - Melody Gardot

Na - das ist mal eine beeindruckende Vinyl-Box: Ein fast mauerdicker Schuber aus extrem stabiler Pappe bietet Platz für drei Gatefold-Alben, die insgesamt 540 g schweres, auf fünf Seiten bespieltes Vinyl enthalten. Warum sich auf der F-Seite keine Rille mit Musik, sondern nur Gardots geätzte Unterschrift befindet, kann der Autor nicht erklären. Weigert sich aber davon auszugehen, dass dies einem Mangel an veröffentlichungswürdigem Material geschuldet sein könnte - die Verschwendung wertvollen Klangraumes zu Gunsten einer industriell gefertigten Künstler-Signatur ist beileibe nicht das einzige Mysterium dieser Publikation. 

Erratisch auch die Cover-Gestaltung: Behängt nur mit einer Gitarre, die irgendwie als überdimensioniertes Feigenblatt fungiert, hatte Gardot bei diesem Soundcheck wohl nichts weiter an als einen Verstärker. Ob die von hinten splitterfasernackte Sängerin einfach nur fortsetzt, was auf dem lasziven "The Absence"-Cover seinen Anfang nahm, oder ob ihr die Visualisierung ihrer Empfindungen auf einer Konzertbühne ("nackt und verwundbar") bei der Bewältigung hilft - unbestimmbar.

Dabei kann Gardot noch mit ganz anderen Pfunden wuchern, wie die Zusammenstellung eindrucksvoll belegt. Nachvollziehbar vor allem mit Songmaterial ihrer beiden mit großem Abstand kommerziell erfolgreichsten Alben "My One and Only Thrill" und "The Absence" bestückt, verwundert lediglich, dass die auch des Portugiesischen mächtige Musikerin kein einziges Stück ihres Debüts "Worrisome Heart" und lediglich drei Songs ihres zuletzt veröffentlichten Studio-Albums "Currency of Man" ("Bad News", "Morning Sun" und "March For Mingus") zu Gehör bringt. Dafür entpuppt sich insbesondere Letzteres allerdings als faustdicke Überraschung; das im Original nur knapp einminütige Intermezzo wird dank der famosen Tiefton-Arbeit von Bassist Sam Minaie sowie des Charles Mingus zu "At The Bohemia"-Zeiten huldigende Bläser-Ensembles in der zweiten Hälfte der Darbietung auf über elf Minuten gestreckt. Dass ausgerechnet diese Nummer eine der wenigen ist, bei denen die sonst überwiegend auf extrem leisen Sohlen daherkommende Gardot so dermaßen aus sich herausgeht, wie man es sonst von ihr weder kennt geschweige denn erwartet, bleibt ein winziger Wermutstropfen. 

Denn ansonsten überzeugt das Triple-LP-Live-Paket als ein außergewöhnliches Stück Musik, das nicht nur dramaturgisch sinnvoll und klug inszeniert wurde - das Tracklisting erzählt eine Geschichte, die ihren Klimax auf den Seiten D und E erfährt, um die Hörer mit einem finalen und maximal versöhnlichen "Morning Sun" zu entlassen. "Live In Europe" präsentiert die versatile Gardot als Entertainerin, die Bühne, Band und Publikum mehr als nur im Griff hat: sie folgen ihr bedingungslos.

Thomas Kühnrich