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16.02.2018

Andy Sheppard Quartet - Impressionismus mit gehörigem Drive

Auf seinem zweiten Album "Romaria" verlagerte das Andy Sheppard Quartet seinen musikalischen Schwerpunkt stärker auf Grooves und Energie.

ECM Sounds, Andy Sheppard Quartet - Impressionismus mit gehörigem Drive D. Voss / ECM Records Andy Sheppard

"Romaria" ist das jüngste Kapitel einer musikalischen Geschichte, die 2011 ihren Anfang nahm, als Saxophonist Andy Sheppard mit Bassist Michel Benita und Schlagzeuger Sebastian Rochford das Album "Trio Libero" einspielte. Das kreative Verständnis zwischen den drei hochindividuellen Protagonisten war unübersehbar. Für das darauffolgende Album "Surrounded By Sea", das 2014 aufgenommen wurde, wurde das Ensemble durch den Gitarristen und Elektroniker Eivind Aarset zum Quartett erweitert und seine Arbeitsmethode ausgeweitet. "Ich wollte das, was ich mit dem Trio Libero machte, nehmen und die Harmonien hinzufügen, die ich in meinem Kopf hören kann, wenn ich rur mit Bass und Schlagzeug spiele", erklärte Sheppard der britischen Website Jazz View. "Eivind ist eine erstaunliche ‘orchestrale’ Stimme mit exquisitem Geschmack - die perfekte Wahl für diese Rolle." In einem Interview mit der Zeitschrift Jazzwise ging Sheppard noch weiter und nannte das Quartett seine Traumband. Das US-Magazin Jazz Times bezeichnete die Musik des Ensembles als "impressionistisch und doch erfüllt von durchdringender emotionaler Klarheit". Eine Beschreibung, die auch auf die Musik von "Romaria" übertragbar ist.

Das neue Programm besteht fast durchweg aus Kompositionen des Saxophonisten (einzige Ausnahme ist das Titelstück des brasilianischen Singer-Songwriters Renato Teixeira), bei denen Eivind Aarset mit seinen Gitarren und elektronischen Geräten ein zu Improvisationen einladendes Klima erzeugt. Die Musik gewinnt so einen stark atmosphärischen Ambient-Einschlag, den Sheppard eindeutig als befreiend empfindet - genauso wie Bassist Michel Benita und Schlagzeuger Seb Rochford, die sich von rhythmischen Konventionen lösen und ganz eigene leidenschaftliche Statements machen können. Und es gibt auch jede Menge Drive: Rubato-Spiel und treibende Elemente können in Sheppards musikalischem Universum koexistieren und sich überlagern. Beste Beispiele dafür sind Stücke wie "Thirteen", "They Came From The North" und "All Becomes Again", die sich alle durch dynamische Interaktion auszeichnen.

 "Ich wollte die Stimmung von ‘Surrounded By Sea' wieder aufgreifen", sagt Andy Sheppard, "und Musik schreiben, die die wundervolle Musikalität von Eivind, Seb und Michel hervorhebt. Außerdem wollte ich den Kern ein wenig robuster machen und den Schwerpunkt - anders als beim letzten Album - stärker auf Groove und Energie verlagern."

Die Auftakt- und Schlussnummer des Albums ("And A Day..." und "Forever...") waren ursprünglich zwei Versionen einer sich langsam entfaltenden Ballade mit dem Titel "Forever And A Day". Beide werden von Sheppards sanftem Saxophon und Benitas melodischem Bass geprägt, die mit Rochfords minimalistischem Schlagzeugspiel und Aarsets Klanghalo kontrastieren: "Manfreds geniale Idee, die beiden Takes am Anfang und Ende der Session zu verwenden, brachte mich dazu, die Nummern entsprechend umzubenennen."

"With Every Flower That Falls" ist Teil einer Suite, die Sheppard letztes Jahr im Auftrag des Bristol Jazz & Blues Festival anfertigte, wo sie als "Live-Filmmusik" eine Vorführung von Fritz Langs prophetischem Science-Fiction-Klassiker "Metropolis" untermalte. Auf dem Festival wurde die Musik von einem zehnköpfigen Ensemble mit u.a. Sheppard, Aarset und Michele Rabbia als Solisten aufgeführt.

Das Titelstück "Romaria" nahm Andy Sheppard auf Wunsch seiner Frau Sara ins Programm auf: "Sie legte mir nahe, mich mit ihm auseinanderzusetzen und spielte mir die wundervolle Version von Elis Regina vor, in die ich mich natürlich sofort verliebte. Für mich passt das auch zu unserem kürzlichen Umzug nach Portugal, dem Land der Sonne und der Saudade, zwei Dinge, von denen ich hoffe, dass sie der Hörer auch auf dieser Aufnahme wiederfindet..."