Biografie von Eliane Elias

Die Zahl der musikalischen Wunderkinder, denen es gelingt später zu einem weltweit anerkannten Star aufzusteigen, ist sehr viel geringer als man vermutet. Die meisten landen schnell im Mittelmaß oder wechseln, nachdem ihr früher Stern verglüht ist, in einen ganz anderen Beruf. Eine, die die Metamorphose vom Wunderkind zum internationalen Star geschafft hat, ist die brasilianische Pianistin, Sängerin und Komponistin Eliane Elias. 1960 in São Paulo geboren, erhielt sie ab ihrem siebten Lebensjahr Klavierunterricht. Ihre außergewöhnlichen Talente offenbarten sich schnell: schon nach kurzer Zeit meisterte sie auch anspruchvollste Stücke und besaß zudem das, was man ein “absolutes Gehör” oder “perfektes Ohr” nennt. Mit dem hörte sie sich Platten von Oscar Peterson, Bud Powell, Art Tatum, Wynton Kelly, Bill Evans und anderen großen Jazzpianisten an und transkribierte ihre Soli oder spielte aus dem Stegreif gleich dazu mit. Ab dem 13. Lebensjahr besuchte sie das Centro Livre de Aprendizagem Musical (CLAM), das der Pianist Amilton Godoy gerade mit seinen Kollegen vom legendären Zimbo Trio in São Paulo  gegründet hatte. Unter Godoys Fittichen machte Eliane schnell große Fortschritte. Vier Jahre später wurden drei weitere Legenden der brasilianischen Musik auf sie aufmerksam: Antônio Carlos Jobim, Vinícius de Moraes und Toquinho. Sie nahmen die erst 17-Jährige auf Tourneen durch Brasilien und Südamerika mit. In dieser Zeit entwickelte sie eine Methode, Samba-Rhythmen auf das Klavier zu übertragen - und diese Spielweise ist bis heute eines ihrer Markenzeichen. Mit all den Kontakten, die sie zu diesem Zeitpunkt geknüpft hatte, hätte es sich Eliane Elias in Brasilien, wo ihr bereits alle Türen offen standen, bequem machen können. Doch sie hatte größere, andere Ambitionen.

 

Deshalb verließ sie das warme Nest mit 21 Jahren, um sich dem mit sehr viel härteren Bandagen geführten Konkurrenzkampf in der New Yorker Jazzszene zu stellen. Zu ihrer großen Überraschung wurde sie dort aber sofort mit offenen Armen aufgenommen. Starthilfe leisteten ihr u.a. der Vibraphonist Mike Mainieri und und der Trompeter Randy Brecker. Ersterer holte sie 1982 als Ersatz für Don Grolnick in seine Fusion-Band Steps Ahead. Brecker heiratete Eliane  und nahm mit ihr 1985 das Album "Amanda" auf, das der gemeinsamen, ein Jahr zuvor geborenen Tocher - heute selbst ein international bekannte Sängerin - gewidmet war. Ihr erstes Soloalbum "Illusions" spielte Elias 1986 mit den Schwergewichten Stanley Clarke, Eddie Gomez, Al Foster, Lenny White und Steve Gadd sowie Gaststar Toots Thielemans ein. Auf ihren Soloalben offenbarte die Pianistin und Sängerin meist die beiden musikalischen Seelen, die in ihrer Brust wohnen: die brasilianische reflektierte sie mit Interpretationen klassischer Sambas, Bossas und MPB-Songs, die jazzige mit Darbietungen von Standards. Verschmolzen wurde beide Seelen darüberhinaus in selbst geschriebenen Stücken.

 

1991 erschien mit "A Long Story" ihr erstes Album mit ausschließlich eigenen Kompostionen, dem wiederum zwei dezidiert brasilianische Produktionen folgten: "Fantasia" (1992) und "Paulistana" (1993). Dann unternahm sie auf "On The Classical Side" (1993) mit Werken von Heitor Villa-Lobos, Maurice Ravel, Johann Sebastian Bach und Frédéric Chopin einen Seitensprung ins klassische Fach. Für "Solos and Duets", eingespielt mit Herbie Hancock, erhielt sie 1995 ihre erste Grammy-Nominierung. Im selben Jahr begleitete sie den Tenorsaxophonisten Joe Henderson außerdem auf "Double Rainbow: The Music of Antonio Carlos Jobim”. 1998 nahm sie mit "Eliane Elias Sings Jobim" selbst ein Songbook-Album auf, das dem Bossa-Schöpfer gewidemt war. Ihrem Vorbild Bill Evans huldigte sie wiederum 2008 auf "Something For You". Nach einem guten Dutzend Alben für Blue Note, wechselte Eliane Elias 2011 zum Label Concords Records. Dort brachte sie u.a. 2015 das Album "Made In Brazil" heraus, für das sie im Februar 2016 ihren ersten Grammy erhielt.

Zu hören ist sie auch auf zwei ECM-Alben des Bassisten Marc Johnson ("Shades Of Jade" und "Swept Away"), mit dem sie heute verheiratet ist.

 

Auf ihrem jüngstes Soloalbum "Dance Of Time" (2017), das sie wie den Vorgänger “Made In Brazil” in ihrem Geburtsland aufgenommen hat, versucht Eliane Elias in zwölf Stücken das gesamte musikalische Spektrum ihrer Karriere abzudecken. Entstanden ist es mit einer Reihe von Musikern, die sie besonders inspiriert hatten und bei ihrer Entwicklung bedeutende Rollen spielten.

Januar 2017